Von Anna v. Münchhausen

Ein Porträt – über mich?" Das schien er komisch zu finden. Ob ich mir das selbst ausgedacht habe? Die Antwort gar nicht abwartend, schiebt er schon die nächste Frage nach: "Wissen Sie, was ich in der ZEIT als erstes lese?"

Als Museumsmann das Feuilleton, vermute ich im stillen, sage statt dessen kühn: "Sicher das Moderne Leben." Beides falsch. Als erstes schlägt er die Stellenanzeigen auf. Er weidet sich an der stummen Verblüffung am anderen Ende der Leitung. Ach, taste ich behutsam, da ist er also auf dem Absprung, hat seine Erfahrungen, deprimierende offenbar, mit der Kulturstadt München gemacht und ist unterwegs zu neuen Ufern ...?

Falsch, ganz falsch diesmal. Die Stellenanzeigen liest der 42jährige Direktor des Münchner Stadtmuseums gewissermaßen wie einer, der sich am ersten Ferientag den Wecker stellt, um das Ausschlafen zu genießen – weil er froh genug darüber ist, einen Job gefunden zu haben, der seinen Neigungen und Eingebungen in flexibler Weise anzupassen ist.

Auf dem Absprung ist Christoph Stölzl, der mittags gern in einem Lokal mit dem kongenialen Namen "Bienenkorb" ißt, allerdings immerzu – hinein in die nächste Ausstellung, ein neues Projekt, einen "Wahnsinn" (eines seiner Lieblingswörter).

Gerade hat sein Haus eine Riesen-Modenschau mit dem Titel "Anziehungskräfte" auf die Beine gestellt, eine Zivilisations-Revue von (männlichen) Rollen-Projektionen und (weiblichen) Gegenentwürfen aus zwei Jahrhunderten. "Das Horrorartigste, was wir je gemacht haben", sagt Stölzl mit wohligem Erinnerungsschauer in der Stimme. Denn die Verleiher der historischen Kostüme bestanden darauf, daß alles staubdicht unter Glas aufgebaut wurde, und dann wurde ausgerechnet am Abend der Eröffnung Rosa Franziska, sein viertes Kind, geboren; "ganz wahnsinnig alles".

Münchner, die schon mehrere Ausstellungseröffnungen mit Stölzl erlebt haben, erzählen lachend, seine Standardbegrüßung laute: "Es rumpelt noch a bisserl." Immer muß noch irgendwo gehämmert und vollendet werden, wenn schon die ersten mit dem Glas in der Hand dastehen.