Der Evangelimann

Glücksmärchen, Wanderpredigt, Lesefolter: "Die Wiederholung" – Peter Handkes neues Buch

Von Benjamin Henrichs

Ein Mann geht geradeaus. Würde er sich umwenden, könnte er sehen, daß hinter ihm noch einer geht. Das könnte sein Schatten sein, sein Freund, sein Verfolger. Der Fußgänger könnte sich über den Doppelgänger freuen – er muß nicht alleine gehen. Es könnte ihn aber auch grausen – was ihm da nachgeht, das könnte ihm ans Leben gehen.

Der Doppelgänger tut alles, was der Vor-Gänger tut. Der Doppelgänger ist eine Wiederholung. Ungewiß und unheimlich ist, warum er es tut – seine Wiederholungen könnten gläubige Nachahmung sein oder höhnische Parodie.

"In der Regel berührte er mich nicht einmal, sondern äffte mich nur nach. Wenn ich irgendwo ging, sprang er zum Beispiel aus dem Gebüsch und bewegte sich in meiner Haltung, die Füße gleichzeitig aufsetzend, die Arme im selben Rhythmus schwingend neben mir her. Lief ich los, lief auch er; blieb ich stehen, stockte auch er; zuckte ich mit den Wimpern, zuckte auch er... Auf diese Weise ahmte er mich weniger nach, als daß er mich beschattete, und ich war der Gefangene meines Schattens ... Mörderischer konnte sich kein Haß ausdrücken als in solch ständigem, wie unter lautlosen Peitschenhieben erfolgenden Nachstellen. Ich faßte es nicht, derart gehaßt zu werden, und versuchte eine Versöhnung."

Die Literaturgeschichte ist eine Geschichte der Doppelgänger. Auch in Peter Handkes neuem Buch treten sie auf, in beinahe jedem Kapitel, in beinahe jeder Gestalt. Der Doppelgänger als der lautlose Todfeind; als der verschollene Bruder; als der geliebte Lehrer und Märchenerzähler. Der Doppelgänger als Vorbild und als Angstmacher.

Filip Kobal, zwanzig Jahre alt, macht eine Reise, vom südlichen Kärnten nach Slowenien. Er sucht seinen Bruder, geht den Spuren des Verschwundenen nach. Er wiederholt den Bruder. Fünfundzwanzig Jahre später schreibt er die Geschichte der ergebnislosen Suche auf, er wiederholt die Wiederholung. Womöglich ist das ganze Buch "Die Wiederholung" eine Wiederholung – ein Doppelgänger von Handkes erstem Roman "Die Hornissen". Aber das mögen die Handke-Doktoranden erforschen.

Der Evangelimann

Doppelgänger sind auch diese beiden: der Autor und sein Leser. Von allen Dichtern ist dem Leser (diesem hier) der Dichter Peter Handke immer einer der wichtigsten gewesen; unter den lebenden vielleicht sogar der liebste. Handkes Bücher, vor allem die zwischen dem "Kurzen Brief zum langen Abschied" und der "Kindergeschichte", sind für den Leser Wegweiser gewesen, Augenöffner. Während der Leser die Bücher des Dichters las, bildete er sich ein, wacher zu sein als sonst, einfach gescheiter. Während der Leser nach einem Satz noch suchte, hatte sein Dichter ihn schon gefunden. Während er noch verdrossen schwieg, hatte der Autor schon gesprochen – auch für ihn. Wenn er überhaupt jemals Lust hätte, Bücher zu schreiben, dachte der Leser, dann solche wie diese.

Irgendwann wurden die gemeinsamen Wege mühsam. Auf die "Sainte Victoire" ist der Leser dem Autor noch ächzend gefolgt, hat die Lehre (des Berges, des Malers Cezanne,des Dichters Handke) noch halbwegs gläubig aufgenommen. Beim Gewaltmarsch "Über die Dörfer" hat der Leser dann zum erstenmal kapituliert; hat sich nach wenigen Kilometern ins Gebüsch geschlagen. Soll der Dichter doch hingehen, wo er will.

