Ein schwerer Zwischenfall an der Grenze zur Tschechoslowakei überschattete die ohnehin bescheidenen Beziehungen zwischen Bonn und Prag: Tschechoslowakische Grenzer, die zwei Polen an der Flucht hindern wollten, erschossen einen pensionierten Oberstleutnant der Bundeswehr.

Der Zwischenfall ereignete sich im bayrischen Grenzgebiet bei Tirschenreuth. Dort wurde der pensionierte Oberstleutnant Johann Dick während einer Wanderung auf bundesdeutschem Gebiet durch mehrere Schüsse verletzt. Die tschechoslowakischen Grenzsoldaten brachten den 59jährigen Mann auf CSSR-Gebiet; wenig später verstarb er auf dem Transport ins Krankenhaus. Nach Auskunft von Dicks Familie, die erst eineinhalb Tage später informiert wurde, war der frühere Oberstleutnant privat unterwegs. Auchein Sprecher des Auswärtigen Amtes erklärte, Dick habe sich in keinerlei Auftrag im Grenzgebiet befunden. Die Bundesregierung nannte den Vorfall einen "völkerrechtswidrigen Übergriff auf deutsches Hoheitsgebiet". Das Auswärtige Amt ließ dem tschechoslowakischen Geschäftsträger in Bonn, Ivan Kramar, eine Protestnote überreichen. Darin verurteilte es den rücksichtslosen Schußwaffengebrauch, der zu einer schwerwiegenden Verletzung der nachbarlichen Beziehungen geführt haben.

Obwohl sich das Prager Außenministerium entschuldigte und den Tod Dicks mehrfach einen bedauerlichen Unfall nannte, ist der Hergang der Ereignisse bisher immer noch nicht geklärt. Der deutsche Botschafter in Prag, Schattmann, erneuerte zu Beginn dieser Woche den Protest der Bundesregierung. Er forderte die Aufkärung des Falles und die Bestrafung der Täter.

In Bonn wurde nicht ausgeschlossen, daß die Grenzer ihre Schüsse nicht vom Gebiet der Tschechoslowakei abgaben, sondern daß sie von bundesdeutschem Territorium aus auf die beiden flüchtenden Polen schossen. Auf bayrischem Gebiet, siebzig Meter von der Grenze entfernt, wurden Patronenhülsen gefunden. Auch lag die Stelle, an der Dick erschossen wurde, rund 700 Meter abseits von jenem Punkt, an dem einer der beiden Flüchtlinge das Bundesgebiet erreicht hatte. (Der andere war von den Grenzsoldaten gestellt worden.)

Trotz der Bemühungen um genaue Aufklärung versuchte die Bundesregierung eine weitere Belastung der Beziehungen zu Prag zu vermeiden. "Schritte" gegen die tschechoslowakische Regierung würden erst nach einem abschließenden Bericht in Erwägung gezogen, erklärte das Auswärtige Amt.

Diese Bemühungen wurden allerdings durch einen weiteren Zwischenfall nur vier Tage nach den tödlichen Schüssen erschwert. Wiederum im Gebiet von Tirschenreuth beschossen ČSSR-Grenzer zwei junge DDR-Bürger. Diese konnten das Bundesgebiet jedoch unverletzt erreichen. id