Frei nach Stendhal: am besten durch die Tür zu hören

Von Heinz Josef Herbort

Günther Rennen wußte, wovon er sprach, als er Mozarts „Don Giovanni“ für „das Schwerste“ hielt, „für uns Interpretierende ein Höchstes, ein Gefährlichstes, an dem zu scheitern keine Schande sein muß“. Nicht sein muß – aber vielleicht doch sein kann? Nicht unbedingt eine Schande – aber doch wohl auch kein Ruhmesblatt, möchte man die Bescheidenheit ergänzen, die in einer merkwürdigen Form von Geniefetischismus hinter das Werk und den Autor zurücktretend sich selbst entschuldigt.

Was ist so schwierig an diesem Stück? Stendhal mag es geahnt haben, wenn er es „am herrlichsten“ fand, das Werk „nur durch einen Spalt der angelehnten Logentür“ zu hören – also nicht mit ansehen zu müssen, wie auf der Bühne Inszenierung und Dekoration zwischen „dramma“ und „giocoso“ hin und her pendelnd sich um ihre Glaubwürdigkeit bringen; wie eine noch so klug ausgedachte Choreographie der Partnerpolaritäten das „negative Zentrum“ Giovanni doch nicht darzustellen vermag; wie die sieben Antipoden (Komtur, Anna, Elvira, Ottavio, Leporello, Zerlina, Masetto) sich zwar dialogisch-zweckentsprechend artikulieren, trotzdem Kunstfiguren bleiben in einer anderen Gesetzen gehorchenden Bühnenwelt, vor allem aber das Rätsel Giovanni nicht lösen, eher vertiefen.

Stendhal im ausgehenden 20. Jahrhundert mit dessen elektroakustischen hochfidelen Hörgewohnheiten: ein idealer Schallplattenkonsument? Müßte er es nicht „am herrlichsten“ finden, durch einen Spalt seiner angelehnten Studiotür der Aufnahme jenes Maestro zu lauschen, der in seinen jüngeren Einspielungen gezeigt hat, wie man in der, nennen wir es: Altersweisheit manch ein Werk so ganz neu, anders, abgeklärt, reif, vollendet sieht – den „Rosenkavalier“ etwa oder Brahms’ „Requiem“, Bruckners „Te Deum“, Tschaikowskijs Sinfonien?

Wo möchte dann diese Reife, Weisheit, Distanz des Herbert von Karajan am ehesten sich zeigen, im „Don Giovanni“? In der Ouvertura, dem rein Orchestralen, dort, wo er allein mit seinen ihm lebenslänglich verbundenen Berlinern musiziert? Kein Zweifel: die hat so viel Ernst wie Würde, innerliche Heiterkeit wie Resignation, verzweifelte Angst vor dem Ende wie energischen Willen zum Überleben: Karajan läßt ganz bewußt den berühmt-berüchtigten b/h-(dur-moll-)Querstand (Takte 42/43 und 203/204) ausspielen.

Vor allem im Andante-Teil läßt er sich Zeit, entwickelt den d-moll-Plafond, spielt die Chromatik aus und betont die wellenförmigen Crescendi und Diminuendi. Das Molto Allegro dann läßt die Katze zwar noch nicht aus dem Sack, aber schon mal hinreichend hinausblinzeln: ein schönes Exemplar, glatt und weich und glänzend und warm im Fell – das Raubtierhafte ist kaum mehr zu erkennen. Knapp drei Stunden später, Fine dell’ Opera, ist klar geworden, daß es mit Mühen zwar, aber doch erfolgreich so weit domestiziert wurde, daß es zum genüßlichen Spiel oder spielerischen Genuß, zum kultivierten Amüsement, zum verfeinerten Zeitvertreib taugt, bei dem hier und da für einen winzigen Moment das Gefährliche durchleuchtet, um schnell wieder hinter der gestriegelten Haut zu verschwinden.