Von Wolfgang Burde

Daß russische Kunst und grundsätzlich alle Kunst in den sozialistischen Ländern stets seltsam phasenverschoben nur die avancierten künstlerischen Tendenzen westlicher Länder adaptiere, gehört zu den offenbar unausrottbaren Vorurteilen unserer Kunstszene. Nun, die ausführliche Präsentation zeitgenössischer Musik aus Moskau während der diesjährigen Berliner Festwochen bewies nicht allein die Unhaltbarkeit solchen Theorems, sie verdeutlichte vielmehr, daß die Generation der vierzig- bis fünfzigjährigen Komponisten virtuos mit den Möglichkeiten der Klangfarbkomposition und neotonalen Ausdrucksformen umzugehen vermag.

Werke wie Sofia Gubaidulinas (1931) "Symphonie in zwölf Sätzen" – "Stimmen – verstummen", eine Auftragskomposition der Festwochen – verbreiteten zudem ein überraschend frisches neodadaistisches Klima, das offenbar im Augenblick in Moskau en vogue ist. Und es wird offensichtlich ergänzt durch die Wiederentdeckung jener bruitistischen Ausdrucksweise, wie sie im italienischen Futurismus, aber auch in den Zwanziger Jahren gepflegt wurde. Die Gubaidulina schichtete in ihrer vierzigminütigen, vom philharmonischen Publikum begeistert gefeierten Komposition traditionelles Material, Dreiklangsformen, Skalenausschnitte zu seltsam verqueren, ungewöhnlichen Tonkonstellationen, die vielfältig von tiefen Einschnitten heimgesucht werden, bis hin zu stummen, vom staatlichen Moskauer Symphonieorchester erwiderten Aktionen des Dirigenten Gennadi Roshdestwenski.

Edisson Denissows (1929) vierzigminütiges Konzert für Viola und Orchester – ebenfalls ein Auftragswerk der Festwochen – wirkte gegen solche widerborstige Ästhetik wie ein Abgesang. Denissow entfaltete in den großräumigen ersten Sätzen seines Konzerts eine sehr dichte musikalische Sprache von Bergscher Intensität. Aber er widerrief sie gleichsam in einem Schlußsatz, dessen Variationen Schuberts nur allzu bekanntes As-dur-Impromptu ausfigurierte. Auf solche Weise desavouierte er die schwebende, seltsam choralgesättigte Grundstimmung der voraufgegangenen großen beiden Sätze, die von Juri Baschmet überwältigend intensiv gespielt wurden.

Neodadaismus und Bruitismus zeigten sich auch als Tendenzen Moskauer Komponierens in einem Konzert des Violoncellisten Iwan Monighetti. Besonders eindringlich in Galina Ustwolskajas (1919) "Großem Duett für Violoncello und Klavier", einem brutal zustoßenden, hinreißend neoprimitivistischen Werk. Und anrührend zart spann Alexandre Knaisel (1943) in seinem "Lamento für Violoncello solo" seine überraschenden Fäden in einfachem Material. Keine Heldenepen, keine martialischen Symphonien waren diesmal aus Rußland, aus Moskau zu hören, sondern Musik im menschlichen Maßstab. Das war eine der Überraschungen der diesjährigen Berliner Festwochen.

Die andere bereitete Karlheinz Stockhausen, bereitete die Wiederbegegnung mit "Carré", einer Komposition für vier Orchester und vier Chöre. Das Werk war 1960 in Hamburg uraufgeführt worden. Damals hörte man "Carré" als Abfolge von musikalischen Strukturen, deren Registerlagen und -färben, deren Dichtegrade permanent wechselten, man vertiefte sich in den gleichsam geometrischen Charme dieser vierzigminütigen Partitur. Heute tritt dieser Eindruck geschliffener, kristalliner Klangkonstellationen und ihre gleichsam offene, ungerichtete Abfolge zurück, und das Werk enthüllt sich auch in seinem reichen, affettuosen Gehalt. Es wird aber auch sichtbar als eine Komposition, die am Beginn des Jahrzehnts der Klangfarbenkomposition entstand.

Dennoch: "Carré" nahm auch durch seinen Purismus für sich ein, durch eine kompositorische Haltung, die sich alle rhetorische Geschwätzigkeit verbietet. Schön, einem solchen Werk wiederzubegegnen in einer Zeit, in der – ob neoromantisch oder neotonal – die ausführlichen kompositorischen Konzeptionen der Jüngeren selbst die gutwillisten und aufnahmebereiten Ohren allmählich zu verstopfen beginnen. Die Berliner Aufführung war auch atmosphärisch ein Glücksfall. Die Zuhörer saßen im Foyer der Nationalgalerie und hatten die Chance, das Werk nach einer Einführung des Komponisten in dieser intimen Atmosphäre ein zweites Mal zu erleben.