Von Christoph Bertram

Einen Biwak beim Anstieg zum Gipfel haben Michail Gorbatschow und Ronald Reagan vereinbart: Die Reise Gorbatschows nach Washington, dem ursprünglich vereinbarten Treffpunkt, wird über Reykjavik führen.

Mit dieser Entwicklung hätte niemand zu rechnen gewagt, der in den letzten Wochen beobachtete, wie die mächtigsten Männer der Weh sich in dem Stolpernetz der Affäre Daniloff verhedderten. Michail Gorbatschow, der sonst so virtuos um die öffentliche Meinung im Westen zu werben weiß, verkannte im Falle Daniloffs, daß nicht nur die militärische Macht der Sowjetunion, sondern auch ihr inneres Regime Mißtrauen im Westen schürt. Ronald Reagan hingegen mußte in dieser Angelegenheit erfahren, daß die lässige Unbekümmertheit, mit der er bisher die Ostpolitik seiner Administration betrieb, ihren Preis hat.

Obgleich der Präsident den Gipfel seit langem wünscht, gab es im Weißen Haus niemanden, der den FBI zurückpfiff, als der einen seit langem observierten Sowjetbürger plötzlich und ohne Not kassierte. Reagan, so klagte kürzlich der ehemalige Sicherheitsberater des Präsidenten, Robert McFarlane, sei "sehr viel mehr als die meisten seiner Vorgänger bereit, Meinungsstreit und sogar völlige Lähmung" bei der Entwicklung der Außenpolitik Amerikas hinzunehmen. Und in der Tat: Nur selten hat der Präsident in der Vergangenheit versucht, die Kakophonie der Komparsen zum Schweigen zu bringen und die Rangeleien zwischen Pentagon und Außenamt mit einem Machtwort zu beenden. Wer so in die wichtigste Phase der Ost-West-Diplomatie hineinstolpert, durfte sich über Pannen nicht wundern.

Nun soll der Vorbereitungsgipfel beiden helfen, dem Präsidenten wie dem Generalsekretär, die Turbulenzen um Daniloff und Sacharow hinter sich zu lassen. Gorbatschow hofft, den Präsidenten auf konkrete Übereinkünfte im Rüstungsbereich festzulegen, die er als Vorbedingung für den Gipfel lange gefordert hat. Reagan und sein Außenminister Shultz versprechen sich von dem Thing auf Island eine Gelegenheit, die Streithähne im eigenen Team auf eine Linie zu zwingen.

Allerdings: Harte, klare Vereinbarungen sind von Reykjavik nicht zu erwarten. Vielleicht gelingt es im tête-à-tête, einige der Knoten zu lösen, die bisher Übereinkünfte verhindert haben. Und umgekehrt: Vielleicht müssen die beiden einsamsten Männer der Welt feststellen, daß es in manchen Bereichen eine gemeinsame Basis einfach nicht gibt.

Den Knoten aufzulösen – das könnte ihnen gelingen bei den Mittelstreckenraketen; Nach langen, zähen Verhandlungen sind die Konturen einer Einigung inzwischen in Sicht – auch wenn sie noch keineswegs so gesichert ist, wie manche optimistischen Berichte glauben machen wollten. In Europa sollen beide Weltmächte ihre Arsenale zunächst drastisch auf das gleiche Niveau, zurückstutzen – 100 Sprengköpfe für jeden statt der rund 900 auf sowjetischer und der rund 240 auf westlicher Seite. Vor einer Einigung liegen jedoch noch einige Hürden. In Reykjavik wird sich zeigen, ob sie genommen werden können: