Hans Joachim Schädlichs Roman "Tallhover"

Von Fritz J. Raddatz

Hans Joachim Schädlich ist ein geradezu zirzensisches Kunststück geglückt: Ein Buch, das ausschließlich auf (offenbar gründlich recherchierten) Fakten beruht – und das dennoch einen eigenen Stil hat. Ein oft atemberaubender Balance-Akt, den Schädlich mit den Mitteln eines perfekten Artisten besteht.

Tallhover ist Polizist. Das klingt simpel – und ist dennoch raffiniert; denn Tallhover ist nicht irgendein Polizist, sondern die Polizei in Person: Seine Karriere beginnt beim königlichen Polizeiinspektor Hofrichter 1842, und sie endet 1955 beim "Dienst" in der DDR. Dazwischen liegt ein Jahrhundert Spitzelei – Herwegh und Lenin, Radek und Rosa Luxemburg, Peter Hille, das Nazilager, in dem Stalins Sohn ermordet wurde und Stalins Lager in der DDR. Das Kontinuum deutscher Geschichte als Agenten-Kontinuität.

Das ist nicht nur ein meisterlicher Einfall; es konstituiert auch ein meisterhaftes Buch – das sich wohl bewußt nicht Roman nennt und das Robert Musils Forderung nach dem Essayistischen in moderner Prosa glanzvoll einlöst. Was Hans Joachim Schädlich hier vorlegt, ist ein großer, schrecklicher, auch grausig komischer Essay; und zugleich ist es Prosa. Tallhover (auch dieser Name ist nicht erfunden, so hieß ein mittelalterlicher Henker) kann es beispielsweise nicht verwinden, daß Radek ihm entging und daß man Lenin auf Geheiß des deutschen Oberkommandos durch Deutschland reisen ließ: "Herr Tallhover, sagt Herr von Romberg, glauben Sie, die Oktober-Revolution hätte ohne Lenin nicht stattgefunden? Allerdings!, sagt Tallhover. Ohne Lenin hätten die Bolschewiki im Jahr 17 einige ihrer schwersten Krisen kaum bewältigt. Von Lenin stammte der Plan für den Oktober-Aufstand, der die Bolschewiki ans Ruder gebracht hat. Neunzehnhundertsieben, im Dezember, flieht Lenin, als deutscher Geologieprofessor Müller verkleidet, aus Russland nach Schweden. Er muß drei Kilometer zu Fuß übers Eis gehen, bricht ein, und beinahe ertrinkt er. Was wäre gewesen, wenn er ertrunken wäre? Hätte die Oktober-Revolution stattgefunden? Nein, Herr von Romberg, die Oktober-Revolution kam nicht unausweichlich und war nicht unabwendbar. Sie war eine Mischung aus Geschichte und Zufall. Der Zufall hieß Lenin."

Allein Lenins Eisenbahnfahrt im versiegelten Waggon ist ein erzählerisches Kabinett-Stück – akribisch genau in den historischen Details bis auf Abfahrtzeit, Bahnsteig und Begleitkommando. Aber auch die Verhaftung Radeks in der gerade entstandenen Weimarer Republik, wo er in seiner Zelle eine Art politischen Salon unterhielt, mit Rathenau über den Bolschewismus und mit Wirtschaftsführern über Exportquoten diskutierte, ist beides: Historischer Scherenschnitt und Geschichtsdebatte. Zur Charakteristik seiner Personen bedient Schädlich sich einer Steckbrief-Prosa:

"Ein Russe, der so gut deutsch sprach, daß er kein Russe war, redete besonders viel. Ich habe die Soldaten befragt, Wie sah er aus?

Er war klein, sagte ein Soldat.

Er hatte einen riesigen Kopf, sagte ein anderer. Er trug eine Brille mit scharfen Gläsern.

Er hatte große Augen.

Abstehende Ohren.

Einen großen Mund. Gelbliche Zähne.

Einen rötlichen Stoppelbart. Was hatte er an?

Knickerbocker.

Er sah aus wie ein Professor. Er sah aus wie ein Bandit.

Er sah aus wie ein Affe.