Mit der "Wiederholung" ist dem Leser eine Wiederholung glücklicher Lesetage nicht gelungen. Wohl wurde auch dieses Buch ihm wieder zum Doppelgänger – diesmal aber zu einem der feindlichen Art. Keine "Störung im rechten Moment" wie die "Kindergeschichte" – dieses neue Buch störte immer zur unrechten Zeit, kam in die Quere, drückte aufs Gemüt, riß an den Nerven. Statt Freundschaft spürte der Leser Wut. Als er drauf und dran war, mit einer Verwünschung das Lesen aufzugeben, traf er einen anderen Leser; der erzählte ihm, leuchtenden Auges, er beginne "Die Wiederholung" gerade zum zweitenmal. Da hat der Leser den anderen Leser wohl ziemlich fassungslos angestarrt.

Wahrscheinlich müßte man mit diesem Buch so umgehen wie Filip Kobal, der Erzähler, mit dem slowenischen Wörterbuch seines Bruders: es andächtig entziffern, Wort für Wort. Oder man müßte dem Erzähler nachreisen an die Schauplätze seiner Erzählung – die "Wiederholung" wiederholen und das Buch vielleicht unterwegs verlieren.

In einem normalen Rezensentenleben (zwischen Redaktionsstube und McDonalds, Theaterpremiere und Sportschau) findet ein Buch wie dieses keinen Platz. Alle zeitgenössischen Unterhaltungs- und Spannungsbedürfnisse werden geradezu gnadenlos nicht befriedigt. Jede Regung von Ungeduld wird (von der Erzähler-Obrigkeit) verboten.

In Handkes früheren Büchern kamen auch Kinder vor, Frauen, Großstädte; jetzt ist der Erzähler (und mit ihm der Leser) in heroischer Landschaft fast immer allein. Menschen treten fast nur noch als Erinnerungen auf, als Schatten, als Zeichen am Weg. Der Autor zwingt dem Leser eine Einsamkeit (und also eine Zweisamkeit) auf, die dieser oft nicht mehr aushält.

Der Dichter hat ein Buch geschrieben, ein Mann geht geradeaus. Würde er sich umwenden, könnte er sehen, daß hinter ihm keiner mehr geht. Ein Vierteljahrhundert oder ein Tag ist vergangen, seit ich, auf der Spur meines verschollenen Bruders, in Jesenice ankam." Gleich mit dem ersten Satz überschreitet der Erzähler eine Grenze, und das in einem doppelten Sinne: die Grenze zwischen zwei Ländern, die Grenze zwischen zwei Zeiten. Wie im Märchen oder im phantastischen Roman oder im Traum sind die Gesetze der Zeit (und manchmal auch die der Geographie) aus den Angeln gehoben.

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Filip Kobal macht eine Reise – aus seinem österreichischen Heimatdorf (Rinkenberg) über die Berge, südwärts, südwestwärts, nach Jugoslawien. Er geht und er sieht, er erzählt und er erinnert sich. Zum Beispiel an die Kinder, denen er als Heranwachsender gerne erzählt hat: "Die Zuhörer wollten auch gar keine Handlung, die Abläufe allein taten es schon."

An dieses Gesetz hält sich der Erzähler auch jetzt, noch immer. Eine irgendwie "dramatische Handlung" hat "Die Wiederholung" nicht. Filip Kobal findet den verschollenen Bruder nicht – genaugenommen hat er ihn gar nicht gesucht. "Ich sah mich an einem Ziel. Nicht den Bruder zu finden hatte ich doch im Sinn gehabt, sondern von ihm zu erzählen." Am Ende des Buches die abrupte Heimkehr. Das ist alles. Das ist alles, könnten der Dichter und sein gläubiger Leser sagen.

