Von Willi Winkler

Es war alles ganz anders. In Marathon, Salamis und Platää siegten keineswegs die Griechen, wie es einem die humanistische Bildung weismachen will. Sie waren allenfalls die besseren Propagandisten ("Sie sind Meister der Kunst, das Phantastische plausibel klingen zu lassen"), und die Nachwelt glaubte diese schönen Legenden. In Wirklichkeit war die persische Hegemonie über die Ägäis und die griechischen Anrainerstaaten zu keinem Zeitpunkt gefährdet. Von der Hauptstadt Susa aus gesehen, stritten sich am Rande des Gesichtsfeldes ein paar Eingeborene um einen größeren Anteil an den Bestechungsgeldern, die vom Hof des Großkönigs reichlich nach Griechenland flossen.

Themistokles, der Sieger von Salamis, stand im persischen Sold, Miltiades, der Held von Marathon, war ein ehemaliger Satrap, Perikles sorgsam darauf bedacht, sich mit der Großmacht gut zu stellen, und Herodot, dieser "selbsternannte Historiker", hält im Odeon einen "peinlichen Vortrag" über die angeblichen "persischen Kriege".

Der gegen Herodot aufsteht, ist Cyrus Spitama, ein griechischer Perser oder persischer Grieche, "Gesandter des Großen Königs", ein weitgereister Mann, der alles gesehen hat und alles besser weiß. "Nicht umsonst bin ich der Enkel des heiligsten Mannes der jemals lebte, sowie der Sohn einer Zauberin. Es eignen mir Kräfte, die Gewöhnlichen versagt sind."

Cyrus Spitama war Zeuge des Mordes an seinem Großvater Zarathustra, er hat mit Darius, Xerxes und Perikles, mit indischen und chinesischen Herrschern Umgang gepflegt und sich von Buddha und Konfuzius in die Anfangsgründe der jeweiligen Lehre einführen lassen. Wie zur Abrundung des Bildes hat. er gegen Ende seines Lebens auch noch Sokrates und Sophokles kennenlernen dürfen. Der kluge Neffe Demokrit schließlich, dem Cyrus seine Lebensgeschichte diktiert, ist kein anderer als der erste Materialist, jener Demokrit, von dem der Begriff "Atom" stammt.

Nach einem Leben als Kundschafter, Unterhändler und Spion (nicht nur) für den persischen König rekapituliert der erblindete 74jährige Cyrus seine Wanderjahre. Als Enkel des Zarathustra und weil der der einzige war, der den "Weisen Herrn" Ahura Mazdah "mit der Zunge seines sterbenden Propheten" ein ewiges Leben für die Guten verkündigen hörte, gilt Cyrus "ohne eigenes Verdienst" selbst als heilig und überlebt deshalb die Intrigen am persischen Hof. Hier besucht er die Schule zusammen mit dem Thronfolger Xerxes und kann verfolgen, wie dessen Mutter Atossa, die Tochter des von Darius ermordeten Kyrus, vom Harem aus die Richtlinien der Politik bestimmt.

Darius schickt ihn, als er erwachsen ist, als Goodwill-Botschafter nach Indien, denn "unsere Zukunft liegt im Osten", wie Cyrus hofft. Aber das Land bleibt ihm fremd, er vermag sich an die exotischen Riten und die brutale Machtpolitik der Territorialherren nicht zu gewöhnen. Obwohl er eine Tochter des Potentaten Ajataschatru heiratet, fühlt er sich "von der wirklichen Welt abgeschnitten".