Portugiesische Grübeleien – Seite 1

Selber schuld, wer seinen Augen traut, sagte der Monsignore. Tatsachen sind etwas Schönes, aber den Portugiesen ist mit ihrer Hilfe nicht beizukommen. Ein schwieriges Terrain. Nach wie vor viel Frömmigkeit, wenn auch von der abergläubischen Sorte. Aber versuchen Sie einmal, dieses Volk zu missionieren! Sie beißen auf Watte. Er wußte genau, daß ich nichts dergleichen im Sinn hatte und daß ich seinen Rat nur in weltlichen Dingen suchte. Als ich ihn um Erlaubnis bat, das Interview mitzuschneiden, lächelte er druckreif.

Ihren Auto Atlas, fuhr er fort, können Sie vergessen. Die Landkarten lügen.

Wie meinen Sie das, Eminenz?

Portugal, sagte er, ist wie Irland, mit dem es viel gemeinsam hat, eine Insel. Ja, ganz im Ernst: eine Insel, die am westlichen Horizont verschwimmt, ein Überrest des sagenhaften Atlantis. Genaugenommen sogar ein Archipel; denn in der Ferne, weit jenseits der Hesperiden, tauchen noch weitere portugiesische Eilande auf. Ich habe sie vor Jahren einmal besucht. Es gibt dort nur Bomberkommandos, Pauschalreisende und Wetterfrösche. Ein ultramarines Europa, mein Freund, das den Hotelköchen ihren Madeira liefert und den Bewohnern des Festlandes ihre Hochdruckgebiete. Ich habe Leute getroffen, wandte ich vorsichtig ein, die behaupteten, sie hätten die Ufer Portugals trockenen Fußes erreicht, per Eisenbahn oder nach grauenvollen Fahrten mit ihren CampingAnhängern. Er wischte solche Zweifel vom Tisch. Das sind Gerüchte, erwiderte er. Diesen phantastischen Geschichten von schwankenden Briikken, abgelegenen Zollstationen und staubigen Saumwegen haftet etwas Übertriebenes an. Fragen Sie doch die angeblichen Nachbarn! Die Spanier aus Andalusien und Estremadura zucken nur mit den Achseln, wenn man sich erkundigt, ob es jenseits der Berge, auf der anderen Seite des Guadiana, festes Land gäbe, und wer da wohne. Umgekehrt wollen die Portugiesen von den Spaniern nichts wissen. Wenn die beiden Länder tatsächlich eine gemeinsame Grenze hätten, dann müßte es doch möglich sein, auf einer Oberschule in Porto oder Lissabon Spanisch zu lernen. Aber davon kann keine Rede sein. Englisch gern, Französisch meinetwegen, sogar Deutsch oder Latein. Nur Spanisch, Spanisch gibt es nicht.

Alles, was Portugal braucht, wird, wie es sich für eine Insel gehört, per Schiff oder Flugzeug eingeführt, von der Erdnuß bis zum schlüsselfertigen Chemiewerk. Das gleiche gilt für die Ausfuhr. Der Kontinent ist fern, so fern wie Brasilien oder Indien "Mein Sohn hat in Europa studiert "Der arme Caetano, er hat keine Arbeit gefunden, und so mußte er acht Jahre in Europa zubringen " Es hört sich an wie eine Expedition. Ein gewisser Stolz schwingt mit, aber die Klage überwiegt. Die Auswanderung ist ein alter Fluch des Landes, und Europa ist für die meisten ein Ort der Verbannung. Wer verläßt schon aus freien Stücken die heimische Küste?

Außerdem kostet Reisen Geld. In Lissabon wird Sie jeder, absolut jeder, der flüchtigste Bekannte, zum Essen einladen, die Restaurants sind immer überfüllt, aber täuschen Sie sich nicht! Es ist kein Geld vorhanden. Neulich las ich irgendwo eine Statistik. Nur jeder dritte Portugiese verläßt seine Wohnung, um Ferien zu machen, und nur drei Prozent der Inselbewohner haben im vergangenen Jahr fremden Boden betreten.

Das ist nicht nur eine physische Tatsache. Dieses Inseldasein prägt auch das historische Bewußtsein der Portugiesen, ihre Mentalität. Die Abgeschiedenheit fördert eine übernatürliche Ruhe, die bis zur Schlafkrankheit, und eine Geduld, die bis zur Resignation gehen kann. Liebe alte Gewohnheiten halten sich länger als anderswo, zum Beispiel das Heidentum. Ich könnte Ihnen Dinge erzählen, die Sie nicht für möglich hielten ; Auch eine gewisse Empfindlichkeit und ein gesundes Mißtrauen zeichnen den Insulaner aus. "Orgulhosamente sös": Wir stehen allein da, und wir sind stolz darauf - kaum eine Losung der alten Diktatur hat bei den Portugiesen soviel Anklang gefunden wie diese. Na ja, wer keine Nachbarn hat, der neigt zum Monolog. Was hat man den Portugiesen nicht alles nachgesagt. Selbstgerecht seien sie und selbstvergessen, selbstgenügsam und selbstgefällig Immer diese fatale Vorsilbe der ihr Lob noch ihre Verachtung, weder ihre Kritik noch ihr Betrug kommt ohne sie aus. Eine kleine Pause trat ein. Der Monsignore zündete sich eine Zigarette an und ließ seine Blikke auf dem blühenden Oleander draußen im Garten ruhen.

Portugiesische Grübeleien – Seite 2

Aber nicht nur im Raum gibt es Inseln, sagte er endlich. Auch die Zeit hat ihre Archipele.

Wie meinen Sie das?

Er nahm einen Bleistift zur Hand und zeichnete ein paar konzentrische Kringel aufs Papier. Das könnte ein Höhenrelief sein, oder eine Wetterkarte, fuhr er fort. Nicht, daß Sie denken, ich hätte etwas gegen die Geographen. Im Gegenteil, manchmal träume ich von Baum- und Packeisgrenzen. Linien gleicher Regenmenge oder gleichen Springtidenhubs - wissen Sie, was das ist? So entstehen abstrakte Gebirge und Täler, aus denen zu ersehen ist, wieviel Schnee in einer Gegend fällt, oder wie hoch der Anteil der Katholiken ist. (Hier lächelte der Monsignore ) Oft habe ich mich gefragt, wie wohl eine Topographie der Zeit aussehen würde. Denn die Jahreszahl auf dem Kalender, was besagt sie schon? Es gibt viel Ungleichzeitigkeit in unserer Welt. Warum immer nur Isothermen und Isobaren? Viel interessanter wäre es, Linien zu finden, an denen sich ablesen ließe, welche Zeitzonen wir durchwandern, wenn wir reisen Linien, die die Risse und Verwerfungen der Geschichte zeigten Man könnte sie Isochromen nennen. Nehmen wir einmal an, Sie und ich, wir lebten tatsächlich im Jahre 1986 - eine kühne Voraussetzung! , und wir besuchten eine Kleinstadt in. Mecklenburg, so käme es uns vielleicht vor, als schriebe man dort das Jahr 1958. Eine Siedlung am Amazonas ließe sich auf das Jahr 1935 datieren, und ein Kloster in Nepal auf die nappleonische Zeit. Auf einer solchen Karte, darauf wollte ich eigentlich hinaus, würden große Teile Portugals als Zeitinseln erscheinen. Ich habe immer das Gefühl gehabt, es sei dort "wie früher". Ein äußerst ämbivalentes Gefühl. Kennen Sie das? Ein Hauch von anden en. Damals, als die Menschen noch anspruchsloser, kleiner, stummer waren. Die Würde ging mit dem Elend, die Frömmigkeit mit der Unterdrükkung Hand in Hand. Diese alten Frauen, einen Meter fünfzig groß, mit ihren Eierkörben, ganz in Schwarz gekleidet. Diese Dreiräder, die bergauf durch enge Gassen dröhnten Diese Ziehharmonikas, wie in einem Fellini Film. In Portugal kann es Ihnen heute noch passieren, daß ein Lieferant oder ein Bittsteller einen Brief mit den Worten unterzeichnet: com a maior considerac äo de V" Ex 1, atto ven dor e obgdo, das heißt:

in tiefster Hochachtung Euer Exzellenz aufmerksamer und dankbarer Verehrer Abgetragene Sonntagsanzüge, Mützen von früher, Relikte von alten Klassen: Gutsbesitzer, Schaffner, Landarbeiter, die wie Gutsbesitzer, Schaffner, Landarbeiter aussehen Achten Sie auch auf die Uhren, die vielen Uhren an den Türmen, den Markthallen, den Ladenecken. Sie stammen aus einer Zeit, da die Uhr etwas Seltenes, Kostbares war. Nur Apotheker, Direktoren, Geheimrätekonnten sich eine eigene Uhr leisten. Sie werden feststellen, daß all diese öffentlichen Uhren falsch gehen, besser gesagt, sie sind stehengeblieben. Es zieht sie niemand auf. Ich erinnere mich auch an den Gerichtsschreiber in seinem lichtlpsen Büro, der den Bindfaden, mit dem er seine Akten zusammenheftet, zwischen den Zähnen festhält, damit er die tintenblauen Finger frei hat, und an den blinden Geiger auf der Fähre nach Cacilhas. Er stochert mit seinem weißen Stock die Gangway hoch, er hat das Futteral eines alten Photoapparats umgehängt, in dem, während er die Violine stimmt, die Münzen klappern. Abends werden Sie ihn in der Oberstadt wiederfinden, vor den Nachtlokalen, ohne sein Instrument. Dann brabbelt er vor sich hin, er ist betranken, er murmelt etwas von Salazar, und die jungen Mädchen, die am Eingang der Diskothek stehen, weichen zurück vor seinem ausgelaufenen Auge.

In New York habe ich einmal ein Geschäft gesehen, das Second Childhood hieß. Im Schaufenster lagen verbeulte Blechspielsachen aus den dreißiger Jahren. Doch was der Laden seinen Kunden bot, und zwar zu exorbitanten Preisen, war kein Spielzeug, sondern ein Trip, eine Reise in die Vergangenheit. Nun, solche Zeitreisen sind in Portugal gratis zu haben. Zugegeben, auch in Lissabon bricht die Außenwelt ein, manchmal sogar sehr plötzlich und brutal, aber es ist schwer, die Insel gleichzuschalten, plattzuwalzen, zu sanieren. Überall finden Sie Enklaven, die still vor sich hinmodern. In den Kramläden finden Sie Schachteln, die vor fünfzehn Jahren abgefüllt wurden, und selbst den Müll durchstöbert immer noch ein junger Arbeitsloser oder ein struppiger alter Mann auf der Suche nach brauchbaren Resten. Und auch die Gedanken sind zurückgeblieben.

Ich sage es ohne Herablassung. Es liegt eine gewisse Unschuld in dieser Zurückgebliebenheit. Vielleicht ist auch die Kirche in Portugal nur ein Relikt. Diejenigen, denen es zu langsam ging, sind schon lange fort. Die Ehrgeizigen, die Ungeduldigen, die Habgierigen haben, in immer neuen Wellen, das Land verlassen. Dieser Exodus hält seit fünf Jahrhunderten an. Jeder dritte Portugiese lebt im Ausland. Den anderen, den Zurückgebliebenen verdankt die Insel ihren Charme und ihren Jammer - Verzeihen Sie, ich bin ins Plaudern geraten.