Ein Buch aus drei Büchern, eine Trilogie. Eine Kindheitsgeschichte der erste Teil, ein Reisebericht der zweite, ein Märchen der dritte. "Das blinde Fenster" heißt das erste Buch, "Die leeren Viehsteige" das zweite, das dritte hat einen Titel, der nach Sage klingt und nach Abenteuer: "Die Savanne der Freiheit und das neunte Land".

Filip Kobal bricht auf, geht weg, seine Gedanken wandern zurück. Mit ihm sehen wir eine Prozession der Kindheitsfiguren. Die Familie: der jähzornige Vater, die kranke Mutter, die verwirrte Schwester, der verlorene Sohn, der unselige Nachkömmling. Eine heillose, heilige Familie. Ein Geschlecht der Verlassenen, Verfluchten, Verschollenen. Der Vater wartet auf den Erlöser wie auf "den Erdrutsch". Die Ängste der Kindheit, die Schrecken des Internats, der "Gemeinschaftshaft".

Im Haus der Familie Kobal (das manchmal ein Kerker, manchmal eine Arche ist) gibt es ein einziges Bild: eine Landkarte Sloweniens, sie hängt im "Herrgotts- und Radiowinkel". Aus Slowenien sind die Kobals einstmals nach Österreich verschlagen worden, Slowenien ist das Land der sagenhaften Vorfahren und aller Sehnsüchte: dorthin ist der Bruder entschwunden, dorthin reist ihm der Erzähler nach. Dort drüben, hinter den Bergen, gibt es einen Ort, von dem hat der Vater dem Filip Kobal erzählt: "In den Gärten wachsen die Palmen, und in einer Klostergruft ist ein König begraben."

Filip Kobal geht in die Fremde, die seine wirkliche Heimat ist. Er sucht sein heiliges, sein gelobtes Land. In der sogenannten Heimat fühlen sich die Kobals wie an einem Verbannungsort: "Was wir sind, das sind wir, und niemand kann uns vorschreiben, Deutsche zu sein." Österreich, das ist ihnen "das frostige, unfreundschaftliche, menschenfresserische Gebilde". Im anderen Land muß es "ein anderes Raummaß, ein anderes Zeitmaß" geben. Es ist eine andere "Italienische Reise", die Filip Kobal beginnt, eine neue "Langsame Heimkehr": "als kehrte ich hierher zurück, nicht in ein früheres Leben, sondern in ein geahntes".

Im jugoslawischen Karst, hoch über dem Adriatischen Meer, findet der Erzähler seinen Märchen- und Erlösungsort, die "Mitte der Welt" – eine Doline, einen fruchtbaren Krater im kahlen Gestein. Eine Insel, aber keine draußen im Meer, sondern eine, die geborgen ist in der Erde. Er findet, wie die alten Sagenhelden, natürlich auch "die liebreichste unter den Frauen", er findet sie oder er träumt sie sich.

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Den Bruder findet er nicht, aber er sieht ihn, er träumt ihn sich; und an der Wand einer verfallenen Kapelle entdeckt er des Bruders Schriftzeichen. Es ist ihm nun alles "märchenhaft" geworden, er kann getrost heimkehren. Alles ist ihm verwandelt, sogar die bedrückende Heimat: "Es war mir geradezu feierlich zumute. Es zog mich hin, als würde ich von dem Ort magnetisiert, doch ich befahl meinem Herzen die Langsamkeit. Die Sterne waren so zahlreich, deutlich sogar die Spiralnebel, daß die einzelnen Bilder ineinander übergingen und insgesamt eine die Erde überspannende Weltall-Stadt vorstellten. Die Milchstraße erschien als deren Hauptverkehrsader, und die Sterne an der Peripherie säumten die Landebahn des zugehörigen Flughafens; die ganze Stadt bereit zum Empfang."

Das ist nur eine von vielen heiklen und herrlichen Stellen in dem unausstehlichen Buch. Auch der Leser kehrt zurück von der Reise: mit einem schweren Kopf, aber wahrlich nicht mit leeren Händen.

