Von Horst Rumpf

Es gibt keinen Flug zwischen Punkt A und Punkt B, sagen wir: zwischen New York und Paris, der nicht grundsätzlich als zu lang gälte. Die Bewältigung dieser Strecke erfordert heute noch sechs Stunden. Zu langsam. Was immer dauert, dauert zu lange. Was immer Zeit beansprucht, beansprucht zuviel Zeit" – darin sieht Günther Anders eine der Geheimmaximen der Epoche, eine der "nicht zugestandenen, aber allem Denken, Fühlen und Benehmen zugrundeliegenden Voraussetzungen".

Den Kampf gegen die Uhr aufzunehmen, die Zeit wie einen Gegner niederzukämpfen, das wäre also nicht bloß das Ziel, das dem Meisterschwimmer Gross seine Gloriole schenkt. Wir alle kämen mit ihm überein in dem Grundgefühl, das Zeit-Kostende möglichst wirksam hinter uns zu bringen, womöglich schneller als gestern, schneller als die Konkurrenz, die mitläuft.

Wir haben da viele Helfer, über alltägliche Gebrauchsgegenstände gehen uns diese Normen ins Blut. Von den Verkehrsmitteln braucht man nicht zu reden, Verlangsamung wäre da immer eine Verschlechterung. Aber viel unscheinbarere Dinge, die sich unter unseren Augen ändern, empfehlen sich durch "Zeitersparnis". Der Photoapparat, der gleich das Bild ausspuckt, die lästige Wartezeit entfällt.

Nun gibt es ohne Zweifel auch menschliche Tätigkeiten, bei denen es nicht um Erledigung und Bewältigung geht, sondern um Anwesenheit und um Vergegenwärtigung. Nicht darum also, etwas möglichst schnell hinter sich zu bringen – sondern es vor sich zu bringen, vor ihm zu bleiben, ohne auf die Uhr zu schauen oder nach Hilfen zu suchen, wie man damit fertig werden könnte. Ich meine das nicht nur beschaulich. Es gilt nicht nur für das Betrachten einer Blume. Ich denke auch an Trauer, Leere, Ratlosigkeit. Auch vor den politisch-gesellschaftlichen Ungemütlichkeiten (an denen es ja nicht fehlt) nehmen wir Kinder der Beschleunigung schnell unsere Zuflucht zu "Plattformen", die – als Formeln – Übersicht und Einordnung verheißen. Schnelle Antworten, clevere Erledigungen sind uns lieber als langwierige Suchbewegungen.

Immer mehr menschliche Tätigkeiten drohen in den Sog der Normen zeitsparender Erledigung zu kommen, auch solche, deren Sinn auf Vergegenwärtigung zielt. Vielfache Arten des Lernens werden maßgeschneidert und umgeformt nach den Gesetzen der Zeitersparnis und der Beschleunigung. Vielleicht stutzen wir noch einen Augenblick, wenn wir sehen, daß ein Schüler oder ein Student besser sein soll, weil er mit einem Roman, einem Gedicht "schneller fertig wird". Besser als der, der irgendwo hängenbleibt, sich das Zweimallesen, das Kopfschütteln, sich die Luft zwischen den Zeilen gestattet.

Vielleicht haben wir noch Zweifel, ob sich Kunst als Bewältigungsmaterie und als Rennbahn im Kampf um den ersten Platz eignet. Aber eine Übersetzung – oder, noch eindeutiger, eine Mathematik-, eine Physikaufgabe: Ist es da nicht so eindeutig wie beim Hürdenlauf? Ist da der Schnellere nicht auch der Bessere? Hat der Lehrer nicht recht, der fünf Minuten nach dem Pausenschellen dem Schüler die Physikarbeit mit der Bemerkung wegnimmt: "Leistung ist Arbeit pro Zeiteinheit."? Und welches Schleunigkeitsideaf steht schließlich hinter den Chemie-, Mathematik-, Physikolympiaden?