Der Monsignore warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Sie ging exakt. Die Audienz war beendet.

Portugiesische Grübeleien – Seite 3

Der 1 Doktor ist schon lange tot. Neunzig Jahre ist es her, daß man ihn begraben hat. Aber seine Armenpraxis hat er bis auf den heutigen Tag nicht geschlossen.

Dr Jose Tomäs de Sousa Martins war ein Fortschrittsmann, den die somnambule Phantasie seiner Landsleute in einen Wiedergänger verwandelt hat. Zum ersteh Mal ist er mir in einem Schaufenster an der Rua da Madalena entgegengetreten. Eine angemessene Umgebung für Begegnungen der zweiten Art; denn diese Straße ist das Reich der Sanitätshäuser. Beklemmende Reliquien bieten sich dort den Blicken der Passanten dar: Rathgebers Zehenspreizer zum Beispiel, ein ekelhafter, rosa Gegenstand, der dem Kaugummi eines Riesen gleicht, oder ein leichenhafter Wachsfuß, der mit Hühneraugen und Hornhäuten übersät ist: eine Fundgrube für New Yorker SM- und BondingFreunde, nur daß die Halsbänder aus Nickel und Gummi, die Schnürleiber und Suspensorien nicht der Lust, sondern dem Wohle der leidenden Menschheit geweiht sind.

Mitten in diesem Jahrmarkt des Fetischismus, in dieser Parade von Gebrechen hat sich ein Devotionaliengeschäft eingenistet mit Neon Madonnen, Rosenkränzen und armdicken Kerzen, auf denen blutrot das heilige Herz lodert, und dort fand ich ihn, den armen Doktor, aus Gips, immer nach ein und demselben Modell gebildet, als Büste oder Statuette, angetan mit einem schwarzen Wams, die kurzen Puffärmel gefältelt und gebauscht, und mit einer fuchsroten Perücke versehen. Sein bleistiftschmaler Mongolenschnurrbart hing ihm bis aufs Kinn, und der Blick, mit dem er mich ansah, war betrübt. Für 325 Escudos aufwärts war Dr Sousa Martins, der sonderbare Heilige, in verschiedenen Formaten zu haben.

Als ich ihn ein paar Tage später wiedertraf, stand er in übernatürlicher Größe vor mir, auf einem enormen Piedestal, am Campo dos Märtires da Pätria, aus massiver Bronze, gleich vor dem Portal der Medizinischen Fakultät. Ich begriff ohne weiteres, daß ich es nicht mit einem gewöhnlichen Denkmal zu tun hatte. Um das Rondeel herum war ein Kommen und Gehen, ein ständiges Gewimmel, ein eifriger Betrieb. Der Doktor blickt von seiner Säule aus auf ein Meer von Marmortafeln herunter, in die bald nur das schlichte Wort "Danke" eingemeißelt ist, bald längere Legenden und ausführliche Krankheitsgeschichten. Paßphotos und Püppchen künden von seinen mystischen Erfolgen; denn Dr Sousa Martins ist zuständig für alles, er unterhält eine Allgemeinpraxis für hoffnungslose Fälle. In einem Blechkasten zu seinen Füßen brennen Dutzende von Kerzen. Eine wachsbleiche Hand, ein Krückstock, eine Plastikbrust, ein Glas voll Nierensteine zeugen von wunderbaren Heilungen. Eine robuste Sechzigjährige führt einen schwunghaften Handel mit Gegenständen, die dem Kult des Doktors dienen.

"O Geist des Dr Sousa Martins", lese ich auf einem der Heiligenbildchen, die sie vertreibt, "erhöre mich, steh mir bei, erbarme dich meiner! Gebenedeit sei deine Mutter Maria der Schmerzen dafür, daß sie der Welt einen solchen Sohn geschenkt hat!", Ich konnte den Verdacht nicht loswerden, daß es mit dem übernatürlichen Sanitätsgeschäft des Dr Martins eine eigentümlich portugiesische Bewandtnis haben müsse, und ich beschloß, meine Bekannten an Ort und Stelle danach auszufragen. "Das ist doch ganz einfach", sagte der erste, ein Arzt, der in einer Schlafstadt vor den Toren Lissabons praktiziert "Ich hoffe natürlich, daß Ihnen hierzulande nichts zustößt; sollten Sie aber je ein portugiesisches Krankenhaus von innen kennenlernen, so werden Sie rasch begreifen, warum die Leute nach Fätima oder zu Dr Sousa Martins pilgern. Man wartet lieber auf ein Wunder, als daß man auf dem Korridor stirbt "

Die zweite Auskunft, die mir zuteil wurde, ist etwas allgemeiner gehalten. Es handelt sich um eine Lesefrucht. Der Historiker Antonio Jose Saraviva sagt, die Portugiesen seien davon überzeugt, "daß sich die Probleme nicht durch menschliche oder logische Mittel lösen lassen, weil es in den Dingen keine Vernunft gibt, sondern nur Zufälle und Wunder". Mein dritter Zeuge lachte mich aus "Was wollen Sie? Das Phantastische ist eben unser tägliches Brot! Haben Sie nie von Dona Branca gehört? Ich habe eine ganze Artikelserie über diese Dame geschrieben. Dona Branca dos Santos war bereits hoch in ihren Siebzigern, als sie in ihrer bescheidenen Privatwohnung eine Bank eröffnete. Sie versprach den Einlegern eine Verzinsung von monatlich 10 Prozent. Ich habe keinen Taschenrechner da, aber ich glaube, das macht, mit Zinseszinsen, über 300 Prozent pro Jahr. Bald war ihr Treppenhaus überfüllt, die Leute kamen und brachten ihr ganze Säcke voller Banknoten. Die Regierung wußte nicht, was sie machen sollte, denn Dona Branca zahlte monatelang pünktlich. Gegen Ende ihrer Laufbahn hatte sie Milliarden von Escudos kassiert. Aber sie versteht bis auf den heutigen Tag nicht, warum ihr Kartenhaus zusammengebrochen ist, und ihre Kunden, Tausende von braven Portugiesen, verstehen es noch viel weniger. Die Milliarden haben sich einfach in Luft aufgelöst.

Hier, ich habe Ihnen ein Konkurrenzblatt mitgebracht. Portugal ist, soviel ich weiß, das einzige Land, das ein Zentralorgan für das Wunderbare besitzt. Mit 50 Escudos, das sind 80 Pfennig, sind Sie dabei: Die Erde öffnet sich, und ein dämonischer Hund frißt 22 Arbeiter - Beweise für die Existenz der Engel gefunden - Vom Raumschiff Entführter kehrt nach elf Jahren zurück - um keinen Tag gealtert - 105jährige, dreimal gestorben, erfreut sich bester Gesundheit - Neun Meter hohe Hohlpyramide heilt Frigidität und Impotenz Ein Wunder: Chinesische Mutter trennt siamesische Zwillinge auf dem Küchentisch.

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Wie gesagt, das Journal des Unglaublichen ist unsere Konkurrenz, aber ich bin süchtig danach. Ich lese es jede Woche "

"Ich finde die Wunder, über die du dich wunderst, äußerst bescheiden", sagte mein Freund, der Romancier Almeida Faria "Wir haben in dieser Beziehung weit Besseres zu bieten. Darf ich dich an Dom Sebastiäo erinnern, dessen Gespenst uns bis auf den heutigen Tag heimsucht?" In solchen Fällen halte ich es für das Gescheiteste, die eigene ;3 kSjihMis gestehen.

j fir !lr aer einiigeportugiesische König, der heute noch im Gedächtnis des Volkes fortlebt. Das Interessante daran ist, daß er diese Beliebtheit nicht seinen Erfolgen verdankt - Erfolge hatte er kaum , sondern seinem Scheitern. Sebastiäo war ein ausgesprochener Pechvogel: sein Vater starb vor seiner Geburt, seine Mutter hat sich nie um ihn gekümmert, die Jesuiten, die ihn erzogen, setzten ihm allerlei mittelalterliche Ideen in den Kopf, und seine Heiratspläne scheiterten daran, daß er an einer venerischen Krankheit litt.

Gegen den Willen seiner Ratgeber entschloß er sich, einen verspäteten Kreuzzug nach Nordafrika zu starten. Leider spielten die bösen Heiden nicht mit. Im August 1578, mitten in der Wüste - seine Gäule waren noch seekrank von der Überfahrt, und seine Ritter brieten in ihren Rüstungen - erlitt er eine katastrophale Niederlage. Fast der ganze Adel Portugals ging in dieser Schlacht zugrunde, und das Lösegeld für die Überlebenden ruinierte das Land. Ein Thronerbe war nicht vorhanden, und so fiel die portugiesische Krone an die Spanier. Der König selbst ist in irgendeinem gottverlassenen Wadi versunken - oder sagen wir lieber, er ist seit über vierhundert Jahren verschollen.

Denn wie jeder Portugiese weiß, wird er demnächst, an einem nebligen Morgen, wieder auftauchen, um seinem unterdrückten Volk Gerechtigkeit zu verschaffen und das Fünfte Imperium zu gründen "

Almeida Faria muß mir meine Verblüffung angesehen haben; denn er kam mir sofort mit einigen Erläuterungen zu Hilfe.

"Du weißt offenbar nicht, daß die Vorsehung mit Portugal noch allerlei vorhat? Ja, mein Lieber, wir sind die Träger einer geheimen Botschaft und dazu ausersehen, einen zukünftigen Gral zu tragen. Es hat sich nur noch nicht überall herumgesprochen.

Portugiesische Grübeleien – Seite 5

Um es kurz zu machen: Das Fünfte Reich ist uns in den Prophezeiungen eines analphabetischen Schusters aus dem 17. Jahrhundert versprochen worden. Aber keine Angst! Wir werden den Rest der Welt nicht mit Waffengewalt unterwerfen. Wir sind zwar das auserwählte Volk, daran ist kein Zweifel möglich, aber unsere Aufgabe besteht lediglich darin, das Universum geistig zu erneuern. Wir wollen also nicht über euch herrschen, wir wollen euch nur zur Einkehr bringen.

