Aufgrund neuer Quellen die erste wissenschaftliche Darstellung vom Aufstieg Konrad Adenauers und den Anfängen der Bundesrepublik

Von Gerd Bucerius

Kann man heute noch ein Epos ertragen? Wer es sich zutraut, lese die über tausend Seiten des ersten (!) Bandes der Biographie des ersten Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland, vorgelegt von dem Bonner Historiker und Politikwissenschaftler Hans-Peter Schwarz. Der zweite (letzte) Band ist in zwei bis drei Jahren zu erwarten.

Schwarz schrieb schon 1981/83 in "Die Ära Adenauer" (Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Band 2 und 3) das bis dahin Recherchierbare über Adenauer; lebendig und sorgfältig dokumentiert. Inzwischen sind Archive in der Bundesrepublik und in den befreundeten westlichen Ländern wenigstens teilweise geöffnet. Schwarz fand auch Zugang zu besonderen, bis heute nicht veröffentlichten Quellen. Die Stiftung Bundeskanzler-Konrad-Adenauer-Haus verwahrt den Briefwechsel mit bedeutenden Männern – darunter fast unbekannten: so der schweizerische Generalkonsul Franz-Rudolph von Weiss; Adenauer kannte ihn seit 1929, war mit ihm in Nazizeit und Krieg in ständigem Kontakt; nach 1945 Adenauers beste Quelle über das, was bei den Alliierten, unseren Herrschern damals, vor sich ging. Eigene Auslandserfahrungen waren zu jener Zeit ja gleich Null, Kontakte oft verboten, Reisen unmöglich. Wer erinnert heute noch den für Adenauers Politik so wichtigen Mann? Die große Politik mußte damals mit primitivsten Nachrichtenmitteln bewältigt werden.

Ein wenig bekannter ist (der frühere Deutsche, Belgier und spätere Amerikaner) Dannie N. Heineman: Als die Nazis 1939 Adenauer aus dem Kölner Rathaus entfernten und sein Gehalt sperrten, hat Heineman dem Bedrohten 10 000 Reichsmark bar in die Hand gedrückt – Fluchtgeld, das Adenauer und seine Familie zu retten half. Jetzt erweist sich, daß Heineman nach dem Krieg ein treuer Berater war. Adenauers erster Besuch bei seiner ersten Reise in die Vereinigten Staaten ging zu Heineman; vor dem Offiziellen also zu dem Freund. Er, der welterfahrene Privatmann, und von Weiss waren die einzigen, über die Adenauer eine Meinung im Ausland geltend machen konnte. Meist vergeblich; das gab ein Gefühl verzweiflungsvoller Ohnmacht.

Inzwischen sind die Nachlässe von Felix von Eckardt (Adenauers langjährigem Pressechef), von Otto Lenz (Adenauers Propagandachef und engem

politischen Berater, Staatssekretär im Bundeskanzleramt) wenigstens teilweise zur Einsicht zugänglich. Und Frau Holzapfel hat, nach langem Zögern, ihren Zorn auf Adenauer überwunden und die hinterlassenen Papiere ihres Mannes dem Bundesarchiv in Koblenz überlassen; Friedrich Holzapfel, evangelisch, war stellvertretender Parteivorsitzender der CDU seit 1945. Später war er im Wirtschaftsrat als CDU-Fraktionsvorsitzender der wichtigste Mann. Er wollte 1949 Bundeskanzler werden (statt Adenauer; den dachte er sich als Bundespräsident) – es hat nur knapp nicht gereicht, und Holzapfel verschwand von der politischen Bühne. Wer kennt ihn heute noch?