Von Carl-Christian Kaiser

Wenn sich die CDU Anfang nächster Woche in Mainz versammelt, wird sie alle Stationen ihres Treffens wohl in gehörigem Gleichschritt passieren. Wahlparteitage haben ohnehin ihr eigenes, disziplinierendes Reglement. Und anders als bei den Sozialdemokraten Ende August in Nürnberg geht es ja nicht um die spannende Frage, ob der Spitzenkandidat die Partei auf sich einzuschwören vermag. Nach wie vor ist Helmut Kohl als Bundeskanzler wie als CDU-Vorsitzender zumindest soweit unumstritten, als es bisher zu ihm keine Alternative gibt, nicht zu reden vom eisernen Gebot der Geschlossenheit knapp 120 Tage vor der Bundestagswahl. Störenfriede und Solotänzer hätten auch deshalb keine Chance, weil die Sonne einer freundlichen Konjunktur scheint; außerdem sind der Regierung letzthin weder schwere Fehler unterlaufen noch ist sie von unvorhersehbaren Ereignissen heimgesucht worden. Die Demoskopen melden ein anhaltendes Hoch.

Auch der ungebärdige Chef der kleineren Schwesterpartei wird die Stimmung kaum trüben. Seine Vorbehalte gegenüber einem in allen Punkten gemeinsamen Wahlprogramm müssen noch nicht das letzte Wort sein, sondern können sich nur als zusätzlicher Profilierungsversuch vor den eigenen Wahlen in Bayern am übernächsten Sonntag herausstellen – abesehen davon, daß es den Obertaktikern in der Union so unwillkommen gar nicht wäre, wenn die CSU von der Asylantenfrage über Südafrika bis zur Ostpolitik wieder mehr die rechte Kundschaft bediente. In mancher Hinsicht getrennt zu marschieren, das kann sich durchaus als nützlich erweisen – sofern man nach dem Wahltag Ende Januar vereint schlägt.

Hier allerdings setzen die Fragezeichen ein. Erkennbar zielen Franz Josef Strauß’ widerborstige Manöver vor allem auch darauf ab, der nächsten christlich-liberalen Regierungsperiode weitaus mehr als der vergangenen seinen Stempel aufzuprägen. Mit Koalitionsvereinbarungen, die, wie jene von 1982/83, der FDP erheblichen Spielraum lassen und zumal die außenpolitischen Leitlinien nur andeuten, will er sich nicht mehr abfinden – wenn er nicht sogar tatsächlich dem Traum nachhängt, Hans-Dietrich Genscher als Inkarnation allen Übels aushebeln und sich an dessen Stelle zu setzen.

Der Humus für einen solchen Versuch, den Kurs zu ändern, hat sich allmählich angesammelt, und nicht nur für diesen Vielmehr steht Strauß in einer breiten Phalanx von Unionspolitikern, die sämtlich darauf sinnen, in den kommenden vier Jahren tiefer zu pflügen. Schon vor geraumer Zeit hat der CSU-Vorsitzende diese Absicht in die Mahnung gekleidet – und sie seitdem unaufhörlich variiert –, die Bonner Koalition müsse den Kurswechsel dem Bürger "glaubwürdiger, ausgeprägter und profilierter ins Bewußtsein rücken" und der Wende "Tiefe, Gradlinigkeit und Dauerhaftigkeit" verleihen.

Freilich ist diese Phalanx keine Allianz, sondern nach Personen und Plänen außerordentlich verschieden. Sie beginnt auf der einen Seite zum Beispiel bei dem immer selbstbewußteren CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, der, wo er vergleichsweise linke Unionspositionen verficht, vor allem das sozialpolitische Profil der Partei zu schärfen sucht. Gegen den strikten Sparkurs Gerhard Stoltenbergs wie der wirtschaftsfreundlichen FDP will er genügend Geld sowohl für die Benachteiligten als auch für gesellschaftliche Innovationen abtrotzen. Ohnehin entsteht immer häufiger der Eindruck, daß Geißler sich als Verkörperung der CDU der neunziger Jahre versteht. Und auf der anderen Seite endet die Phalanx bei jenen mißvergnügten, wenn nicht schon verprellten Unionsanhängern, die sich von ihr mehr Widerstandskraft gegen den Zeitgeist, wie immer sie ihn verteufeln, versprochen haben und eine grundsätzliche moralische Erneuerung in einem sehr konservativen Sinne einfordern.

Natürlich überkreuzt sich vieles. Aber es ist kein Zufall, wenn in der Union die Zukunft – an welchem Reißbrett auch immer – Konjunktur hat, wenn sich das Gefühl ausbreitet, den Wählern so oder so etwas schuldig geblieben zu sein. Daraus erwachsen Appelle und Vorsätze, in den nächsten vier Jahren eine unverwechselbare Furche zu ziehen. Das gilt etwa für jenes "Zukunftsmanifest" der CDU, das auf dem Mainzer Parteitag als eine Art Überbau zum Wahlprogramm verabschiedet werden soll.