Und nicht, daß du denkst, dieser Wahn wäre nur bei provinziellen Spinnern zu Hause! Früher mal war die Erwartung des sebastianischen Messias ein volkstümlicher Glaube. Im zwanzigsten Jahrhundert ist sie zur Ideologie geworden. Der größte Dichter der portugiesischen Moderne, Fernando Pessoa, hat mit ihr geflirtet, in den fünfzia portuguesa die trübe Mär von der angeblichen Mission unseres Landes salonfähig gemächt, und du wirst es nicht für möglich halten: Salonfähig ist sie geblieben, bis auf den heutigen Tag. Nicht wenige Intellektuelle klammern sich an die Hoffnung, es werde uns schon jemand aus unserem Schlamassel heraushelfen, einem Schlamassel, das so alt ist wie die Sebastian Legende. Wer dieser Messias ist, Salazar, Otelo oder die Heilige Jungfrau, das ist nicht so wichtig. Hauptsache, wir haben jemanden, an den wir uns halten können " Abends saß ich allein an der Bar. Portugal kann sehr kalt sein. Die Feuchtigkeit steigt in den alten Mauern hoch, die Bettlaken fühlen sich klamm an, und eine Heizung ist gewöhnlich nicht vorhanden. Außerdem hatte mich die sonderbare Hoffnung auf die Wiederkehr einer königlichen Leiche ziemlich deprimiert. Der Barmann dagegen war bei bester Laune. Er war höchstens fünfundzwanzig Jahre alt. Als er mir erzählte, daß er ein abgebrochenes Ethnologie Studium hinter sich hatte, fragte ich ihn, was er vom Sebastianismus und vom Fünften Reich halte. Er lachte "Dieser Nonsens verrät immerhin eine rege Phantasie", sagte er, während er fortfuhr, seine Gläser zu trocknen. "Auf irgendeine Art und Weise, müssen wir schließlich unsere eigene Ohnmacht kompensieren. In dieser Kunst haben wir es weit gebracht. Was geschieht, hängt nicht von uns ab, sondern wer weiß von wem, von den Sternen, von Gott, vom Ausland. Das ist jedenfalls unsere historische Erfahrung. Die höhere Gewalt, mit der wir es zu tun haben, kann die unglaublichsten Gestalten annehmen, zum Beispiel die eines obskuren Professors der Finanzwissenschaften namens Salazar. Oder nehmen Sie den Gemeinsamen Markt mit seinen unbegreiflichen Gleitklauseln und Ausgleichskassen. Man könnte von einem portugiesischen Cargo Kult sprechen, nur daß wir nicht recht wissen, welche Fracht die fernen Götter bringen. Denn nicht nur das Gute, auch das Böse kommt von oben, von außen. Nie ist unser Unglück hausgemacht. Immer sind andere daran schuld, die Franzosen, die Engländer, vor allem aber die Spanier. Es kann freilich auch Moskau sein, oder der Tourismus, oder die CIA. Dafür, daß ich hier stehe und Gläser spüle, ist vermutlich die Weltbank verantwortlich, aber wie Sie sehen, trage ich es mit Fassung. Möchten Sie noch einen Drink? Nein? Eines steht jedenfalls fest: Es hat keinen Sinn, die Dinge selber in die Hand zu nehmen "

Aber da war doch was Ich suche, ich stochere, wie es in der Nationalhymne heißt, "im Nebel der Erinnerung" War da nichts? "O esplendor de Portugal Natürlich, die Fernsehbilder gingen um die ganze Welt, die Zeitungsausschnitte sind noch nicht vergilbt. Ein Aufbrach war das, ein Tumult: Nelken in Gewehrmündungen, aufgesprengte Gefängnistore, Unterdrücker auf der Flucht, Freudentränen, Friedensschlüss e Das alles ist noch gar nicht lange her, keine fünfzehn Jahre, und scheint doch sonderbar entfernt, unvorstellbar, verdunstet und verweht. Etwas Unvergeßliches, das vergessen ist.

Ich war sogar dort, ich habe es selbst gesehen. Ein Zungenreden war das, ein politisches Pfingstfest! Die Welt rieb sich die Augen. Ein Traum, den damals viele hegten, schien plötzlich eingelöst, über Nacht, dort, wo man es zuallerletzt erwartet hatte. Das abgelegene, das zurückgebliebene Portugal leuchtete wie eine Fata Morgana, eine Insel der Zukunft. Ein Strom von Zaungästen setzte ein, um dieses Wunder zu betrachten, und wer bibelfest war unter ihnen, mochte die Schrift zitieren und sagen: Die letzten werden die ersten sein!

Ja, ich erinnere mich, es war ein anderes Lissabon. Mit einem Mal war das alles wie fortgeblasen: die alte stockfleckige Ergebenheit, das bescheidene, abgeschabte Duldertum, der klägliche Fatalismus. Auf dem Rossio herrschte ein Taumel bis in die späte Nacht, Verbrüderangen, Demonstrationen, Gerüchte, Streitgespräche - merkwürdig gewaltlos das Ganze, keine eiserne Faust zeigte sich, die Akten der Geheimpolizei wurden auf die Straße gekippt, die Fabriken in der Hand der Arbeiter, die Waffen blieben gesenkt; und was das Tollste war: die Mauern der Millionenstadt füllten sich über Nacht mit farbigen Zeichen und Bildern. Jeder malte und schrieb, was er wollte. Und es waren keine Schablonen, keine Parolen, keine Klischees, was da stand. Nicht die stereotypen Lügen der Bürokraten bedeckten die Mauern, nicht die trostlosen Graffiti der analphabetischen Null stars von New York, denen immer nur eines einfällt: Ich Ich Ich; sondern gemalte Träume stiegen auf, Utopien, so hoch die Arme reichen, wucherten über die Fassaden; es war ein politischer Rausch, bunt, tropisch, psychedelisch, hemmungslos. Kein Monolog, sondern ein Stimmengewirr, eine rasende Vielfalt von Wünschen: die Kunst für alle, die Gerechtigkeit für alle, das Testbild einer besseren Welt, auf den brüchigen Putz einer alten Stadt geworfen .

Ich weiß nicht, ob eines Tages Putzkolonnen mit Eimern und Bürsten aufgetaucht sind, um dieses semiotische Gesamtkunstwerk zu entfernen, aber ich glaube es kaum. Eine so gründliche, so systematisch arbeitende Verwaltung ist in Portugal nicht vorhanden. Ich glaube, das Bildermeer ist von selber verschwunden. Die Gleichgültigkeit, der Regen, die Enttäuschung haben die Schrift getilgt, die Spuren abgewaschen.

Heute scheint sich keiner mehr an das, was da stand, zu erinnern. An den Mauern Lissabons sind nur noch lustlose Slogans zu lesen: "Soares raus!" "Eanes raus!" "Cavaco Silva raus!" Von den "Errungenschaften" der Revolution will niemand mehr etwas wissen. Die Agrarreform wurde beerdigt. Im fernen Alentejo überleben noch ein paar Kooperativen, sie haben kein Geld für Maschinen, sie kämpfen um Kredite, sie haben sich unter die Fittiche der Kommunistischen Partei geflüchtet, einer Partei ohne Projekt, die sich in ihre historischen Festungen zurückgezogen hat und dort auf eine Zukunft wartet, die nur noch nostalgische Ruine ist. Die verstaatlichten Betriebe schleppen sich hin, proletarische Enklaven ohne Rendite, von Pleiten bedroht, von sinnlos aufgeblähten Verwaltungen geleitet, denen man Sabotage, Korruption und Unfähigkeit nachsagt.

Portugiesische Grübeleien – Seite 6

Die radikalen kleinen Parteien, die 1974 den Konfettiregen ihrer Abkürzungen über die politische Szene niedergehen ließen, sind heute unauffindbar. In einer Seitenstraße am Campo de Ourique fand ich noch ein baufälliges Haus, von dessen Fassaden ein paar ausgebleichte Transparente riefen: Alle Macht dem Volk! und: Die Reichen sollen zahlen! Aber das Büro war verlassen, die Fenster zerbrochen, die Glühbirnen herausgeschraubt, und die Fensterläden klapperten im Wind.

Francisco Veloso, ein kluger, optimistischer Bankier, sagte mir: "Nur wer vor der Revolution gelebt hat, weiß, wie süß das Leben sein kann. War es nicht Talleyrand, der das gesagt hat? Aber damit er es sagen kann, braucht es eben eine Revolution. Allerdings, zwei Minus ergeben noch lange kein Plus. Wenn Sie mich fragen, war Salazars Diktatur nur das erste Verbrechen, das uns in diesem Jahrhundert heimgesucht hat. Das zweite war die berühmte Nelken Revolution. Wir sind mit knapper Not davongekommen. Sie sehen mich so ungläubig an . Wissen Sie, was Cunhal, der Chef der Kommunisten, 1975 gesagt hat? Ich verspreche allen, die es hören wollen: ein Parlament wird es in Portugal nicht geben. Gott sei Dank, daß dieser Albtraum vorbei ist. Ich setze auf unsere kleine und mittlere Industrie, das sind die einzigen, die hierzulande etwas leisten, und ich setze auf die Demokratie "

Dann machte ich mich auf die Suche nach den Protagonisten von 1974. Aber das war schwieriger, als ich gedacht hatte. Otelo Saraiva de Carvalho, der charismatische Haudegen, saß im Hochsicherheitstrakt von Monsanto und erschien nur selten vor den Richtern, die in einem endlos verschleppten Verfahren darüber entscheiden sollten, ob er ein Terrorist war oder nicht. Die roten Generäle und Admiräle hatten sich in ihre Villen zurückgezogen und waren nicht zu sprechen. Mancher Ultralinke hatte sich nach Paris, mancher Spinolist nach Brasilien abgesetzt. Schließlich machte ich einen der studentischen Wortführer des großen Tumults ausfindig, einen ehemaligen Maoisten, der mich bat, seinen Namen nicht zu nennen.

"Ja, natürlich, ich erinnere mich an unseren Streit, auf der Rückfahrt von Setubal, im Auto . Aber worüber wir uns gestritten haben sagte er, "das habe ich vergessen Diese Bilder, diese Schriften an der Wand, die du so bewundert hast, waren nur eine träumerische Übermalung der Realität, das ist klar. Unsere Revolution war überhaupt mehr Tünche als Substanz. Oh, ich habe mitgetüncht, das weißt du, und es reut mich nicht. Und das Ergebnis war, trotz allem, ein irreversibler Bruch mit der Vergangenheit. Natürlich haben wir keine Utopie verwirklicht, den Kapitalismus nicht abgeschafft, die ökonomische Basis nicht umgewälzt. Aber wer kann sich heute noch vorstellen, wie es vorher war? Ein ganzes Land vierzig Jahre lang einbalsamiert wie eine Mumie! Das war die Leistung Salazars. Die Zeit stand still. Alle abgedankten Könige der Welt fanden hier, hinter den Mauern des Regimes, ihre heile Welt. Es wimmelte von Dienstboten, zu den Festen der Bourgeoisie wurden Pianisten aus aller Weh eingeflogen. Ein Paradies der Parasiten, und für alle anderen das soziale Koma. Auf seine Art und Weise war auch Salazar ein Utopist. Er wollte eine Welt, in der sich nichts bewegt, die totale Hypnose. Und dann das jähe Erwachen. Plötzlich, von einem Tag auf den anderen, sollte alles ganz anders werden, eigentlich ohne Arbeit, ohne was zu tun. Die Diktatur auf den Kopf gestellt. Das Pfingstwunder. Aber im Grunde hat sich das Ganze en Die Portugiesen haben zugesehen. Das Volk, hat die Resultate geschluckt, so wie es zuvor die Republik geschluckt hat, dann die Unterdrückung, dann den Kolonialkrieg.