Von einem, der auszog", diesmal anders: Filip Kobal will nicht, das Fürchten lernen, sondern, im Gegenteil, "das Grauen wegblasen". Er ist einer aus dem "Dörfler-Knechtsvolk", ein "Ungefüger", einer, der das Geradegehen erst lernen muß; einer, der stockt, stottert und stolpert. Immer wieder bekommt er den "Starrblick" und den "roten Kopf".

Nicht jeder der befremdlich mühseligen Sätze in der "Wiederholung" ist also ein Indiz für Peter Handkes Dichterqual und -Ungeschick. Der da berichtet, ist ein Landmensch, keiner von den wortgewandten Großstädtern. Ein lapidares Erzähldeutsch und ein verrenktes Schriftdeutsch sind seine Sprachen, die Schule der Geläufigkeit hat Filip Kobal nicht besucht. Der Vater ist sein Vorbild und sein Verteidiger: "Mir freilich ist dieses fremdelnde, ernste, mühsam ein jedes Wort bedenkende und in ein Bild verwandelnde Deutsch-Sprechen des Vaters im Ohr als die klarste, reinste, am wenigsten verballhornte und am meisten menschenähnliche Stimme, die ich zeitlebens in Österreich gehört habe."

Filip Kobal erlebt sich als einen fortdauernd Angeklagten, ist immerzu mit "Schuld" und "Scham" beladen – Leben heißt, daß einem der Prozeß gemacht wird. Die Welt ist eine Schreckenswelt, ihr Betrachter dem "Grusel verfallen": So sieht er Krawattenknoten, "groß wie Kröpfe", das Gebäck im Brotkorb erinnert ihn an Leichen im Massengrab.

"Die Wiederholung" gehört also dem sehr ehrwürdigen Genre der Erziehungsgleichnisse, der Bildungsromane an. So trostlos die Verhältnisse, so unersättlich die Gier nach Trost. So würgend die Angst ("In meinem Leben habe ich mich noch keinmal in Sicherheit gefühlt"), so stürmisch die Hoffnung. So tief das Schuldbewußtsein, so groß der Besserungsdrang. Voller Feinde ist die Welt – und voller Lehrer, Vorbilder, Retter. Voller dunkler Rätsel – und voller hilfreicher Gleichnisse.

"Die Wiederholung" ist ein Erlösungsmärchen, sein Thema das allerschwierigste und peinlichste: das Glück. Wer davon erzählen will, das wissen Handke und Kobal, entblößt sich, macht sich unmöglich, aufs neue. Aber vielleicht ist am Ende. die alte Scham verdrängt von einem neuen Triumphgefühl.

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Wie jeder Märchenheld, der aufbricht, das Glück zu erobern, braucht Filip Kobal Waffen, Zaubermittel. Für ihn sind das zwei Bücher des verschwundenen Bruders: ein Werkheft der Landwirtschaftsschule von Maribor, ein slowenischdeutsches Wörterbuch aus dem neunzehnten Jahrhundert. Die beiden Bücher verkörpern, sehr feierlich, die beiden größten Lehrmeister des aufbrechenden jungen Mannes: die Natur und die Sprache. Und beide zusammen lehren sie ihn nicht weniger als das Geheimnis der Welt: die Sprache der Natur. Denn die Natur ist für den, der sie zu entziffern versteht, eine, Schrift, kein chaotisches Gestammel.

Natürlich will auch das Buch, das von den beiden Zauberbüchern berichtet, will auch "Die Wiederholung" ein Lehrbuch sein zum besseren Leben, zur wahren Empfindung. Es genügt Peter Handke nicht, seinen Filip Kobal zu erlösen, er will auch dem Leser von der Erlösung predigen. Und da hört das Märchen auf, fängt die Folter, fangen die Höllenqualen des Lesenden an.

Peter Handke verfolgt mit seinem Buch ein doppeltes Projekt: ein utopisches und ein ernüchternd weltliches. Während der Erzähler übers Gebirge schreitet, mischt er sich doch heftig ein ins Gewimmel der Welt. Während er den Gesang anstimmt (dort oben), will er doch auch recht haben (hier unten).

