Margaret Atwoods Erzählungen stellen Gefühle dar wie "Unter Glas"

Von Sibylle Cramer

Die kanadische Erzählerin Margaret Atwood ist so etwas wie episches Urgestein, eine Romanschriftstellerin durch und durch. Das wird spätestens dort deutlich, wo sie keine Romane schreiben will. Der Band mit Erzählungen, die aus den sechziger und frühen siebziger Jahren stammen und jetzt in deutscher Übersetzung erschienen sind, platzt gewissermaßen aus allen Nähten. Viele dieser Texte sind verhinderte Romane, die auf knappem Raum gewaltige erzählerische Strecken zurücklegen und dadurch leicht zur schnellen Deutlichkeit neigen, zu formelhaften Vereinfachungen. Ins literaturkritische Vokabular übersetzt: sie sind nicht frei von kolportagehaften Elementen.

"Betty" lautet der Titel einer Erzählung, in der zwei Geschichten stecken, die eine bringt die andere hervor. Ein Mädchen im Niemandsland zwischen Kindheit und Adoleszenz, eine kindliche Erwachsene, erzählt die Geschichte eines erwachsenen Kindes. Die junge Erzählerin, deren ältere Schwester die gemeinsame Spielwelt verläßt, erlebt die gleiche Austreibung aus einem Kindheitsparadies wie Betty, zu deren lebensgroßer Puppenstubenwelt ein regierender, aber alsbald flüchtiger Ehemann gehört. Betty jedoch findet nicht hinüber ins erwachsene Leben. Als sie nach geraumer Zeit wieder auftaucht, hat sie nur die Kulissen ihres Lebens vertauscht, in denen sie ihre alte Rolle weiterspielt. Statt mit Tiegel und Pfannen hantiert sie jetzt mit Schreibmaschine und Stenoblock im Dienst eines regierenden Chefs. Bettys Geschichte befördert wie ein erzählerisches Drehkreuz die halbwüchsige Beobachterin aus dem dumpfen Innern bürgerlich familiärer Rollenbilder in ein eigenes Leben.

Es sind riesige Distanzen, die von der einen Figur zurückgelegt werden müssen, ein ganzes Leben, um auf der anderen Seite den einen Schritt von der Kindheit ins erwachsene Leben zu steuern. Die Notwendigkeit, Bettys Lebensroman auf engstem Raum zusammenzuziehen, führt nicht nur zu einem in jeder Hinsicht gewaltsam herbeigeführten Tod der Figur, sondern zu feministischen Schablonen des Erzählens, die den schönen kleinen Text Glaubwürdigkeit kosten.

Die Methode, die Erzählung wie einen doppelseitigen Klappspiegel zu öffnen, in dem sich die Figuren wechselseitig konturieren, kehrt wieder in der Geschichte vom häßlichen Entlein, das eine Zukunft als schöner Schwan nicht hat. Zu dem Leben ohne Gefühle, das auf der mittleren Etage einer Gesundheitsbehörde endet, gehört eine Liebesgeschichte, deren Jämmerlichkeit die Getrenntheit des dicken, unansehnlichen Mädchens von der Welt des Erotischen beleuchtet. Ein vietnamesischer Student heftet sich an ihre Fersen, aber es ist das Notsignal einer kranken Seele, ein Amoklauf des Gefühls.

In einem der eindrucksvollsten Texte des Bandes, der den zweideutigen Titel "Polaritäten" trägt, arbeitet die Autorin den zweistimmigen Erzähl-Satz zu einer Art Fuge. Wie die Fuge aus einem thematischen Subjekt ein Kontrasubjekt entwickelt, so verhalten sich hier die einander ablösenden Geschichten der beiden Figuren.