Wie gesagt, ich bin froh, daß ich dabei war. Niemand kann das, was 1974 geschehen ist -rückgängig machen, auch wenn es nicht an Leuten fehlt, die das versuchen. Aber eine Revolution war das Ganze nicht, sondern eine Charade, an der die Mehrheit der Portugiesen keinen Teil hatte. Sie war einfach abwesend, geistesabwesend. An ihrem guten Gewissen hat sich nie etwas geändert. Vorher war es das gute Gewissen des Regimes, dann das revolutionäre gute Gewissen, und heute ist es das gute Gewissen der Demokratie. Was die kompakte Majorität betrifft, so hätten wir damals auf dem Rossio ebensogut ein Fußballspiel diskutieren können wie das Absterben des Staates. Im übrigen führt man in Portugal bekanntlich nie etwas zu Ende. In Belem steht eines unserer größenwahnsinnigen Nationalmonumente, der Denkstein der Entdeckungen, eine faschistische Angelegenheit, 50 Meter hoch. Aber dummerweise kann man es zu Fuß kaum erreichen, weil ein Schienenstrang und eine Autobahn daran vorbeiführen. Also mußte man eine Fußgängerunterfiihrung bauen. Sie zu benutzen, ist eine halsbrecherische Sache, denn die Treppen sind bis heute nicht fertig. Schwer zu sagen, ob die Bauarbeiter die fehlenden Marmorstufen geklaut haben oder ob der Stein bereits vom Zahn der Zeit zernagt ist. Aber niemand wundert sich darüber. Schließlich ist auch der Ajuda Palast bis heute nicht fertig, obwohl mit dem Bau anno 1802 begonnen worden ist. Unsere Staatsempfänge finden also in einer Ruine statt. Und so ist auch unsere Revolution ein einstürzender Neubau geblieben, der Aufstand als Relikt "

Später, in einem dunklen Cafe, traf ich einen Portugiesen, der kürzer angebunden war. Er zeigte mir einen alten Mann, der eine dunkle Brille trug und apathisch vor seiner leeren Tasse saß. "Das ist ein alter Geheimpolizist, ein PIDEMann. Er spricht mit niemandem, er verzehrt, wie alle seinesgleichen, eine Staatspension, 40 000 Escudos werden es sein, 600 Mark, gar nicht schlecht für hiesige Verhältnisse. Er hat damals meinen Vater verhaftet und verhört. Aber mein Vater, der drei Jahre lang im Gefängnis saß, sagte: Ich bin ihm dankbar, andere wurden gefoltert, ich nicht, es hätte schlimmer sein können. Sehen Sie, wir haben nie mit diesen Leuten aufgeräumt. Wir sind keine guten Hasser. Wir haben kein Gedächtnis, wir haben nur Phantasien "

Im Morgengrauen wirkt der Schuppen, in dem die ankommenden Passagiere auf ihr Zollgepäck warten, trist und kahl wie eine Turnhalle. Es ist kurz vor sieben, die Maschine aus New York ist eben gelandet. Ein Pulk von Turnschuhen und T Shirts aus der Touristenklasse, die rosenblättrige Uhr aus der ersten.

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Keine zehn Schritt weiter fördert das endlose Band die Requisiten einer anderen Welt zutage: notdürftig verschnürte Körbe, Netze voller Lumpen, aufgerollte Bettdecken, Pappschachteln, Windeln, aufgeplatzte Fiberkoffer - Strandgut wie nach einer Schiffskatastrophe. Aber das Wrack ist glücklich gelandet. Es trägt die Flugnummer. TM 704, und die Schiffbrüchigen kommen aus Maputo. Säuglinge schreien, schwarze Frauen wickeln sich in große Tücher, ein Mann mit einem Holzbein wühlt in seiner Tasche, eine Greisin drückt ihre Habseligkeiten an die Brust, und selbst der Mulatte mit seinen vielzu großen gelben Schuhen, vielleicht ein Diplomat oder ein hochgestellter Funktionär, sieht benommen aus, als wäre er einem Unglück entkommen. Die Passagiere, die hier gestrandet sind, sprechen allesamt Portugiesisch. Das Land, aus dem sie kommen, Mogambique, gehört zu den ärmsten der Welt. In der Hauptstadt Maputo fehlt es an allem: an Eiern, an Trinkwasser, an Ärzten, an Brot, an Strom und Seife. Die Ankunftshalle, vor ihrer Ankunft noch ein trübbeleuchteter Schlauch, wirkt auf einmal einladend, wie das Tor zum Paradies.

In keiner Stadt Europas sieht man so viele braune, schwarze, gelbe Menschen wie in Lissabon. Nirgends tritt die Dritte Welt selbstverständlicher auf. Der Zustrom aus den früheren Kolonien hat in den letzten Jahren abgenommen, aber noch immer treffen in Portugal Tausende von sogenannten Rückwanderern ein. Heute kommen die meisten von den Kapverdischen Inseln, aber hartnäckigen Antragstellern gelingt es auch i$ Angola oder Mocambique immer wieder, durch Bestechung oder mit Hufe von Beziehungen, die begehrten Ausreisepapiere zu erlangen. Seit 1974 sollen, nach offiziellen Angaben, etwa 700 000 retomados ins Mutterland gekommen sein. Asiaten, Afrikaner, Portugiesen? Wer das unterscheiden könnte! Niemand scheint sich über diese Frage den Kopf zu zerbrechen, nicht einmal die zuständigen Behörden. Die Einwanderungspolitik des Landes ist von einer achselzuckenden Großzügigkeit. Feste Regeln scheint es nicht zu geben, und die Praxis gibt sich lässig. Dies, obwohl die Wohnungsnot drükkend, die Kriminalität beängstigend und die Arbeitslosigkeit unvorstellbar ist. Man unternimmt nichts gegen die Einwanderer, aber man tut auch nichts für sie; der Wohlfahrtsstaat steht für die meisten Portugiesen ohnehin nur auf dem Papier. Die Neuankömmlinge gehen auf den Bau, viele arbeiten schwarz, bei extrem niedrigen Löhnen, andere werden Dealer oder landen in der Prostitution. Aber die meisten haben es im Lauf der Jahre geschafft, die Wellblechhütten der Peripherie hinter sich zu lassen. Was ist erstaunlicher, die zähe Energie der retornados oder die mürbe Toleranz der Portugiesen?

"Du redest wie ein Journalist!" Mit diesen Worten wies mich eine deutsche Freundin zurecht, die seit Jahren in Lissabon lebt und auf deren Rat ich immer höre "Was du über das Flüchtlingsproblem sagst, ist oberflächlich, arrogant und falsch. Der staatliche Gesundheitsdienst funktioniert schlecht, und die Renten sind erbärmlich niedrig. Aber das heißt noch lange nicht, daß der Wohlfahrtsstaat nur auf dem Papier steht! So etwas kann nur ein verwöhnter Westdeutscher behaupten. Vor 1974 kannten die Portugiesen überhaupt kein soziales Netz. Das ist ein kleiner Unterschied! Und was meinst du eigentlich mit mürber In dem Haus dort drüben, gleich gegenüber, haben jahrelang Weiße und Schwarze unter einem Dach kampiert. Ich kann mich an keinen einzigen Krawall erinnern. Ein paar Straßen weiter standen vor einer Zahlstelle des Flüchtlingskommissariats immer lange Schlangen an. Von den Leuten aus dem Viertel, die weiß Gott selber Hilfsbedürftige sind, habe ich nie eine hämische Bemerkung gehört.

Portugal hat Milliarden für den Unterhalt der 11 Prozent des Staatshaushalts. Man hat die Leute in Lagerhäusern untergebracht, in leerstehenden Wohnungen, sogar in Luxushotels, wenn es nicht anders ging. Ja, sie schlugen monatelang ihr Lager im Ritz und im Avenida Palace auf. Man gab ihnen billige, langfristige Kredite, man sammelte Kleider für sie und bevorzugte sie, wo es um die Verteilung staatlicher Posten ging.

Sicher, manche haben in ihren Koffern und Kisten auch Marihuana mitgebracht und es auf dem Rossio verkloppt, aber wer hat dir weisgemacht, daß das kriminelle Milieu aus Flüchtlingen besteht? Fest steht nur eines: daß es den retornados heute nicht schlechter geht als den übrigen Portugiesen auch, und daß die ärmste aller Kolonialmächte das Problem relativ gut und erstaunlich schnell gelöst hat "

Das alles ließ ich mir gesagt sein. Sogar den Sergeanten der Nationaigarde versuchte ich zu überzeugen, mit dem ich an einem schläfrigen Sonntagnachmittag ins Gespräch kam. Er langweilte sich in seiner Wachstube am Largo do Carmo. Die Fliegen summten, und er hatte nichts zu tun. "Siebenhunderttausend? Die Zahl ist ja zum Lachen. Jeder weiß, daß es wenigstens zwei Millionen sind. Von wegen Rückkehrer! Das sind gar keine richtigen Portugiesen. Ich war in Angola als Rekrut, ich weiß Bescheid. Und überhaupt, welcher ehrliche Mensch ist schon freiwillig nach Übersee gegangen? In den Kolonien gab es doch von Anfang an nur Sträflinge, Taugenichtse und Lakaien! Es ist nicht ihre Hautfarbe, was mich stört - ich bin doch kein Rassist , es ist ihre Kultur. Sie wollen nicht arbeiten, sie essen lauter Abfall, sie stehlen, was das Zeug hält, schleppen Krankheiten ein, und ich weiß aus sicherer Quelle, daß manche von ihnen kleine Kinder fressen. Wir werden noch viele Probleme mit ihnen haDas alles brachte er treuherzig vor, gewissermaßen vernünftig, im heitersten Ton "Dann sind Sie also dagegen, daß man sie aufnimmt?" fragte ich. "Was schlagen Sie vor? Soll man sie rausschmeißen?"

"Um Gottes willen", sagte der Sergeant "Die Leute können doch nichts dafür! Das ist alles Salazars Schuld. Er hat diesen idiotischen Krieg geführt, er wollte nicht verhandeln. Dafür müssen wir jetzt die Rechnung zahlen. Das kommt davon, wenn man Kolonien hat. Früher brachten sie Gold ins Land und heute Kriminelle. Tja, so leicht wird man ein Weltreich nicht los!"

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Und zumindest mit diesem letzten Satz hatte der Sergeant die reine Wahrheit gesagt.

Auch die junge Historikerin gab ihm in diesem Punkte recht, die mir eine Woche später die wunderbare Bibliothek von Coimbra zeigte "Es stimmt nicht, daß wir kein Gedächtnis haben", sagte sie "Sehen Sie, diese Tische zum Beispiel mit den Intarsien sind aus indischem und brasilianischem Holz gemacht, und die Chinoiserien der Paneele weisen diskret auf unsere alte Kolonie Macao hin. Natürlich, jedes Volk redigiert die eigene Vergangenheit. Was uns betrifft, wir verstehen uns weder auf die Kosmetik, wie die Amerikaner, noch auf die Selbstzensur, wie die Russen. Auch die aggressive Amnesie der Deutschen liegt uns nicht. Dafür sind wir Spezialisten der Schattenbeschwörung. Die Geschichte ist für uns eine Art Seelenkino. Gespielt wird immer derselbe alte Film Das verlorene Imperium.