"Die Wiederholung" ist eine Erzählung von der Erlösung (durch die Erzählung). Erst in der Erzählung wird die Welt erfühlbar (also wirklich). Die Worte des Erzählers erschaffen die Welt ein zweites Mal; sie verwandeln "Erdenschwere" in "Luftschrift", die "Sonne" zur "Buchstabensonne". Die Erzählung ist also die "Wiederholung" der Schöpfung; die geglückte Erzählung wäre der wahre Zufluchtsort, die Arche, die Doline.

Aber solch erhabener Zuversicht zum Trotz ist "Die Wiederholung" nicht nur Luftschrift, sondern Kampfschrift (für das einzig richtige, Erzählen). Ein so glänzend wie verbissen formulierter Schriftsatz zur Verteidigung vor einem imaginären Literatur-Gerichtshof. Der Wanderprediger ist die eine Rolle Handkes, der Literaturkritiker die andere – und natürlich kommt er auch in diesem Buch jedem Rezensenten geistesgegenwärtig zuvor, entwaffnet ihn.

Alle Vorbilder und Lehrer, die Handke aufmarschieren läßt, sind auch seine Verteidiger; alle Selbstporträts des Erzählers Filip Kobal Porträts des Erzählers Peter Handke, mit wahrhaft inniger Ironie gezeichnet: "Der Erzähler in mir, eben noch wahrgenommen als der heimliche König, schuftete, ins Traumlicht gezerrt, dort als stammelnder Zwangsarbeiter, aus dem kein brauchbarer Satz herauskam ... Der Geist der Erzählung – wie böse konnte er werden!"

Von seiner Lust, sich "absichtlich zu verirren", erzählt Filip Kobal, beruft sich auf die "Elementarstammler". Schöner kann es kein Handke-Kritiker sagen. Aber der Witz solcher Formulierungen kann das sonderbar Verkrampfte des Schauspiels nicht verbergen: die Schuldgefühle des Erzählers Handke und seinen wütenden Rechtfertigungsdrang.

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Kein Wunder, daß auch die Handke-Kritik seit längerer Zeit zu einer erbitterten Gerichtsverhandlung geworden ist, bei der sich Verteidiger und Ankläger des Dichters die Plädoyers um die Ohren hauen. Indizien, Beweise findet man in jedem Buch zuhauf, in diesem neuen ganz besonders: Gründe für stammelnde Andacht genauso wie für gellenden Hohn.

Der horrende doppelte Auftrag der "Wiederholung", gleichzeitig Poesie und poetologische Regierungserklärung sein zu müssen, fordert seine Opfer. Auf der heroischen Kampfstatt bleiben zurück: die gequälte Sprache, der mißhandelte Leser.

Der Erzähler sieht nicht, er "gewahrt"; er denkt nicht, er "bedenkt"; wenn er zurückdenkt, dann nicht an Kindheit, sondern an "Kindschaft"; wenn er zurückblickt, dann nichts ins Tal, sondern in die "Talschaft". (Die "Kelchschaft" immerhin erspart er seinem Leser.)

Natürlich möchte Filip Kobal mit solchen Worten "Widerstand leisten" gegen das herrschende flache Gerede; natürlich möchte der Erzähler Handke ein Widerständler sein, sein Buch Partisanen-Literatur: gegen die Besatzer der Sprache, gegen alle glatte Bestsellerei, alle Parfüm- und Rosenfabrikanten.

Handke geht ein hohes Risiko ein, die Verwegenheit seiner Vorsätze ist in der zeitgenössischen Literatur wohl ohne Beispiel. Und das weiß (und genießt) der Dichter auch selber – wenn er seine Geistesverwandten, die "griechischen Wahrheitssucher" grüßt, oder wenn er seinem "lieben Pindar", über die Jahrhunderte hinweg, huldvoll zuwinkt.