Herr Radek, sagt Herr von Planitz." Die diskursiven Passagen hält der Autor sorgfältig in der Schwebe: Es können Beobachtungen, Notizen, Diktate des unsterblichen Spitzels sein. Es können auch bare Verständigungslücken sein. "Soll das ein Gedicht sein", fragt sich mißtrauisch Tallhover beim Observieren des verdächtigen Peter Hille, "du mein herrlicher Backfisch – wer ist dieser Backfisch? Oder ist es ein Briefentwurf?" Es kann aber auch ein wörtlich referiertes historisches Dokument sein, das durch Schädlichs Collage-Technik gleichsam eine zweite Bedeutungsdimension erhält. Wenn der DDR-Exilant Hans Joachim Schädlich Herweghs berühmten Brief an den König von Preußen, "Königsberg, im December 1842", zitiert, meint er in Wahrheit einen anderen Poeten, einen anderen DDR-Exilanten: "Verbotene Bücher fliegen recht eigentlich durch die Luft, und was das Volk lesen will, liest es allen Verboten zum Trotz. Ew. Maj. Minister haben vor fünf Vierteljahren meine Gedichte verboten, und ich bin so glücklich, im Augenblicke die fünfte Auflage derselben veranstalten zu können. Ew. Mai. Minister haben die Beschlagnahme als gefährlich erschienener Bücher verordnet, und ich habe mich auf meiner ganzen Reise davon überzeugt: diese Bücher sind in jedermanns Händen."

Das ist auf geradezu hohnvolle Weise komisch. Und das wird durch Schädlichs Stilhaltung zu einer ständigen Versuchsanordnung; die Sprache schwingt in winzigen Läufen eine mächtige Distanzkurve – die Ironie produziert, auch Lächerlichkeit. "Goldheim will eine Tasse Schokolade trinken, Tallhover sagt, er wolle das auch." – In so einem kleinen Satz steckt ein ganzer Aufsatz über "Herr und Knecht". Indem Schädlich die einzige Kunstfigur des Buches immer in eine Entfernung hinter die realen Personen schiebt, macht er sie klein und bedrohlich zugleich.

Ein Polizist eben. Der erledigt zugleich seine Arbeit wie ein Handwerk, ideologiefrei, "unpolitisch", wie der deutsche Spießer das so nennt: "Die Frage, ob irgendeine Wahrheit überall und von jedem soll ausgesprochen werden dürfen, ist für denjenigen, der es ernst meint mit der Bewahrung einer sicheren und gesitteten Ordnung, keineswegs müßig. Die Antwort kann nur NEIN! lauten."

Nur selten rutscht Schädlich aus; nämlich immer da, wo er Uwe Johnson zu nahe kommt und sich in Manierismen verrennt, die auch in dessen Faktenpoesie gelegentlich störten.

"Den Verdammten der Erde, zum Hungern Gezwungenen, singen die Sänger Aufforderung zu, sie sollten erwachen." – Das ist eine alberne statt distanzierende Charakteristik der "Internationale". Oder: "... der Telegraph in Minsk schrieb Radek das Einverständnis des Zentralkomitees in Moskau auf" ist eine so gewollte Individualisierung eines Instruments, daß sie läppisch wirkt.

Aber die Eindringlichkeit bleibt. Ein Buch vom Staat, der durch alle variierten und mutierten Formen hindurch stets nur einen Bediensteten hat. Er heißt immer Tallhover. Alle Theorien und Ideologien sind nur Verbrämung für dessen Wahrheit:

"Wie oft ist es Schuldigen dank verlogener Anstrengungen, dank lügnerischer Beteuerungen angeblicher Unschuld gelungen, ihren Kopf glücklich aus der Schlinge zu ziehen. Wie oft wurde die Verfolgung der Schuldigen betrieben, ohne die notwendige Geheimhaltung, ohne ein unerläßliches Maß an Härte, ja an staatsdienlicher Gewalt. Das ist nicht gewöhnlicher Verrat an den Diensten und am Staat, sondern selbst Verbrechen, und zwar Verbrechen an der Geschichte. Wenn ich das betone, so deshalb, weil hier der Keim liegt, aus dem sich Jahr um Jahr das tiefste Vergehen an der Idee des ordnenden Staates entwickelt – die verheerende Aufsässigkeit gegen den Staat, an der unser aller Leben krankt."

Hans Joachim Schädlich ist mit seinem entsetzlichen Finsterblick dreierlei gelungen: ein literarischer Krimi; eine makabre Verwerfung; ein bitteres Menetekel.

  • Hans Joachim Schädlich:

Tallhover Roman; Rowohlt Verlag, Reinbek 1986; 320 S., 38,– DM