Bekanntlich war den Helden kein happy end beschieden. Aber wir schauen ihnen fassungslos zu. Waren das wirklich wir? Eine knappe Million Bauern, Hirten und Fischer, mehr waren es nicht, in einem abgelegenen Winkel der Welt, von niemandem beachtet - und dann, sozusagen von einem Tag auf den anderen, dieser kollektive Wahnsinn, dieser Taumel, auf eigene Faust und ich möchte sagen blindlings, alles zu entdecken, was es überhaupt zu entdecken gab. Gut, das Ganze hat nur fünfzig, höchstens hundert Jahre lang gedauert, aber wir haben uns nie davon erholt, und wir sind außerstande, es zu vergessen.

Nur an die Massaker, die wir verübt haben, können wir uns beim besten Willen nicht erinnern. Jeder Portugiese wird Ihnen sagen, daß wir nicht wie die anderen waren, grausam und berechnend. Nein, wir haben den Rassismus immer verabscheut, wir wollten für Brasilien, Afrika und Asien immer nur das Beste. Die reinsten Heiligen waren wir, verehrungswürdig und unantastbar. In Timor beispielsweise haben die Häuptlinge ihren Leuten bei Todesstrafe verboten, den Schatten eines Portugiesen mit Füßen zu treten. Solche Geschichten können Sie hierzulande immer noch hören, und sie werden allgemein geglaubt, auch von ernsthaften Leuten. Wir hegen die schmeichelhafte Illusion, daß man uns liebt. Auch die Revolution von 1974 hat diesen Traum weitergeträumt. Sie sah Portugal als Wortführer der Dritten Welt, dazu berufen, sie von ihren Übeln zu erlösen. Heute noch trifft man hier auf Schritt und Tritt Leute, Ökonomen, Politiker, Manager, die sich einbilden, wir verfügten über ein geheimnisvolles Know how, über privilegierte Beziehungen zu den Afrikanern, das sei unser unsichtbares Kapital, da liege unsere Zukunft. Es wäre allerdings eine Art Ausweg. Wenn wir schon in Europa keine besondere Rolle mehr spielen, so könnten wir doch als Beschützer und Fürsprecher von anderen auftreten, die noch ärmer sind als wir. In ihren Augen wären wir nach wie vor die Größten Sehen Sie, so erkläre ich mir den süßen Phantomschmerz der Portugiesen, der nicht verschwinden will.

Oder, um eine andere Metapher zu gebrauchen: Wenn Sie in einen hellen Zimmer das Licht ausschalten, sehen Sie im Dunkeln das Zimmer noch einmal, sein Nachbild auf der Netzhaut. So geht es uns mit dem verlorenen Kolonialreich. Zu Zeiten der Diktatur gab es eine Landkarte, von "irgendeinem Propagandisten des Regimes entworfen, die damals an allen Wänden hing. Auf dem Hintergrund war der Umriß Europas zu sehen. Ein einziges Land war mit kräftigen Konturen eingezeichnet: Portugal, eine Insel. Aber daneben waren andere, viel größere Inseln zu sehen, über den ganzen Kontinent verstreut. Das waren unsere sogenannten Übersee Provinzen. Der äußere Zipfel dieses imaginären Archipels reichte bis tief in die Ukraine. Dieses halbvergessene Bild haben viele von uns heute noch vor Äugen. So groß sind wir einmal gewesen!"

Ich weiß nicht, wer Xavier Pintado ist, ich habe ihn nie gesehen. Auf dem briefmarkengroßen Photo in der Zeitung sieht er wie ein hoher Beamter aus. Aber er schreibt nicht wie ein Technokrat. Sein Artikel, den ich in der größten Lissaboner Tageszeitung, dem Diario de Noticias, fand, trug den Titel "Der Rest". Niemand scheint ihn zur Kenntnis genommen zu haben, eine Diskussion darüber hat nicht stattgefunden. Das ist ein schlechtes Zeichen. Ich erlaube mir, ein paar Passagen aus diesem Text zu übersetzen:

"Ich war in Genf gewesen, auf einer Dienstreise in die Schweiz, das Land mit dem höchsten Durchschnittseinkommen der Welt. Als ich wieder in Lissabon landete, hatte Portugal soeben feierlich und mit großem Zeremoniell das Beitrittsabkommen zur Europäischen Gemeinschaft unterzeichnet.

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Um halb acht Uhr abends sah ich in der Unterstadt eine erleuchtete Kirche. Ich trat ein. Unter der Pforte, vor dem Windfang, lagen zwei Bettler. Der eine streckte, halb kauernd, die Hand aus; der andere, auf den weißen Stein der Schwelle hingelagert, zeigte eine Wunde auf seinem entblößten Bein.

Im Innern der Kirche hatten sich etwa dreißig Personen eingefunden, fast alles ältere Leute. Die meisten trugen schwarz, Rentner, Dienstboten, Arbeitslose, alles bescheidene Leute. Ein kleingewachsener Mann, der schon über siebzig Jahre alt war, las mit schwacher Stimme aus der Bibel vor, ein Kapitel aus Jeremia: Der Herr bat seinem Volk Ich hörte nicht länger zu, denn ich war ins Grübeln geraten. Es war das Wort vom Rest, das mir zu denken gab.

Ich sah die Szene in ihrem historischen Kontext. Israel lag am Boden. Die Jugend, die arbeitsfähigen Männer und Frauen waren deportiert worden Übriggeblieben war der Rest: die Alten, die Blinden, die Lahmen und die Schwangeren. Dieser Rest hat dann später eine symbolische Bedeutung gewonnen. Die Armen Jehovas, die anawin, waren jene, die keine Stimme und keinen Status hatten und die deshalb ihre ganze Hoffnung auf den Herrn richteten. Er würde eines Tages Israel befreien. Das war das Wesen der messianischen Erwartung.

Heute, dachte ich bei mir, sind die Portugiesen dieser Rest in jenem reichen, Europa, in das wir eben eingetreten sind und in dem wir immer die Letzten sein werden, ganz gleich, welchen Maßstab wir anlegen, den des Einkommens, den der Produktivität, den der Löhne. Vor unserem Beitritt hatte die Spannweite zwischen den ärmsten und den wohlhabenden Regionen 1:7 betragen. In Zukunft würde dieses Verhältnis bei 1:12 liegen, und zwei portugiesische Distrikte würden das Schlußlicht sein: Braganga und Beja. Dort, wie in jener elenden Kirche mitten in Lissabon, konzentriert sich die neue Armut Europas, die den Klagen des Jeremias zuhört, ohne ihren Sinn zu verstehen. Und ich frage mich: Was bedeutet für diese Menschen der Eintritt in die Europäische Gemeinschaft? Was hat er mit ihren Hoffnungen zu tun?

Ich erinnere mich an einen Vortrag, den Michael Emerson, einer der glänzendsten Ökonomen der Europäischen Kommission, vor Jahren in Lissabon gehalten hat. Er sprach über die verschiedener! Entwicklungsmodelle, die heute in Europa anzutreffen sind. Das portugiesische Modell, sagte er, kennt nur kurzfristige Maßnahmen; es ist unbestimmt, widersprüchlich, inkohärent, unvernünftig, und es läßt alle strukturellen Probleme links liegen.

Haben wir es überhaupt auf Stabilität, auf Effizienz, auf realistische Strategien abgesehen wie die anderen Europäer, oder ziehen wir die Unbeständigkeit, die Ideologie, die träumerische Flucht aus der Realität vor?

Wenn wir die falsche Wahl treffen, kann uns Europa nur noch einen letzten Dienst leisten. Es wird ein schlechter Dienst sein. Nach einer Übergangsperiode, wenn innerhalb der Gemeinschaft die volle Freizügigkeit gilt, wird der Norden unsere Arbeitskraft aufnehmen; dann wird emigrieren, wer emigrieren kann. Zurückbleiben wird, in einem zurückgebliebenen Land, der Rest. Die Portugiesen werden die anawin Europas sein " In einer alten Reisebeschreibung heißt es: "Die Stadt Beja ist ein entsetzliches Loch, mitten auf einer von der Sonne verzehrten Ebene. Ihre Straßen liegen verlassen da; alles schläft So weit würde ich nicht gehen, obwohl ich zugeben muß, daß die Ruhe, die hier herrscht, von der Verzweiflung schwer zu unterscheiden ist.

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Barfuß geht niemand, die winzigen Auslagen bersten vor ledernen Schuhen. Wie überall auf der Welt zeigt ein häßliches Kastell seine nackten Mauern und seine öden Kanonen vor. Der einsame Bahnhof aus dem Jahr 1940 sieht aus, als wäre ei 1912 erbaut, wie seine dunkelgrüne, gußeiserne Uhr, ein Erzeugnis von Paul Garnier, horloger mecanicien, Rue Taibout 6 et 16, Paris. Auch der Stadtpark mit seinem Musikpavillon und seinem Ententeich stammt aus einem vergilbten Album. Die Kinder kriegen, wenn sie keine Mädchen sind, immer noch ein Eis und dürfen alles. Wie überall auf der Welt gibt es zu viele Banken. Die schwarzgekleidete Alte mit dem hohen schwarzen Filzhut, ein. Meter fünfzig groß, schleicht, ein Reisigbündel auf dem Kopf, an der Wand entlang, aber ihre Enkelin trägt knallgelbe Jeans. Bejim Friseur prächtige Rasierpinsel, heiße und kalte Tücter, der mechanische Stuhl chromblitzend wie beim Zahnarzt, Papierrolle im Nacken, weit ausladende Fußstütze. Auf dem Finanzamt hängt eine Verordnung aus, datiert auf das Jahr 1954: Die Stube darf nur mit entblößtem Haupt betreten werden. In einer altertümlichen Veterinär Apotheke riesige Spritzen für das Rindvieh. Der Kreuzging des Klosters eine modrige Ruine; im Zellentiakt hat sich eine Kaserne eingenistet, in der alten PFörtnerloge dämmert eine Schreibstube. Der Installateur ist im Nebenberuf Vogelhändler, unter seinen Rohrzangen breiten sich Futtertüten aus. Wie überall auf der Welt ist das Kino die letzte Zuflucht: im "Esplanada" Alcatraz mit Clint Eastwood, Erotische Zuckungen in der "Schönen Aussicht". Die Arbeitslosen spielen Domino im Cafe Bienenkorb, gegründet am 1. Juli 1951 von Carlos Augusto Lanca, sieht aber eher nach 1921 aus. Frauen gibt es hier nicht, dafür einen schwirrenden Ventilator, einen ausgestopften Falken, eine herrenlose Personenwaage. Zur Feier des 1. Mai kündigt ein Plakat Hunderennen an. Die Windspiele hängen mit erhobenen Pfoten in der Luft. Auf dem Boden rascheln Zuckerpapierchen, Brotreste und Erdnußschalen. Kleine schneeweiße Adelspaläste beherbergen Partei- und Gewerkschaftsbüros. Das Haus der Kommunistischen Partei ist ausgestorben. Alle Türen stehen offen, im Regal gilben Breschnjew Reden und lachende Traktoristinnen. Endlich kommt ein Invalide aus einem Holzverschlag geschlurft. Er weiß von nichts. An seltenen Boutiquen trottet selten ein Esel vorbei. Ab und zu ein Moped, winziger Motor, ohrenbetäubender Krach, Stille.