Aber ob er die schönen alten Wörter wirklich wiederbelebt – oder sie doch nur beflissen restauriert? Da gibt es so viele betuliche Wendungen, so viele preziöse Schnörkel, so viele Festredner-Überleitungen: "Wenn ich jene Stunden bedenke ..."

Allein die Wörter. machen den grauenhaften, den "stummen Planeten" Erde bewohnbar, Sprachlosigkeit bedeutet "Vernichtung der Seele". Wenn aber die Wörter nicht weniger sind als die Rettung der Welt, die einzige Heimat und Wohnstatt, dann gerät der Dichter in Gefahr, sich an den Wörtern wärmen zu wollen, mit ihnen sein Heim zu schmücken.

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Handkes fatale Neigung zu einem gravitätischen Landpfarrerdeutsch ("Und es genügte die Vorstellung, von meinem vertrauten Deutsch umgeben zu sein, und ich fühlte Geborgenheit"), zu einer Orgel-und-Weihwasser-Prosa, haben in der "Wiederholung" noch einmal beklemmend zugenommen. Mit seinen Wörtern segnet der Dichter die Welt, anstatt sie zu entziffern. Daß Filip Kobals todkranke Mutter lächelt, genügt nicht, es muß ein "Lächeln unendlicher Güte" sein – was aus dem frommen Satz einen heftig frömmelnden macht. "Selig sind, die Verfolgung leiden": O Wunschkonzerte der Jugend, o wackerer Wilhelm Kienzl!

So ist es mehr ein Sprechzwang, der das Buch vorantreibt, als eine Sprachgewalt. Nicht lakonisch, selbstverständlich, "episch" ist die Erzählung, sondern trocken, angestrengt, grau. Statt "einfacher Vorgänge" mühselige Arrangements. Eine Gewähltheit, Spitzfindigkeit des Ausdrucks; viele feierliche Wortspielereien, eine andere Art von Pointenzwang. So viele Bilder wirken gesucht, erarbeitet, erquält, als stelle der Dichter sich selber poetische Aufgaben, als setze er sich selber unter Formulierungsdruck: "Der See hinten am Talschluß erschien im letzten Licht des Tages gallertig, wobei ich ihn mir voll von ertrinkenden Bienen dachte, die mit den durchsichtigen Flügeln kreiselten."

Manchmal befällt den Erzähler ein regelrechter Prosa-Starrkrampf, die Sätze verrenken und verknäueln sich auf tragikomische Weise. Zerplatzt dann der Traum von einem verwegenen, leichtfüßigen, wahrhaft unverschämten Erzählen. Ein Buch der Qualen und des Glanzes, in dem es eine routinierte Mitte, eine angenehme Mittellage niemals gibt.

Sonderbarerweise machen gerade Handkes Naturbeschreibungen kaum einmal Lust auf Natur – beklommen sorgfältig, auf feierliche Weise pedantisch reiht der Dichter Einzelheiten aneinander (wie ein Kommissar seine Indizien sammelt); ein Bild, ein Gefühl beschwört er damit nicht. Predigt und Buchhaltung, Schwärmerei und Pedanterie, Bibelton und Amtsdeutsch – was daran ist "Erzählung"?

Aller Weltrausch ist nur ein Wortrausch; auf das schöne Hoffnungsbild von der Harmonie der Welt senkt sich das Bleigewicht der Wörter. Viele meisterhafte Erzählungen sind in dem Buch-Ungetüm, in der riesigen Nicht-Erzählung zu entdecken; sobald Filip Kobal einen Feind beschreibt, hat seine Sprache Härte, Einfachheit, Hintergrund. "Gelobt sei der Feind!", er sagt es selber.

Und die Geschichte vom Sterben der Mutter (und von der wundersamen Einigkeit, ja Euphorie, in der die verfallene Familie plötzlich zusammenlebt) ist auf eine vollkommen unsentimentale Weise ergreifend, man kann ruhig sagen: biblisch. Jetzt haben die Dinge und Sätze wirklich selber einen "Schein", müssen nicht von außen effektvoll illuminiert werden.

