Helmuth Moltkes doppelter Einsatz im Kreisauer Kreis und in der Abwehr

Von Marion Gräfin Dönhoff

Es ist erstaunlich, was der niederländische Historiker Ger van Roon als Herausgeber des Bandes "Helmuth James Graf von Moltke" zusätzlich zu den bisher bekannten Tatsachen an Dokumenten und Informationen zusammengetragen hat. Durchforscht wurden von ihm nicht nur die deutschen Archive, sondern auch die Königliche Bibliothek in Kopenhagen, die Bodleian Library in Oxford, das Riksarkivet in Oslo und das in Stockholm, The Central Archives Depot von Pretoria in Südafrika sowie das Archiv der Jesuiten in Rom. Was dabei herauskam, ist eine fast ideale Mischung von interessantem Lesestoff und wissenschaftlicher Arbeit – manchmal sind die Fußnoten auf einer Seite umfangreicher als der Text, aber auch diese allein für sich genommen bilden ein nützliches Geschichtskompendium.

Frage: Haben sich auch für den, der sich in der Widerstandsliteratur auskennt, neue Aspekte ergeben? Sind bisher unbekannte Züge an Helmuth Moltke entdeckt worden? Verblüffend erscheint mir, in wie jungen Jahren sich bereits das Außergewöhnliche dieser Persönlichkeit enthüllt: Sein großes politisches Engagement, sein soziales Interesse und der ausgeprägte Sinn für Verantwortung. Im Jahre 1926 – er ist 1907 geboren, also 19 Jahre alt – arbeitet er in den Oster- und Sommerferien auf dem Landratsamt in Waldenburg, um die Probleme seiner Heimat Schlesien, die gerade einen Teil des Industriegebietes an Polen hatte abgeben müssen, kennenzulernen. Zwei Jahre später inspiriert er die "Löwenberger Arbeitsgemeinschaft", eine Hilfsaktion für den von Armut geplagten Waldenburger Bezirk; ein Arbeitslager wird von ihm und seinen Freunden veranstaltet: Während zweier Wochen nehmen daran die sozialistische und die christliche Arbeiterjugend, Jungbauern und Studenten teil.

In dieser Zeit, und das ist das Überraschende, finden sich – zum Teil noch sehr jung – eine Reihe von Leuten zusammen, die dann 15 Jahre später zum Kreisauer Kreis gehören: Adolf Reichwein, Hans Peters, Horst von Einsiedel, Carl Dietrich von Trotha, Fritz Christiansen-Weniger, Peter Graf Yorck, Theodor Steltzer. Die Sozialisten Carlo Mierendorf und Theodor Haubach hatte er schon 1927 kennengelernt. Verblüffend ist ferner die Stetigkeit der Gesinnung, die große Kontinuität, die Moltkes Denken und Handeln auszeichnet.

Aus einem Aufsatz, den er vor 1933 geschrieben hat, geht hervor, daß Moltke im Gegensatz zu vielen seiner Landsleute für eine bundesstaatliche Struktur war und für weitgehende Selbstverwaltung. Dem Reich sollte nur die Reichsverwaltung, Verteidigung und Außenpolitik bleiben. Seine außenpolitische Blickrichtung war Europa: Die Nationalstaaten sind für ihn nur Teile Europas. Seine innenpolitische Ausrichtung ist sozial-liberal und wird im Laufe der Nazi-Zeit immer stärker durch den Kampf für Recht und Humanität geprägt.

Moltke hat in seiner Weltoffenheit, seinen vielseitigen Interessen und seiner frühen Ernsthaftigkeit offenbar für Menschen aller Kategorien schon in jungen Jahren eine gewisse Faszination gehabt. Der Kreis seiner ihm zugetanen Bekannten ist erstaunlich vielseitig: Heinrich Brüning, Kultusminister Carl Heinrich Becker, Gerhart Hauptmann, Professor Willy Hellpach, Carl Zuckmayer, Helene Weigel-Brecht, die Frau von Bertolt Brecht.