Weiter draußen, an der Umgehungsstraße, liegt hinter Kabelrollen und verfallenden Schuppen ein kleiner, halbwilder Park. Dort hausen seit Menschengedenken die Zigeuner. Sie sind so arm, daß sie nicht einmal Zelte besitzen. Sie schlafen auf Säcken im Gras, und wenn es regnet, spannen sie eine Plane auf. Auch üben sie kein Handwerk aus, schleifen keine Scheren und flicken keine Pfannen. Nur ein paar Maultiere und struppige Pferde haben sie mitgebracht, denn am Montag wird in Beja der Viehmarkt abgehalten.

Ein paar Schritte hinter ihrem Lager beginnt, mitten im Alentejo, die Bundesrepublik Deutschland. Nagelneue Mercedes Limousinen und VWBusse mit Surfbrettern stehen, frisch gewienert, vor blanken Neubauten. Keine Wäsche hängt von den Baikonen, und zwischen den ordentlich betongefaßten Blumenbeeten führt eine blonde Frau ihren Dackel spazieren.

Im deutschen Viertel wohnt das Personal des DtLwÜbPIKdo Beja. So drücken es, mit ihrer alten Vorliebe für taktische Abkürzungen, die Militärs aus. In einer der ärmsten Provinzen Portugals hat sich eine Basis der deutschen Luftwaffe eingenistet. Die blonde Dame, mit einem Brandmeister verheiratet, der auf dem Flugplatz Dienst tut, vertraut mir arglos und auf Schwäbisch ihre Sorgen an. Man kann ja keinen Liegestuhl und keinen Turnschuh vor der Tür lassen Über Nacht kommt alles weg, sogar der Flokati Teppich. Die Zigeuner nehmen alles mit, was nicht niet- und nagelfest ist. Dann die Portugiesen, alle so schlaff, man versteht gar nicht, worauf sie hinauswollen. Die Putzfrau zum Beispiel. Freundlich ist sie, das muß man ihr lassen, billig auch, aber hundertmal habe ich ihr gesagt: Man muß die Bluse anfeuchten, bevor man sie bügelt - und immer wieder vergißt sie es. Dann sind natürlich die Ärmel voller Falten.

Beja gilt bei der Bundeswehr als Einöd Standort. Wo soll man abends hingehen? Die Wirtschaften sind schmutzig, man wird auch als Deutsche komisch angesehen, hier soll es ja viele Kommunisten geben. Dann die Sache mit den Bomben, der Schreck sitzt einem heute noch in den Gliedern. Vor einem Jahr sind mitten in der Nacht zwölf Autos in die Luft gegangen: Totalschaden. Die Versicherung mußte zahlen. Am Wochenende heißt es nichts wie weg, alle setzen sich ins Auto und fahren an die Algarve. Die Hotels sind viel zu teuer, da schläft man lieber im Camping Anhänger. Die Frau des Feuerwehrmannes kennt sich aus. Der Tag ist heiß, die Unterhaltung ist geruhsam, und der Dackel läßt sich Zeit.

Das Flughafengelände ist achthundert Hektar groß, 14 Kiloihetei Zaür4änge j; gefälliger rat. Der Kommandeur, Oberstleutnant Mienen, ein tüchtiger, weltläufiger Mann im orangeroten Battle Dress der Piloten, zeigt mir Hangars, Prüfstände, Flugsicherung, Such- und Rettungsdienst, Elektronik Werkstatt, Sattlerei, Klinik, Munitionsdepot, Einsatzzentrale. Sogar ein Duty Free Shop ist vorhanden, nur eine Sporthalle und ein Swimming Pool werden bitter vermißt. Die Basis macht den Eindruck eines gutgeführten Industriebetriebs. High Tech statt Kommißton, Spezialistentum statt Kadavergehorsam. Abschreckung als Spitzenprodukt, made in Germany. Beja, erklärt mir der Kommandeur, diene nicht als logistische Basis, es gehe hier nur um Schieß, Bomben- und Tiefflugtraining. Im Alentejo könne man ungestört auf hundert Meter heruntergehen; bei der Verständnislosigkeit, die bei der deutschen Bevölkerung für die Belange der Luftwaffe herrsche, bleibe einem ja nichts anderes übrig. Unbefangen wird das entscheidende Wort ausgesprochen: Lärmexport.

Nein, mit den Portugiesen gebe es keine Probleme. Die Kontakte mit dem Bürgermeister seien gut, das Verhältnis zur Bevölkerung im großen und ganzen positiv. Schließlich sei die Basis der größte Arbeitgeber weit und breit. Privat habe man leider wenig Kontakt mit den portugiesischen Militärs. Zeitdruck, Stress, und dann die Sprachbarriere Ein anderer Offizier, der uns zugehört hatte, offenbar ein Nato As, mischte sich ein. Er kenne praktisch jeden Platz zwischen Arizona und Anatolien, aber was die portugiesische Luftwaffe betreffe, könne er nur sagen: Alles Schrott, technisch und fliegerisch ein einziger Kindergarten, im Ernstfall können Sie die Portugiesen vergessen! - Der Kommandeur setzte eine steinerne Miene auf. Der Kamerad eben, sagte er mir beim Abschied, ist auf diesem Platz nur zu Gast. Wir dagegen Wie soll ich sagen? Mit einem Wort, wir schätzen solche Töne nicht.

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Abends dann im Deutschen Haus. Es gibt Jägerschnitzel und Kasseler Rippchen. Die Kath. Militärseelsorge teilt mit: Hl. Messe der Militärgemeinde 19 Uhr, Kapelle Basis, Block 111, Pater Dr. F. Hildebrand. Anschließend gemütliches Beisammensein.

Nach dem dritten Bier kommen die Geschichten. Zum Beispiel das Problem mit der schwarz4ppar rotgoldene Fahne. Auf portugiesischem Boden darf nämlich nur die portugiesische Flagge wehen. Das hat man uns wenigstens mit allem Nachdruck erklärt. Ob das irgendwo geschrieben steht? For " mell steht die Basis nämlich unter portugiesischem Kommando. Selbst der Staatssekretär aus Bonn, der neulich hier war, konnte die Herren aus Lissabon nicht von ihrer Auffassung abbringen. Was sollten wir machen? Schließlich haben wir unsere Fahne einfach aus dem Fenster gehängt. Und dann die berühmte Sache mit dem Hund. Nein, es war kein Dackel, sondern ein neurotischer Collie. Seine Herrin, die Frau eines Unteroffiziers, war selber etwas labil. ABpassungsschwierigkeiten, hieß es, psychische Belastungen. Jedenfalls ist ihr die Hand ausgerutscht, als sich ein kleiner Junge an ihrem Liebling vergriff. Da hätten Sie die Eltern aber sehen sollen! Portugiesen. Kindesmißhandlung, hieß es, die Polizei wurde gerufen, der Prozeß ist heute noch anhängig, bis das Gericht zu einer Entscheidung kommt, Kann es Jahre dauern, bis dahin ist die Täterin längst wieder zu Hause, im Sauerland oder in der Oberpfalz. Trotzdem, unangenehme Geschichte. Ich würde das einen Kulturkonflikt nennen: den Deutschen ist der Hund heilig, den Portugiesen das Kind. Aber sonst haben wir hier keine Probleme.

Die kürzeste Nacht des Jahres war fast wolkenlos. Eine schwache Brise zog vom Fluß her über die Terrasse, wo wir gegessen hatten "Alle gängigen Wittgenstein Interpretationen", sagte Louren50, mein neuester Bekannter, "scheitern an diesem springenden Punkt Wahrscheinlich hatte er recht, aber leider kann ich die Beweise, die er mir vortrug, nicht der Mitwelt überliefern. Ich war zu sehr damit beschäftigt, den rosa Schimmer zu bewundern, den die letzten Sonnenstrahlen auf die rosa Mauer warfen, vor der wir saßen. Es war nichts Milchiges oder Trübes an diesem Licht. Lourenco Vaz hatte mir auf Anhieb gefallen. Altklug, schüchtern und nonchalant, keinen Tag älter als 22, wirkte er wie ein Wunderkind auf mich. Er studierte Mathematik. Obwohl er keinen Pfennig Geld hatte - sein Vater war ein gescheiterter Arzneimittelvertreter und lebte von einer kleinen Pension , bewegte Lourengo sich, als läge ihm Lissabon zu Füßen: halb Dandy, halb enfant terrible. Ich bat ihn, mich durch die nächtliche Stadt zu führen.

In den winzigen Tavernen hinter dem Nationaltheater herrschte ein unaufhörliches Gedränge. Der Tresterschnaps, den man hier kippte, war scharf und billig. Lourengo sprach ein lupenreines Deutsch. Nach dem dritten bagafo brachte ich ihn durch eine gezielte Frage von Gödel, Tarski und den Antinomien der Axiomatik ab, und wir machten uns auf den Weg in die Oberstadt. Es war inzwischen dunkel geworden. Vor einem kleinen Haus, dessen Fassade mit Brettern vernagelt war, blieb er stehen "Das ist das Lokal", erklärte er, "in dem man, frag mich nicht, warum, gewesen sein muß. Angeblich trifft sich hier die junge Intelligenz. Sieh dir das an!" Tatsächlich war der Eingang von Figuren aus der Modeszene umlagert, und die Gesichtskontrolle war unerbittlich. Zu meiner Überraschung durfte Lourenjo sofort passieren, und auch ich kam in den Genuß von lauwarmem Whisky und dröhnender Musik. Eine Unterhaltung war nicht möglich. Wir ergriffen bald die Flucht. Draußen schwärmten alte Schauspieler, Taschendiebe, Damen in teuren Fummeln, kleine Dealer, Touristen durch die schmalen Gassen. Der Luxus hatte sich im Slum eingenistet. In der Rua Diärio de Noticias drang aus einem Keller eine heiser wimmernde Frauenstimme "Ich war noch nie in einem Fado Lokal", sagte ich. "Eigentlich höchste Zeit, daß ich mir das anhöre. Würdest du mitkommen?" Lourenco starrte mich an, als hätte ich ihn mit einem Messer bedroht. "Ausgeschlossen", rief er "Das kannst du nicht von mir verlangen. Ich halte es für meine Pflicht", fuhr er feierlich fort, "dich vor dieser klebrigen Zumutung zu schützen. Hier", - das folgende brachte er leiernd vor, mit verstellter Stimme , "hier findet die Seele des Portugiesen ihren musikalischen Ausdruck, im Fado, der so herrlich traurig macht. Yes Sir! Die Sucht nach dem unauslöschlichen Schmerz, der Genuß eines unnennbaren Unglücks, die Hoffnung auf die Verzweiflung - Ich zitiere nur, was dir jeder Reiseführer, der je über Portugal geschrieben wurde, ins Ohr raunt. Und in der nächsten Zeile folgt dann das berühmte Wort, von dem nur eines feststeht: daß es unübersetzbar ist. Saudade! Der Urgrund der portugiesischen Seele! Das ist es, was dir die Damen in der Adega Mesquita vorjammern, mit ekstatisch zugedrückten Augen. Melancholie! grausames Schicksal! o gosto de ser triste! Und du mußt es dir, ehrfürchtig schweigend, anhören, und wehe dir, wenn du nicht mit den Gitarren weinst. Welche Tiefe! Welcher Schwachsinn! Darauf müssen wir noch einen trinken Wir waren in einer gähnend leeren Bar gelandet. Außer uns saß nur ein tuschelndes Liebespaar in dieser schummrigen, mit rotem Plüsch ausgeschlagenen Höhle, die einen gruftähnlichen Eindruck machte. Louren$o war noch nicht zu Ende mit seiner Tirade "Portugal ist das einzige Land der Welt, in dem sich erwachsene Menschen heulend an ihrer eigenen Nichtigkeit erbauen. Ich weiß, was du sagen willst! Alle Völker haben ihren Kitsch und halten ihn in Ehren. Aber niemand glaubt so inbrünstig an den Nonsens wie wir. Der Kitsch ist unsere Religion. Und warum, wenn man fragen darf? Weil ihn niemand nötiger hat als wir. Der Fado, das ist der Heiligenschein für unsere Ignoranz, die Gloriole, die wir unserem Elend aufsetzen. Kein Wunder, daß saudade unübersetzbar ist. Auf der ganzen Welt ist niemand außer uns stolz darauf, daß er im Eimer ist! Prost!"

