Von Karl Markus Michel

Das WIR, von dem hier etwas ausgeplaudert werden soll, ist nicht zu fassen. Es existiert weder offen, als demographische Gruppe oder demoskopisches Fähnlein, noch im Verborgenen, als geheime Verschwörung oder verheimlichte Abweichung. Es muß sich deshalb sowenig aufspielen wie tarnen. Nicht einmal als Gerücht macht es von sich reden. Wer sich aus ihm davonstehlen will, kann das erhobenen Hauptes tun. Wer aber so aberwitzig wäre, sich freiheraus zu ihm zu bekennen, würde damit schon verraten, daß er nicht dazugehört. Gerade dies taten ja in jüngster Zeit ein paar Redliche, Politiker zumeist, die sich für die "Elite" stark machten – schon standen sie im Regen, draußen wie nur irgendeiner, wie eigentlich fast alle.

Nein, als "Elite" versteht dieses WIR sich keineswegs, auch nicht als "kulturelle" oder "geistige", nicht einmal als "heimliche" Elite. Das würde ja bedeuten, daß man ein gemeinsames Ziel, einen Auftrag, einen Komment hat. Man hat aber nur – ja was? Ein Bewußtsein? Höchstens ein "unglückliches": Mißstimmung, Mißmut, Verdruß. Aber man trägt es nicht zur Schau, das wäre schon zuviel des Bekenntnisses. Bekenntnisse überläßt man jenen anderen, den allzeit drüsenaktiv Betroffenen. Wozu sich echauffieren? Man schürzt nicht die Lippen, man verzieht sie, nach unten. Gekonnt und gelassen. Man hat es schon vorher gewußt: es war wieder nichts, diese Premiere oder Vernissage, der neue Roman oder Film. Und unter uns: ist nicht die ganze höhere Kultur heute ein Schmarren?

Dieses Urteil bleibt privat. Man tauscht sich nicht darüber aus, oder nur mit ein paar müden Gesten und faulen Worten, die auf Einverständnis setzen. Ein Einverständnis im Gähnen. Man weiß Bescheid. Das ist die Matrix dieses WIR. Es ist auch schon seine Grenze. Denn es bildet sich nur akzidentiell, als "kritische Masse". Diejenigen, die in diesem heiklen Zustand – des unglücklichen Kulturkonsums, der teilnehmenden Kulturverschmähung – zum WIR werden, sind zum überwiegenden Teil selbst Produzenten, Agenten, Repräsentanten dieser Kultur. Man macht oder betreut sie – und schmäht sie insgeheim. Aber gleichsam im Chor, nach imaginären Noten.

Das ist entscheidend: der unterstellte Konsens mit anderen. Man will nicht allein die Beweislast tragen, wenn man sich ödet. Doch woher weiß der einzelne, daß er nicht allein danebensteht? Es gibt zwar punktuelle Verständigungen, aber nur über Phänomene, kaum über Prinzipien. Vielleicht ist das gerade die Voraussetzung des stillschweigenden Einverständnisses: man hat keine Prinzipien: man sieht nicht mehr durch die Brille eines "Kunstwollens", die auch Schwaches verklärt – und sieht fast nur noch Schwaches. An welchem Anspruch gemessen? An dem simpelsten, den es in ästhetischen Dingen gibt: nicht angeödet, nicht therapeutisiert zu werden. Er läßt Spielraum genug für unterschiedliche Urteile im Einzelfall (aber nicht in jedem). Deshalb ist sich keiner sicher, in welchem Ausmaß die vermutlichen anderen WIR-Mitglieder sein unglückliches Bewußtsein teilen. Sicher ist nur, daß diejenigen, die es nicht teilen, sofort zu erkennen sind. (Man behandelt sie mit Schonung, man braucht sie ja.) Erst recht zu erkennen sind jene, die einmal dazugehörten, aber dieses prinzipienlos unglückliche Bewußtsein nicht aushielten und sich zu retten suchten durch den bekennerischen Sprung in eine neue Gläubigkeit, eine erschlichene Naivität. (Auch diese braucht man, aber nicht, um sie zu schonen.)

Was zurückbleibt, ist nicht nur der harte Kern des WIR – er ist umlagert von einem Hof voller Anwärter und Adepten, auch problematischen, die noch schwanken, die noch glauben wollen, sogar knien, wenigstens zwei-, dreimal im Jahr, und dies auch trotzig tun, fast egal wovor; oder die zum Knien keine Zeit haben, weil sie ständig rennen müssen, von einem kulturellen Ereignis zum nächsten, das allein dank solcher Hast zum Ereignis wird; oder die weder rennen noch knien, sondern vornehm darauf warten, daß der Kulturbetrieb endlich leistet, was er, ihrer Theorie gemäß, zu leisten hätte, und wenn er’s nicht bringt oder nur in Krümeln, dann mästen sie eben ihre Theorie.

Sie alle, wie gesagt, sind dem WIR noch nicht verfallen, kämpfen tapfer dagegen an. Nur manchmal, in erschlafftem Zustand oder in Augenblicken blitzartiger Einsicht – wenn sie im dicken Verlagsprospekt ein paar Seiten voller Novitäten umblättern; wenn ihnen während einer Kunstpräsentation unversehens ein Stück nackte Wand einleuchtet; wenn sie im Theaterfoyer beim Klingelzeichen nach der Pause von schierer Hoffnungslosigkeit gepackt werden –, dann gehören auch sie kurzfristig zur "kritischen Masse".