Was dieses Buch zu einer schweren Prüfung, zu einer Lesefolter macht, ist keine Frage literarischen Glücks oder Unheils – viel ärger als alle Ausführlichkeiten, Verschrobenheiten, Stilblüten (über die man ja jedesmal streiten könnte) ist der drohende, geradezu inquisitorische Charakter von Handkes Schrift.

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Hinter der Demut des immerzu lernenden Dichters verbirgt sich nur notdürftig der Hochmut des immerzu Belehrenden. Ständig schreibt der Erzähler dem Leser vor, was er bitte zu sehen, wie er bitte zu empfinden habe. Er präsentiert sich dem Leser als Erzieher und als Opfer – selten als Freund. Er ist jener Reisegefährte, der immerzu der Reiseleiter sein muß; der ständig sagt, wie bedeutsam doch alles ist, der einen ständig auffordert, alles genauso bedeutsam zu finden.

Handke beichtet dem Leser und zwingt ihn in den Beichtstuhl. Er möchte ihm die Augen öffnen und haut ihm auf die Finger. Und wenn dann der Dichter wieder einmal eine Landschaft beschreibt und anschließend die von ihm mit Wörtern erschaffene Welt segnet (und sieht, daß es gut ist), möchte der nun völlig verschüchterte Leser nur eines noch: nach Hause!

Handkes Utopie ist es, daß die Erzählung "sich erzählt", daß der Erzähler aus ihr verschwindet. Aber gerade der Erzähler Handke ist in seiner Erzählung ständig aufdringlich anwesend, meldet sich belehrend zu Wort, stellt sich selber bedeutsame Fragen, gibt dem Leser die Unterweisung. Wie ein frommer Conférencier drängt er sich in die eigene Erzählung, applaudiert sich selber, als habe er Angst, man könnte ihn vergessen. Jedem Blick muß eine Bedeutung, jedem Bild eine Belehrung abgezwungen werden. So krümmt sich die Dichtung unter dem erzieherischen Auftrag.

Als Filip Kobal einmal talwärts wandert,, sieht er nicht bloß einen Feigenbaum, sondern das "Ereignis eines Feigenbaumes"; Der Autor muß betonen, daß es ein "Ereignis" ist – als habe der gläubige Dichter ständig Angst vor seinem ungläubigen Leser.

Doch die dick aufgetragene Ergriffenheit des Erzählers macht den Leser nicht ergriffen, sondern mißtrauisch; er fühlt sich durch die Wörter nicht erleuchtet und erlöst, sondern geknebelt. Je inbrünstiger der Dichter. jubelt, desto kläglicher fühlt sich der Leser, weil er nicht mitjubeln kann. Das Schuldgefühl, es ist jetzt seines Zuletzt haßt der Leser den Dichter, der immerzu sein Retter sein will. Gelobt sei der Feind!

Wie es sich für eine heilige Handlung gehört, steht am Ende der Liturgie der Gesang. Der Erzähler besingt die Erzählung (und damit ein letztes Mal sich selbst): "Erzählung, nichts Weltlicheres als du, nichts Gerechteres, mein Allerheiligstes. Erzählung, Patronin des Fernkämpfers, meine Herrin. Erzählung, geräumigstes aller Fahrzeuge, Himmelswagen. Auge der Erzählung, spiegele mich, denn allein du erkennst mich und würdigst mich. Blau des Himmels, komm in die Niederung herab durch die Erzählung. Erzählung, Musik der Teilnahme, begnadige, begnade und weihe uns ..."

Musik braust auf. Keine Karawanenmusik diesmal, sondern ein donnernder Dankgesang. Lasset das Lobgeschrei hören! Jetzt endlich erlebt auch der Leser sein Erlösungsmärchen. Die Doppelgänger gehen auseinander. Der Leser schließt das Buch, er tritt ins Freie.

Der Evangelimann

  • Peter Handke:

Die Wiederholung

Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1986; 336 S., 34,– DM