Von Gerhard Spörl

München, Ende September

Gemächlich füllt sich der Marienplatz mit Schaulustigen. Die "Stockdorfer Blaskapelle" schmettert den "Bayerischen Defiliermarsch", der hier nirgends fehlt, wo Obrigkeit erwartet wird, und ein SPD-Veteran reckt mühsam seine Traditionsfahne von 1921 hoch. Hinter ihm ist das mutmachende Transparent "Stoppt Strauß und Zimmermann, wählt Bayern, Rau und Hiersemann" still und unauffällig zusammengesackt. Die vielen Passanten, die sich per Rolltreppe aus dem Untergrund ans Tageslicht befördern lassen, werfen bestenfalls einen belustigten Blick auf die Kundgebung, die sich da vor dem Alten Rathaus anbahnt, und flanieren ungestört durch die Münchener Altstadt. Ein schlechtes Zeichen nach aller Erfahrung: Wer den Marienplatz an einem herrlichen Spätsommertag zwei Wochen vor der Wahl nicht voll bekommt, dem kann kein großer Erfolg beschieden sein.

Vorn auf dem Podium stehen sie jetzt alle beieinander, jeder ein Stück jüngster bayerischer SPD-Geschichte, mehr Leid als Freud. Peter Glotz hält sich ein wenig abseits. Seine Analyse der Münchener Misere ist nun schon zehn Jahre alt und stimmt doch noch haargenau. Die Partei, ein Wunder an Beharrungsvermögen, hat damals flüchtig erwogen, ihn zwecks Besserung der Verhältnisse in Bayern zu verpflichten; sie hat es ihm und sich erspart. Den aussichtslosen Versuch mußte der Nichttheoretiker Helmut Rothemund unternehmen, der jetzt starr und abweisend am anderen Podiumende lehnt. Nach acht Jahren gab er auf: entmutigt, erfolglos, einsichtig. Rudi Schöfberger, immer einen Kalauer auf den Lippen, hat die gewagteste Metamorphose vollzogen. Gegenwärtig erwirbt er sich Meriten, indem er die Partei mit guter Laune eindeckt und ihr Establishment damit nervt. Selbstbewußt und souverän schaut alleine Oberbürgermeister Georg Kronawitter drein, das Stehaufmännchen, an dessen Münchener Kabinettstücken sich die ganze bayerische SPD gefälligst ein Beispiel nehmen soll: Das Land und die Regierung der CSU unbeirrbar entwinden – nein, nicht gleich am 12. Oktober, das wäre vermessen, aber jedenfalls bald einmal.

Der Mann, der das nach und nach bewerkstelligen soll, geht jetzt schwer und zögernd ans Mikrophon. Karl-Heinz Hiersemann ist ein Koloß von 1,93 Meter Größe und mindestens 300 Pfund Lebendgewicht. Seines Opferganges ist er sich zu sehr bewußt, um übermäßiges Selbstbewußtsein zu verströmen. So tief ist die landesübliche Politfolklore ins Herz der SPD eingezogen, daß sie Hiersemann vor allem als Prachtexemplar eines Mannsbilds anpreist: derb, kraftvoll, standsicher. Er hat sich unter Kennern einen Namen als Parlamentarier im Landtag gemacht – aber bei den herrschenden Verhältnissen ist das Interesse am Geschehen im Maximilianeum gering. Er gehört auch nicht zur Prätorianergarde der SPD-Enkel Willy Brandts. Hiersemann ist ein Produkt der Bedingungen, unter denen die bayerische SPD seit bald dreißig Jahren darum ringt, wenigstens auf einen kleinen grünen Zweig zu kommen. Angestrengt dröhnen die Minimalwünsche des SPD-Spitzenkandidaten über den Münchener Marienplatz: "Wir müssen der SPD in Bayern eine neue Perspektive geben, und wir müssen dafür sorgen, daß Johannes Rau Bundeskanzler wird."

Einerseits ist diese Bayern-Wahl langweilig, und das Publikum bringt ihm mit Recht bestenfalls routinierte Aufmerksamkeit entgegen. Die CSU wird wieder haushoch gewinnen; die SPD begnügt sich mit der Absicht, der Abstand (1982: CSU 58,3 Prozent, SPD 31,9 Prozent) möge doch schrumpfen. Schon viel wäre erreicht, wenn man in Bayern später einmal sagen könnte, im Jahre 1986 habe der lange, lange Anlauf zum eventuellen Wechsel stattgefunden.

Größer ist die Gefahr, daß fürs erste alles beim alten bleibt. So schnell wird Karl-Heinz Hiersemann die schlichte Lehrstunde nicht vergessen, die ihm ein kauziger, konservativer Bürgermeister im Dachauer Land ungefragt erteilte: "Ja, es ist schon schwer, gegen eine erdrückende Übermacht antreten zu müssen", gab ihm der Oberbayer mit auf den Weg, "da ist ein besonderer Geist gefragt, damit Sie nicht verbittert, verbraten und aufgerieben werden. Aber wir wissen, daß die Opposition nötig ist. Ich wünsche Ihnen, daß Sie nie den Mut sinken lassen." Dem Sisyphos Hiersemann wird auch noch heiteres Gemüt abverlangt.