Von Manfred Schneider

Ein Künstler werden heißt nichts anderes als sich den unterirdischen Gottheiten weihen." Diese Notiz Friedrich Schlegels aus dem Jahre 1800 liest sich einerseits wie ein Kommentar zu Hölderlins um die gleiche Zeit entstehendem Trauerspiel "Empedokles". Es bildet aber zugleich eine Art von Schicksalsspruch für den unglücklichsten aller Dichter selbst. Der Philosoph, Dichter und Politiker Empedokles, der etwa zwischen 490 und 430 in Agrigent lebte, hat nicht nur auf Piaton und Aristoteles, sondern auf das gesamte Denken und Dichten der Antike großen Einfluß ausgeübt. Er weihte sich den "unterirdischen Gottheiten", indem er, wie es die Legende erzählt – und wie es Hölderlins Trauerspiel feierlich wiederholt –, im glühenden Schlund des Ätna den Tod suchte. Und Hölderlins "geistige Umnachtung", sein Sturz in die Tiefe der (von Schelling bereits 1803 attestierten) "Geistesabwesenheit" findet in Schlegels Aphorismus ihre poetische Diagnose.

Doch nicht nur der historische Empedokles liegt tief unter den Legenden begraben; auch Hölderlins Trauerspiel drohte im Fabelreich germanistischer Dichterfrömmigkeiten verloren zu gehen. Das Drama, das einen der sprachmächtigsten Redner der Antike zum Helden eines modernen Schicksals erheben wollte, hat Hölderlin zwischen 1797 und 1800 in mehreren Anläufen zu vollenden gesucht. Alle Ansätze – neben drei Bühnenfragmenten brachte der Dichter auch noch philosophische und poetologische Kommentare des Stoffs zu Papier – sind Fragment geblieben. Sie sind uns als Bruchstücke einer beispiellosen dichterischen Kunstanstrengung überliefert. Aber gerade die Lücken in den großen fragmentarischen Literaturschöpfungen sind die gefragtesten Nistplätze der Theologen und Spekulanten des Sinns. Kaum einem Autor deutscher Sprache floß in vergleichbarem Maße die bisweilen ins Törichte abirrende Liebe der Interpreten zu. Daher verspürte die ganze geistige Welt eine große Erleichterung, als 1961 Friedrich Beissner innerhalb seiner berühmten historisch-kritischen Hölderlin-Ausgabe die Entwürfe und Ausführungen des "Empedokles" in eine überzeugende chronologische Reihe brachte und in plausiblen lesbaren Fassungen vorlegte. Die Stuttgarter Ausgabe Beissners war eine bahnbrechende Arbeit, denn die verschiedenen Fragmente des Dramas erheben sich aus einem buchstäblichen Meer von Ansätzen, Varianten, Umarbeitungen und Korrekturen. Sie stellen an den Scharfsinn und an das philologische Gewissen des Herausgebers höchste Anforderungen.

Es tut Beissners Leistung keinen Abbruch, wenn wir heute die inzwischen seit zehn Jahren erscheinende Frankfurter Ausgabe von Hölderlins sämtlichen Werken, die Dieter E. Sattler entworfen hat und betreut, als eine ebenso großartige wie zukunftweisende Edition preisen. Der anfängliche Streit um die Notwendigkeit dieser Ausgabe ist ein Kuriosum der Vergangenheit. Gerade die 1985 erschienenen beiden "Empedokles"-Bände sind erneut Anlaß, das einzigartige Prinzip von Sattlers Textdarbietung als vorbildlich anzuerkennen.

Beissner präsentiert dem Leser zunächst einen vom Herausgeber konstituierten endgültigen Text der verschiedenen "Empedokles"-Fassungen, der die Absicht des Dichters möglichst getreu wiederzugeben sucht. Die riesige Zahl der Varianten (vom Dichter oder Herausgeber verworfene Vor- und Zwischenstufen des Textes) werden in einem "Apparat" aufgeschlüsselt. In der Frankfurter Ausgabe hingegen findet der Leser zunächst photographische Reproduktionen der vollständigen Manuskripte. Diese für den Laien häufig kaum entzifferbaren Handschriften werden jeweils auf der gegenüberliegenden Seite räumlich analog (diplomatisch) und typographisch differenziert umgeschrieben. In einem nächsten Schritt wird dieser Text in den Phasen der Manuskriptentstehung analysiert, und erst auf dieser Grundlage baut der Herausgeber eine "bereinigte" Fassung.

Solch großer Aufwand emanzipiert sowohl den Autor als auch den Leser. Das von Hölderlin in keine endgültige Gestalt gefaßte Werk wird als ein unabgeschlossen-unabschließbares Zeugnis der dichterischen Anstrengung sichtbar. Alle Texte Hölderlins, zu Lebzeiten gedruckte wie ungedruckte, tragen dieses Siegel einer ewigen Vorläufigkeit. Sie erwarben im Druck allenfalls den Stand einer befristeten Vollendung und wurden häufig später wiederaufgenommen und umgeformt. Man denke nur an die Elegie "Brot und Wein". Auch hat Hölderlin noch in der Zeit der "Umnachtung" an einer Fortsetzung des "Hyperion" gearbeitet.

Der Leser wird dadurch "emanzipiert", daß diese Edition fortgesetzt an seine Verstandes- und Kombinationskräfte appelliert. Freiheit ist stets Mühsal, denn hier soll er die gesamten buchstäblichen Einzelheiten des vom Herausgeber hergestellten Textes an den verschiedenen, von der Edition festgehaltenen Stadien der Handschrift überprüfen. Es ist auch eine Freiheit gegenüber dem wilden Heer der Interpreten. Der Leser steht nicht mehr am Rande eines Abgrunds von Bedeutsamkeiten, in den nur die geübten Seilschaften des Dichtersinns hinabsteigen; vielmehr hält er das durchsichtig gewordene Dokument einer grenzenlosen dichterischen Kraftanspannung in Händen. Es bedarf keiner Sehergabe, um der Frankfurter Ausgabe Nachahmer zu prophezeien. Denn überall dort, wo literarische Texte das Schaubild eines Prozesses darstellen, in dem sie sich ständig verändern und erneuern und wo dieses Prozeßhafte eigentlich ihre Wahrheit bereits erschöpft wie bei Kafka oder Musil, dort muß die Edition diesen Zug des Werkes bewahren und dokumentieren.