Er war jetzt völlig entfesselt. Aus dem coolen Mathematiker war ein Amokläufer geworden. Er ließ sich die Flasche auf den Tisch stellen und trank methodisch weiter.

"Na und?" wandte ich vorsichtig ein "Was ist daran so ungewöhnlich? Jede Lebenslüge hat einen wahren Kern "

"Um so schlimmer! Wenn es stimmt, daß unsere Seele ein feuchter Lappen ist, soll ich darüber vor Rührung in Tränen ausbrechen? Ich pfeife auf diese Seele! Jeder Gangster ist mir lieber, jeder Spekulant, jeder Strichjunge!"

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Ich sah aus dem Augenwinkel, wie das Liebespaar in der Ecke hastig aufbrach. Der schüchterne, höfliche Lourenc o war nicht wiederzuerkennen "Gelobt seien die Multis!" Jetzt schrie er fast "Willkommen in Portugal, IBM! Willkommen die deutsche Brutalität und der amerikanische Bulldozer! Das ist normal! Die Geldgier, der Krebs, die Ausbeutung, alles normal. Oder meinetwegen der Real Existierende! Alles lieber als diese Seifenoper, die sich für Seelentiefe hält!" Er hielt inne und blickte mich höhnisch an. Für das, was dann kam, kann ich mich nicht verbürgen. Ich war allmählich selber nicht mehr ganz klar im Kopf.

"Ich will dir mal was sagen", - so ungefähr fing er wieder an - "eine portugiesische Seele hat es nie gegeben. Ich habe diese Frage studiert. Alles nur Literatur! Eine Erfindung von Ausländern, die im 19. Jahrhundert hier ihre Renten verzehrt haben, Zivilisationsmüde, Romantiker aus zweiter Hand Die haben sich das aus den Fingern gesogen. Und wir sind darauf hereingefallen! Nicht einmal unsere dümmsten Einbildungen sind auf dem eigenen Mist gewachsen. Ihr habt den Fortschritt und das Geld, aber dafür ist euer Leben kalt, leer und seelenlos. Wir haben nichts zu fressen, aber dafür haben wir die Menschlichkeit gepachtet. Die Armut ist ein großer Glanz von innen. Das ist das Schöne an Portugal, saudade, die man in jedem Reisebüro buchen kann. Einfach ergreifend! Genau das, was ihr zu Hause meidet wie die Pest, hier gefällt es euch: unsere Ochsenkarren, unsere Töpferei, unsere Ursprünglichkeit und unser Seelenjammer "

Ich habe ihn schließlich nach Hause gebracht, zu Fuß, an ausgestorbenen Plätzen vorbei, über steile Treppen. Einmal mußten wir den Wasserstrahlen eines Wagens ausweichen, der die Straßen wusch, und mir ist, als wären wir auf einer abschüssigen Gasse dem blinden Geiger begegnet. Ich erinnere mich, wie er mit seinem weißen Stock fuchtelte, und an die helle Höhle seines ausgelaufenen Auges - aber vielleicht bilde ich mir ein.

Vor dem Hauseingang standen zwei blutjunge Huren, kindliche Chinesinnen, aus den offenen Fenstern einer schäbigen Pension kamen Fetzen einer afrikanischen Musik, das Treppenhaus war ein dunkler, endlos hoher Schacht. Endlich waren wir vor Lourenc os Tür angelangt.

Er legte den Zeigefinger auf den Mund, weil er es vermeiden wollte, seine Eltern aus dem Schlaf zu wecken. Die Wohnung glich einem Möbellager. Sie war vollgestopft mit unförmigen Schränken und weiß verhüllten Sesseln. Auf einem kleinen Tisch im Wohnzimmer stapelten sich Bücher über mathematische Logik. Ein großväterlicher Geruch nach Bohnerwachs und Mottenkugeln lag über dem Raum. Es herrschte eine wattige Stille. In einer Vitrine, die über und über mit dunklem Schnitzwerk verziert war, lagen patriotische Schaumünzen aufgebahrt. Ich fühlte mich mit einem Mal stocknüchtern. Im Schein einer Lampe, die in Gestalt einer riesigen Porzellaneule auf einer Kommode hockte war eine Reihe von Trophäen und Fetischen aus Timor zu erkennen, die an der Wand hingen. Lourencp saß direkt unter ihnen auf einer hölzernen Bank. Er war eingeschlafen. Auf Zehenspitzen verließ ich das Zimmer. Bis tief ins zwanzigste Jahrhundert, grob gesprochen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, waren die portugiesischen Baumeister, soweit das menschenmöglich ist, unfehlbar. Von der Kapitale, die sie nach dem großen Erdbeben wiederaufbauten, bis in die entlegensten Dörfer haben sie im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert eine Architektur geschaffen, die zugleich glanzvoll und bescheiden, elegant und brauchbar war. Ich spreche nicht von den berühmten Architekten, deren Werke die Reiseführer mit ihren Sternchen schmücken. Wer zwischen Größenwahn und Größe unterscheiden kann, wird für den monströsen Sarkophag von Mafra und für die neo manuelinischen Scheußlichkeiten von Sintra und Bujaco nur ein Achselzucken übrig haben. Namenlosen verdankt das Land seine einzigartige Substanz: Bauernhöfe und Quintas, Paläste und Mietshäuser von untrüglichem Geschmack, von einem handwerklichen Können und einer Sicherheit der Proportionen, wie man sie in keinem anderen Land Europas findet.

Wer ein paar Ferientage in der paradiesischen Gartenlandschaft des Nordens verbringt, sieht dem Minho seine jahrzehntelange Auszehrung nicht an. Die Parzellenwirtschaft in dieser Region beruht auf einer Jahrhunderte währenden Zellteilung des Grundbesitzes durch ein Erbrecht, das schließlich handtuchgroße Äcker hinterließ. Zehn, ja Hunderttausenden blieb keine andere Wahl als auszuwandern. Die Spuren der Misere sind nicht mehr zu übersehen; denn in den letzten zwanzig Jahren sind zahllose Arbeitsemigranten in ihre Heimat zurückgekehrt, und sie haben, zwischen den alten Bauernhäusern und Landsitzen, eine Horror Kulisse aufgebaut. Im Minho sind heute die häßlichsten Häuser der Welt zu besichtigen: lila, pink und giftgrün geflieste aufgedonnerte Buden mit abenteuerlich geschwungenen schmiedeeisernen Treppen, die auf überdimensionalen Garagen kauern; eine spontane Architektur, die sich durch Imitation und Selbstimitation in einen rauschartigen Alptraum hineingesteigert hat, und die inzwischen ihre Vorbilder bei weitem übertrifft. Kein westdeutsches oder französisches Neubauviertel kann mit dieser kleinbürgerlichen Variante der Science fiction konkurrieren. Für diese Bauwerke werden Menschenopfer gebracht. Eigentlich sind sie funktionslos. Viele von ihnen sind zu groß, um bewohnt zu werden, und stehen leer. Mit heruntergezogenen Rolläden warten sie auf ihre Besitzer, die sich auf unabsehbare Zeiten verschuldet haben und in Stuttgart oder Amiens Frondienste für ihre steingewordenen Träume leisten. An dem Land, das sie nicht ernähren konnte, haben sie schreckliche Rache genommen. Das professionelle Gegenstück zu dieser Architektur ohne Architekten findet sich in Lissabon. Wer zu Schiff oder mit der Fähre ankommt, der sieht hoch über der berühmten Silhouette der Stadt, über Türme und Hügel, eine Reihe von gigantischen Pappschachteln aufragen, brutale Kuben, die mit bonbonrosa und himmelblauen Versatzstücken notdürftig kaschiert sind. Das Centro Comercial Amoreiras ist der Stolz der portugiesischen Postmoderne. Der terroristische Kindergartenonkel, der hier seine Bauklötzchen aufeinandertürmt, heißt Tomas Taveira, ein Name, den man getrost vergessen könnte, wäre sein Träger, der einst als linker Schreihals auftrat, nicht zum Hätschelkind der Neuen Rechten in Portugal geworden. Den Namen seines Auftraggebers dagegen wird man sich merken müssen. Krus Abecasis, ein begabter Demagoge, ist 1979 zum Bürgermeister von Lissabon geworden "Am Ende meiner Amtszeit", rief er den Bürgern zu, "werdet ihr eure Stadt nicht wiedererkennen!" Diese Drohung hat Abecasis, soweit es in seinen Kräften stand, wahrgemacht. Daß er der Stadtgärtperei die Anpflanzung von Nelken verboten hat, weil er jede Erinnerung an die Revolution von 1974 tilgen möchte, ist nur eine Anekdote. Daß er eine der elegantesten Straßen von Lissabon, die Rua do Carmo, in eine Fußgängerzone verwandeln ließ, die einer Kleinstadt im Ruhrgebiet oder in den Midlands würdig wäre, ist nur eine Geschmacksverirrung. Daß er keinen Grund sieht, sich an die geltenden Gesetze zu halten, ist ein Charakterdefekt. Sein zentrales Projekt dagegen, die zielbewußte Zerstörung Lissabons, ist ein Verbrechen, das nicht nur die Portugiesen angeht.

Möglich gemacht wird ein solches Unternehmen durch die autoritäre Führung der kommunalen Geschäfte, die im zentralistiscnen Portugal üblich ist. Selbstverwaltung der Gemeinden und Mitspracherecht der Bürger haben dort kaum historische Wurzeln. In die Lücke springen die lokalen Mafiosi. Ganze Quartiere am Ufer des Tejo Flusses werden Baulöweh zur Zertrümmerung überlassen. Die Prachtstraße der Stadt, die Avenida da Liberdade, im neunzehnten Jahrhundert als Gegenstück zu den Champs Elysees entworfen, wird der Barbarei der Banken ausgeliefert. Ganze Straßenzüge fallen der Spitzhacke anheim. Die Strategie des Bürgermeisters ist der Zangenangriff. Auf der einen Seite läßt man die Stadt verfaulen. Dabei stützt man sich auf die Mietgesetze, die es fast unmöglich machen, die historische Substanz zu erhalten; eine weitere Waffe, die auf die Dauer flächendeckender wirkt als jeder Bulldozer, ist der Schlendrian. Auf der anderen Seite wird die Spekulation mit allen Mitteln gefördert. Das Ziel der Operation ist die Zwangsmodernisierung der Hauptstadt, das ästhetische Ideal die sklavische Imitation, das unerreichbare Vorbild Houston, Texas.

