"Ordnung ist das ganze Leben": Ludwig Harig schreibt den "Roman meines Vaters"

Von Helmut Schödel

Ludwig Harig, Autor so friedliebender Bücher wie "Die Saarländische Freude" oder "Trierer Spaziergänge", fährt in seinem neuen Roman "Ordnung ist das ganze Leben" in die Schlacht. Er setzt sich in Sulzbach, seinem Heimatort im Saarland, in sein Auto und fährt bis nach Verdun, zurück an die Schauplätze des Ersten Weltkriegs, wo Harigs Vater, Ludwig Albert Harig, Jahrgang 1896, Anstreicher und Geschäftsmann zu Sulzbach, als Infantrist kämpfte und im August des Jahres 1917 schwer verwundet wurde.

Stockfinster ist die Nacht über Frankreich: "Vater saß im engen tiefen Graben, zusammengepfercht mit den Männern der 9. Kompanie, seit zehn Stunden trug er den schwer bepackten Tornister auf dem Rücken, ohne rechten Schlaf seit der vorletzten Nacht, nichts Warmes im Magen, nur schrittweise rückte er im Graben voran, zwängte sich an Toten, Sterbenden, Verwundeten vorbei, dann stockte der Schub wieder, eine viertel, eine halbe, eine ganze Stunde, Versprengte, Verschüttete, Entnervte fluteten dem Strom entgegen, Vater stand, festgekeilt, in gedecktem Graben, draußen wartete die erschöpfte Truppe auf Essen, Munition, Ablösung, die Stunden verrannen, das Bataillon saß fest."

Harig hat Regimentsgeschichten studiert, Photomaterial durchwühlt, Vater um Notizen gebeten und die Erinnerungen von Vaters Kompanieführer Thiele verarbeitet. Auf Jüngersche Stahlgewitter ist Harig bei seinen Recherchen nicht gestoßen: Harigs Krieg ist kein Mythos, ja nicht einmal ein historisches, sondern ein biographisches Ereignis. Er zeigt uns einen liebenswerten Vater, zu dessen Schicksal Verdun gehört, einen kleinen Mann im großen Krieg, einen rechtschaffenen Kleinbürger in der Provinz.

Ludwig Harig hat keine Mühe gescheut, jahrelang und mit bewundernswerter Ausdauer recherchiert, fünfhundert Seiten lang mit großem Atem schön erzählt und sein Buch über Vaters Leben, das 1980 endete, mit Zitaten nicht nur zeitgenössischer Literatur regelrecht geschmückt. Dabei ist ein Buch entstanden, das man nicht nur wegen seiner Menschenfreundlichkeit am liebsten so recht aus vollem Herzen loben würde – und über dem man sich die Haare rauft.

Es wurde nicht nur gründlich recherchiert, sondern auch gründlich weggelassen. Erzählt wird ohne Rücksicht auf die Psychoanalyse, verdrängt wird jeder antiautoritäre Reflex. Die sechziger Jahre liegen in diesem Buch weiter zurück als Verdun. Vater erscheint als der Garant einer geordneten, überschaubaren und heilen Welt, um derentwillen nahezu alles verziehen wird. "Nein", schreibt Harig, "Vaters Hände waren keine Flammenwerferhände." Voll von herzlichem Verständnis in inniger Dankbarkeit schwärmt Harig: "Vater hält die Welt zusammen." In Sulzbach ist der Ödipus-Komplex nicht zu Hause. Davon erzählt noch der letzte Satz des Romans: "Vater wird niemals sterben."