Der 1 Doktor ist schon lange tot. Neunzig Jahre ist es her, daß man ihn begraben hat. Aber seine Armenpraxis hat er bis auf den heutigen Tag nicht geschlossen.

Dr Jose Tomäs de Sousa Martins war ein Fortschrittsmann, den die somnambule Phantasie seiner Landsleute in einen Wiedergänger verwandelt hat. Zum ersteh Mal ist er mir in einem Schaufenster an der Rua da Madalena entgegengetreten. Eine angemessene Umgebung für Begegnungen der zweiten Art; denn diese Straße ist das Reich der Sanitätshäuser. Beklemmende Reliquien bieten sich dort den Blicken der Passanten dar: Rathgebers Zehenspreizer zum Beispiel, ein ekelhafter, rosa Gegenstand, der dem Kaugummi eines Riesen gleicht, oder ein leichenhafter Wachsfuß, der mit Hühneraugen und Hornhäuten übersät ist: eine Fundgrube für New Yorker SM- und BondingFreunde, nur daß die Halsbänder aus Nickel und Gummi, die Schnürleiber und Suspensorien nicht der Lust, sondern dem Wohle der leidenden Menschheit geweiht sind.

Mitten in diesem Jahrmarkt des Fetischismus, in dieser Parade von Gebrechen hat sich ein Devotionaliengeschäft eingenistet mit Neon Madonnen, Rosenkränzen und armdicken Kerzen, auf denen blutrot das heilige Herz lodert, und dort fand ich ihn, den armen Doktor, aus Gips, immer nach ein und demselben Modell gebildet, als Büste oder Statuette, angetan mit einem schwarzen Wams, die kurzen Puffärmel gefältelt und gebauscht, und mit einer fuchsroten Perücke versehen. Sein bleistiftschmaler Mongolenschnurrbart hing ihm bis aufs Kinn, und der Blick, mit dem er mich ansah, war betrübt. Für 325 Escudos aufwärts war Dr Sousa Martins, der sonderbare Heilige, in verschiedenen Formaten zu haben.

Als ich ihn ein paar Tage später wiedertraf, stand er in übernatürlicher Größe vor mir, auf einem enormen Piedestal, am Campo dos Märtires da Pätria, aus massiver Bronze, gleich vor dem Portal der Medizinischen Fakultät. Ich begriff ohne weiteres, daß ich es nicht mit einem gewöhnlichen Denkmal zu tun hatte. Um das Rondeel herum war ein Kommen und Gehen, ein ständiges Gewimmel, ein eifriger Betrieb. Der Doktor blickt von seiner Säule aus auf ein Meer von Marmortafeln herunter, in die bald nur das schlichte Wort "Danke" eingemeißelt ist, bald längere Legenden und ausführliche Krankheitsgeschichten. Paßphotos und Püppchen künden von seinen mystischen Erfolgen; denn Dr Sousa Martins ist zuständig für alles, er unterhält eine Allgemeinpraxis für hoffnungslose Fälle. In einem Blechkasten zu seinen Füßen brennen Dutzende von Kerzen. Eine wachsbleiche Hand, ein Krückstock, eine Plastikbrust, ein Glas voll Nierensteine zeugen von wunderbaren Heilungen. Eine robuste Sechzigjährige führt einen schwunghaften Handel mit Gegenständen, die dem Kult des Doktors dienen.

"O Geist des Dr Sousa Martins", lese ich auf einem der Heiligenbildchen, die sie vertreibt, "erhöre mich, steh mir bei, erbarme dich meiner! Gebenedeit sei deine Mutter Maria der Schmerzen dafür, daß sie der Welt einen solchen Sohn geschenkt hat!", Ich konnte den Verdacht nicht loswerden, daß es mit dem übernatürlichen Sanitätsgeschäft des Dr Martins eine eigentümlich portugiesische Bewandtnis haben müsse, und ich beschloß, meine Bekannten an Ort und Stelle danach auszufragen. "Das ist doch ganz einfach", sagte der erste, ein Arzt, der in einer Schlafstadt vor den Toren Lissabons praktiziert "Ich hoffe natürlich, daß Ihnen hierzulande nichts zustößt; sollten Sie aber je ein portugiesisches Krankenhaus von innen kennenlernen, so werden Sie rasch begreifen, warum die Leute nach Fätima oder zu Dr Sousa Martins pilgern. Man wartet lieber auf ein Wunder, als daß man auf dem Korridor stirbt "

Die zweite Auskunft, die mir zuteil wurde, ist etwas allgemeiner gehalten. Es handelt sich um eine Lesefrucht. Der Historiker Antonio Jose Saraviva sagt, die Portugiesen seien davon überzeugt, "daß sich die Probleme nicht durch menschliche oder logische Mittel lösen lassen, weil es in den Dingen keine Vernunft gibt, sondern nur Zufälle und Wunder". Mein dritter Zeuge lachte mich aus "Was wollen Sie? Das Phantastische ist eben unser tägliches Brot! Haben Sie nie von Dona Branca gehört? Ich habe eine ganze Artikelserie über diese Dame geschrieben. Dona Branca dos Santos war bereits hoch in ihren Siebzigern, als sie in ihrer bescheidenen Privatwohnung eine Bank eröffnete. Sie versprach den Einlegern eine Verzinsung von monatlich 10 Prozent. Ich habe keinen Taschenrechner da, aber ich glaube, das macht, mit Zinseszinsen, über 300 Prozent pro Jahr. Bald war ihr Treppenhaus überfüllt, die Leute kamen und brachten ihr ganze Säcke voller Banknoten. Die Regierung wußte nicht, was sie machen sollte, denn Dona Branca zahlte monatelang pünktlich. Gegen Ende ihrer Laufbahn hatte sie Milliarden von Escudos kassiert. Aber sie versteht bis auf den heutigen Tag nicht, warum ihr Kartenhaus zusammengebrochen ist, und ihre Kunden, Tausende von braven Portugiesen, verstehen es noch viel weniger. Die Milliarden haben sich einfach in Luft aufgelöst.

Hier, ich habe Ihnen ein Konkurrenzblatt mitgebracht. Portugal ist, soviel ich weiß, das einzige Land, das ein Zentralorgan für das Wunderbare besitzt. Mit 50 Escudos, das sind 80 Pfennig, sind Sie dabei: Die Erde öffnet sich, und ein dämonischer Hund frißt 22 Arbeiter - Beweise für die Existenz der Engel gefunden - Vom Raumschiff Entführter kehrt nach elf Jahren zurück - um keinen Tag gealtert - 105jährige, dreimal gestorben, erfreut sich bester Gesundheit - Neun Meter hohe Hohlpyramide heilt Frigidität und Impotenz Ein Wunder: Chinesische Mutter trennt siamesische Zwillinge auf dem Küchentisch.