Woody Allens neuer Film "Hannah und ihre Schwestern"

Von Siegfried Schober

Hannahs Mann Elliot verliebte sich an diesem Abend, an dem die Familie sich zum Thanksgiving-Essen versammelt hatte, in ihre Schwester Lee.

So könnte, in der Manier eines Erzählers des 19. Jahrhunderts, auf dem Papier der Grundeinfall von Woody Allens neuem Film ausgesehen haben. Tatsächlich las Woody Allen, als er das Drehbuch zu "Hannah" begann, Tolstois "Anna Karenina", und der Roman inspirierte ihn zu einer ungewöhnlichen, wenn auch in Unter- und Nebentönen amüsant kritischen Verherrlichung des Familienlebens – und zu der wunderbaren Figur des sich eine tödliche Krankheit einbildenden Gott- und Sinnsuchers Mickey, der Hannahs gehetzter Exmann ist, ein karikaturhaft auf den Manhattan-Boulevard geworfener Doppelgänger von Tolstois grüblerischem, autobiographischem Lewin.

Ein Tolstoi wäre Woody Allen, der diesen Mickey auch als ironisches Selbstporträt spielt, manchmal selber gerne. Aber er ist mit amerikanischen Comics aufgewachsen. Darum sieht sein Film "Hannah und ihre Schwestern" wie ein melancholischer russischer Roman aus, den ein Gagschreiber ins moderne New Yorker Idiom übersetzt hat.

Ganz so modern ist der Film freilich gar nicht, er hat manchmal sogar etwas bewußt Angestaubtes, Altertümelndes, wenn man an Woody Allens Faible für Gefühlsverwicklungen denkt, wie man sie nur noch aus alten Romanen kennt, an seine Liebe zu einem New York, wie es nur noch an wenigen Stellen und im Verborgenen zu finden ist, und an seinen auf einmal erwachten, geradezu konservativ anmutenden Familiensinn.

Eine alte, schmissige, schmusige Harry-James-Melodie, "You Made Me Love You", zieht den Zuschauer in den Film hinein. Dann sind wir mitten drin in einer großen traditionellen New Yorker Familienfeier, es ist der Thanksgiving-Abend, wo in all der Turbulenz und überdrehten Geselligkeit einer ganz still und rührend innerlich wird.