/ Von Walter Boehlich

Das "Beil von Wandsbek" liest sich heute anders als vor dreißig Jahren, auch aus äußerlichen Gründen. Wir wissen jetzt wesentlich mehr über die Bedingungen, unter denen Arnold Zweig seinen Roman geschrieben hat, vor allem seit der Veröffentlichung des Briefwechsels mit Lion Feuchtwanger, dem Freund aus Berliner Tagen, dem Zweig genauen Einblick sowohl in seine ökonomische Lage als auch in sein körperliches Befinden gegeben hat. So oder so, es ging ihm nicht gut. Sein Augenleiden hatte sich in einem Maße verschärft, daß er zeitweise nicht mehr in der Lage war, die eigenen Manuskripte zu lesen, sie also auch nicht mehr selbst korrigieren konnte. Nach einem Autounfall litt er an Gedächtnisschwäche, die dazu führte, daß er augenblicklich vergaß, was er gerade diktiert hatte. Die Kopien, die er nach England und in die Vereinigten Staaten schickte, waren in einem so trostlosen Zustand, auch durch Schuld der Sekretärin, daß Robert Neumann und Lion Feuchtwanger monatelang beschäftigt waren, einen verstehbaren Text herzustellen. Als es Zweig besser ging, hat er sich selbst wieder der Sache angenommen, aber noch die endlich erschienene deutsche Ausgabe zeigt nicht nur Undeutlichkeiten im Text, sondern auffällige Wiederholungen der gleichen Fakten und Episoden, denen eine künstlerische Absicht nicht zugrundeliegen kann. Wir wissen jetzt wenigstens, woran das liegt.

Allerdings war nicht bloß Zweigs körperliche Verfassung erbärmlich, sondern auch seine Lebensverhältnisse. Er hatte kein Geld und war oft auf Feuchtwangers Großmut angewiesen. Was Armut war, hatte er vergessen können, spätestens nach dem großen Erfolg des "Streits um den Sergeanten Grischa". Er hatte sich an ein großes Haus, eine große Bibliothek, an Personal, an einen Kraftwagen gewöhnt, es war ihm gutgegangen durch eigene Leistung, und kaum etwas sehnte er so zurück wie das Leben vor Hitler, das Leben in Deutschland. Zwar fühlte er sich gerettet in Palästina, aber glücklich war er dort nicht. Was ihm seine Lage erträglicher machte, war die Tatsache, daß er unter deutschen Ausgewanderten lebte, weiter deutsch sprechen konnte. An Sigmund Freud hatte er im November 1935 geschrieben: "Wohin sonst gehen? Es ist ja fast gleich, wo man sitzt, wenn man nicht daheim sitzt..." Daheim aber saßen die Nazis, die ihn ermordet hätten.

Er mußte in seinem doppelten halben Elend ausharren und hoffen. Darauf, daß die Nazis besiegt würden, darauf, daß der Erfolg sich wieder einstelle, darauf, daß er zurückkehren könne. Die größten Hoffnungen setzte er in das Buch, das er gerade schrieb und dessen Erscheinen sich immer wieder hinauszögerte. Wäre der Krieg erst beendet, würde sich niemand mehr für das interessieren, was in Deutschland vor dem Kriege geschehen war, oder würden – später – die Nürnberger Prozesse das Interesse doch wieder wecken? Würde es übersetzt werden, würde es verfilmt werden? Würde er wieder ohne Sorgen leben können, als jetzt alter Mann? Um das vorwegzunehmen: Die Bundesrepublik mit ihrem Alleinvertretungsanspruch, bei dem die Kultur eine Rolle nie gespielt hat, hat ihm nie Avancen gemacht; er hat seine letzten Lebensjahre in der DDR verbracht wie so viele andere.

Nicht nur die Kenntnis dieser Briefe macht uns den Roman anders lesen, sondern auch eine neue, durch Hans-Albert Walter besorgte Ausgabe in der Büchergilde Gutenberg, auf die der Herausgeber ähnliche Sorgfalt verwendet hat wie früher schon auf "Transit" von Anna Seghers, ebenfalls in der "Bibliothek Exilliteratur". Das heißt, er hat dem Text einen 250 Seiten starken Kommentarband beigegeben, in dem nicht nur die Quellen sorgfältig geprüft, sondern der erste vernünftige Versuch einer Interpretation gemacht wird, der alle bisherigen Deutungen weit hinter sich läßt.

Das Beil von Wandsbek ist, wie man weiß, das Beil eines Scharfrichters, durch das angeblich vier Teilnehmer am Altonaer Blutsonntag vom Leben zum Tode gebracht wurden. So jedenfalls hat es bisher geheißen. Es stimmt nicht. Bekannt war lange, daß Zweig sich hatte anregen lassen durch einen Bericht in der Prager Deutschen Volkszeitung der meldete, ein Schlächtermeister namens Fock aus Altona habe als Ersatzhenker vier Antifaschisten hingerichtet und später sich und seine Frau umgebracht, weil seine Kunden weggeblieben seien, als ruchbar wurde, was er getan habe. Es war ein Gerücht, von Wunschdenken diktiert, dessen Spuren Walter verfolgt hat.

Gerücht oder nicht – Zweig hat sich seiner bedient, den Kern seiner Fabel dorther geholt. Über das, was im Deutschen Reiche vor sich ging, war er höchstens aus zweiter Hand unterrichtet, und auch Hamburg war ihm nicht sonderlich vertraut. Freilich wollte er weder einen Roman über Hamburg noch einen Roman über das Leben im Deutschen Reiche unter Hitler schreiben, sondern die ihm entzogene Wirklichkeit lediglich zum Vehikel von etwas ganz anderem machen. Keine Höllenfahrt schreiben wie Thomas Mann in seinem "Doktor Faustus", aber den Untergang derer, die ihn vertrieben und Deutschland auf den Hund gebracht hatten, vorwegnehmen, damit etwas Neues kommen könne, in dem auch er wieder seinen Platz hätte. Auch in Haifa war er immer in Deutschland und schrieb über Deutschland, irgendwo zwischen Trauer und Hoffnung.