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Wäre Architektur eine Frage des guten Geschmacks oder des Denkmalschutzes und weiter nichts, so könnte man es bei solchen Feststellungen bewenden lassen. Aber die Wände, in denen eine Gesellschaft sich einrichtet, sagen mehr über sie, als ihre Erbauer sich träumen lassen. Was also bedeutet der spektakuläre Zusammenbruch der Baukunst, und wie ist er zu erklären? Das sind Fragen, die sich nicht allein in Lissabon und im Minho stellen. Portugal ist nur ein Extremfall. Den Häusern der Deutschen ist ihr kleinbürgerlicher Reichtum, denen der Schweden die Ideologie ihres Wohlfahrtsstaates, denen der Italiener ihr produktives Chaos auf die Stirn geschrieben. Doch den Portugiesen fehlt die paradoxe Vitalität der einen so gut wie die sozialdemokratische Kultur der ändern, und schon gar nicht kann davon die Rede sein, daß sie ihren gemeinsamen Nenner im Konsum gefunden hätten. Woher kommt es dann, daß sie sich im Unbewohnbaren einmörteln?

Das liegt doch auf der Hand, rufen meine gescheiten Gastgeber. Sieh dir unsere Bourgeoisie doch an! - Ich verstehe nicht ganz. Man kommt mir mit Auskünften zu Hilfe, die von Verwünschungen kaum zu unterscheiden sind. Das sei von Anfang an eine parasitäre Klasse gewesen. Andere auszubeuten, dazu habe es gerade noch gereicht, aber das sei schließlich nicht alles, was man von einer nationalen Bourgeoisie erwarten dürfe; der erbeutete Mehrwert müsse gespart, akkumuliert und in die Produktion gesteckt werden. Das sei dieser Klasse aber nicht im Traum eingefallen. Kein Wunder, daß sie es nicht weit gebracht hätte. Erst Arschkriecher der Monarchie, dann Möchtegern Aristokraten. Jeder Marmeladenhändler habe sich einen Titel gekauft, aber was noch viel schlimmer sei: die ganze Bande habe die Haltung der Großgrundbesitzer übernommen. Dabei sei natürlich nur eine schäbige Parodie herausgekommen, nichts als sinnlose Verschwendung und Angeberei. Gerade im Nichtstun habe diese Lumpen Bourgeoisie den Beweis für ihre eigene Vorzüglichkeit gesehen. Maklertum, Zwischenhandel, Spekulation - alles, nur keine produktive Tätigkeit!- Eine kleine radikale Minderheit von ewigen Aufsteigern, von Scheckbetrügern, nicht nur im übertragenen Sinne. Konkurrenz hielten sie für eine Gemeinheit, Protektion für eine Selbstverständlichkeit, Leistung für überflüssig, Qualifikation für nebensächlich. Nur Dummköpfe kämen, in ihren Augen, auf die Idee, zu arbeiten. Und dabei sei es natürlich nicht geblieben, denn so wie die Bourgeoisie am Adel, so hätten die Kleinbürger sich wiederum an diesen besseren Herren ein Vorbild genommen, nach dem Motto: Wenn der, warum nicht ich? Die parasitäre Haltung sei eine ansteckende Krankheit Über seine Verhältnisse zu leben, gelte hierzulande als kategorischer Imperativ. Noch in den einfachen Mietshäusern der sechziger Jahre gebe es keine Wohnung ohne Dienstbotenzimmer, weil sich selbst der kleinste Angestellte als Herr aufführe. Und seit 1974 habe diese Haltung praktisch die ganze arbeitende Bevölkerung ergriffen. Eine so hybride, funktionslose und desorientierte middle class, wie sie in Portugal entstanden sei, müsse man mit der Lupe suchen. Allein das Landwirtschaftsministerium füttere 18 00& Mitarbeiter durch, die alle in Lissabon säßen und einander auf Staatskosten zum Mittagessen einlüden - und das in einem Land, das die Hälfte seiner Lebensmittel importieren müsse, obwohl jeder vierte Portugiese in der Landwirtschaft beschäftigt sei.

Ja, um auf die Architektur zurückzukommen: das alles sehe man ihr eben an. Portugal sei ein Land, das sich von außen statt von innen, durch Konsum statt durch Produktion modernisiere. Unterentwickelt seien nicht die armen, sondern die reichen Portugiesen, vom Multimillionär bis zum letzten Kleinbürger.

Wir sprachen noch lange über diese und ähnliche Gegenstände. Die Bilder an der Wand waren feschmackvoll gerahmt, die Sessel bequem, und in en Whisky gläsern klingelte das Eis.

"Ich weiß nicht warum", schrieb vor hundert Jahren die Prinzessin Rattazzi in ihr Reisetagebuch, "aber ich habe die tiefste Sympathie für dieses kleine Land, das sich nicht unterkriegen läßt, obwohl alle Welt behauptet, es liege im Schlaf, um nicht zu sagen in den letzten Zügen "

Oh, ich habe nicht den Ehrgeiz, die Klagen, Bekenntnisse und Attacken meiner Gastgeber zu widerlegen. Sie kennen Portugal besser als jeder flüchtige Besucher. Aber wenn sie recht haben, woher kommt dann ihre kritische Energie? Was treibt ihren Widerspruchsgeist hervor? Und wie erklärt es sich, daß es, außer Portugiesen, niemanden zu geben scheint, der die Portugiesen verabscheut? Wer das Land kennt, kommt wieder. Alles nur eine Postkarten Offenbarung? Alles nur Nostalgie, Kitsch, Mystifikation? Das glaube ich kaum.

Schon die alte, in Jahrhunderten des Niedergangs geübte Kunst des Überlebens spricht dagegen. Wenn es nach der Statistik ginge, wären die meisten Portugiesen tot. Arbeiter, denen ihr Lohn mit neun, zwölf, fünfzehn Monaten Verspätung ausgezahlt wird, Rentner, die mit hundert Mark im Monat auskommen müssen, Arbeitslose ohne Versicherung, Bauern, die auf winzigen Parzellen ihr Dasein fristen: Alle Indikatoren deuten auf eine Misere hin, die in Europa nicht ihresgleichen hat. Wovon leben diese Menschen? Niemand schreit, niemand schießt, niemand verhungert. Das ist das eigentliche portugiesische Wunder: ein negatives Mirakel.

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Die Statistik ist verheerend, aber nach der Statistik geht es nicht. Es zeigt sich, daß der Sinn der Portugiesen für das Phantastische nicht nur eine romantische Verirrung ist. Er greift mächtig in ihren Alltag ein und wird dort zur Lebenspraxis. Mit ihr verglichen, wirkt das Brutto Nationalprodukt wie eine abstrakte Chimäre, und die offizielle Volkswirtschaft, an die man in Brüssel oder bei der Weltbank glaubt, wie ein bloßer Schatten. Man lebt von drei- und vierfachen Berufen, in den weiten Zonen einer proteischen Schwarzarbeit, man lebt von Gärten, die nirgends registriert sind, vom Naturalientausch, von einem altertümlichen, familiären Geben und Nehmen. Nebenbei stellt sich heraus, daß das Realitätsprinzip, dem sich andere Gesellschaften mit Haut und Haar verschrie ben haben, nicht ganz so realistisch ist, wie seine treuen Diener glauben - Der hohe europäische Beamte, den ich in Lissabon traf, ein händereibender Holländer, schien zu glauben, man müsse nur Geduld haben mit den Portugiesen, sie seien bloß noch nicht ganz soweit; es käme nur darauf an, sie zu ermutigen und zu loben wie ein guter Hirte, dann würden sie schon Vernunft annehme n. Das möchte ich bezveifeln.

Denn was sie, die Portugiesen, der kapitalistischen Rationalität entgegensetzen, ist nicht allein Unfähigkeit. Es ist Widerstand. Schwer genug, das eine vom ändern zu unterscheiden. Das Resultat jedenfalls ist eine Art von stiller Sabotage, die nicht, wie anderswo, aus Wut, aus Überzeugung, aus Groll, aus Ideologie, aus Trotz verübt wird. Der effizient durchorganisierte Kapitalismus wird nicht bekämpft, er wird vermieden, naturwüchsig, "nur so", weil er den Portugiesen nicht einleuchtet, weil die Tugenden, die er verlangt, nicht die ihrigen sind.

Sie halten an den eigenen fest: an ihrer pathokn gischen Toleranz, an ihrer Skepsis, die nur vor dem Wunder haltmacht, an ihrer nachlässigen Großzügigkeit; an Tugenden die vielleicht utopische sind, und die, weil sie ejneJtiortschrittUclien, Welt als Todsünden gelten, schwere Bußen auf sich ziehen. Aber vielleicht werden sie eines Tages noch gebraucht? Darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Was die Portugiesen verteidigen, manchmal dumpf und unwillkürlich, aber immer zäh, ist kein Besitzstand; es sind ihre Wünsche; es ist mithin das, was niemand besitzt. Die Vernunftkritik ist in diesem Volk Fleisch geworden. Nehmen wir an, Politik wäre mehr als Rüstung und Produktion; nehmen wir an, es gäbe ein Europa der Wünsche, so wäre Portugal, in dern eine Großmacht, und wie alle Großmächte würde es seine Nachbarn enervieren, aber auch mit Neid erfüllen.

In seinem Buch der Unruhe legt der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares das folgende Geständnis ab: "Zuweilen überfällt mich mitten im tätigen Leben, in dem ich selbstverständlich so bestimmt über mich verfüge wie alle ändern, eine sonderbare Empfindung des Zweifels; ich weiß dann nicht, ob ich existiere, ich halte es für durchaus möglich, der Traum eines anderen Wesens zu sein Ich bin fast davon überzeugt, daß ich niemals wach bin. Ich weiß nicht, ob ich nicht träume, wenn ich lebe, oh ich nicht lebe, wenn ich träume, oder ob Traum und Leben bei mir nicht vermischte, einander überlappende Dinge sind "

Niemand weiß, ob der Hilfsbuchhalter Soares noch unter den Lebenden weilt; sein Erfinder und Doppelgänger jedenfalls, der Dichter Fernando Pessoa, ist schon über fünfzig Jahre tot. Aber auch heute noch läßt, mitten in der Besprechung, der Ingenieur Soares, mit einem halben Lächeln, die Computerliste, der Tuchhändler Soares, kurz vor dem großen Abschluß, den Stoffballen sinken. Eben war er noch eifrig bei der Sache; nun wirkt er plpttlich, so reserviert, so nieh gekehrt. 4st er zerstreut? Ist er müde? Geistesabwesend? Woran denkt er? Welchen Grübeleien hängt er nach? Hat er uns vergessen?