Alles ist ein wenig traurig im Palast des Maharadschas. Verkratzt sind die Mahagonimöbel, grau geworden ist das Weiß der Wände, brüchig die Haut der Schlange, die der Gärtner einst im Palmengarten tötete. Nun hängt sie als Trophäe im Flur vor dem ladies’ room, wo das Wasser aus dem Hahn bloß tropft. Der Monsun hat dieses Jahr im Nordwesten mit Regen gegeizt und auch die Stadt Wankaner im Stich gelassen – so bleibt auch der Swimmingpool leer. Heißer Wind streicht durch den struppigen Garten, in dem zwei alte Diener einen rührenden, doch vergeblichen Kampf gegen wucherndes Unkraut führen. Und selbst wenn die prächtigen Pfauen, die den Park bevölkern, gemeinsam ihr Rad schlügen, es änderte sich nichts: Alles ist so schrecklich traurig im Palast des Maharadschas.

1923 war es, als der Gärtner Dala die Kobra fing und häutete. Damals rühmte sich der Fürst von Wankaner, jüngster Nachfolger der Herrscher des Jhala-Rajput-Stammes, noch der Fülle seiner Macht. Silberschmuck und golddurchwirkter Brokat, heute in eine Schatzkammer verbannt, bedeckten die Wände der Halle und zierten die Elefanten. Von einer überdachten Empore vor dem Eingang konnte der Maharadscha sein Reittier bequem besteigen. Dies war auch die Stelle, wo eines Tages der blankgewienerte Rolls-Royce vorfuhr. Die Maharani nahm anmutig Platz im neuen ladies’ car und zog sorgfältig die Vorhänge zu.

Der Rolls steht noch immer in der Garage, staubbedeckt. Der Vergaser macht Probleme. Die Empore hat ausgedient, spendet höchstens willkommenen Schatten. Im Reitstall wackelt einsam der Schimmel "Valero" kunstfertig mit den Ohren, so wie es allein die kostbaren Kathiawari-Pferde können. Wankaner hat seinen Herrscher verloren, der Maharadscha seine Macht. Und seinen Reichtum: 1948 mußte der Fürst, wie alle indischen Maharadschas nach der Unabhängigkeit, zugunsten der Indischen Union abdanken; 23 Jahre danach entzog ihnen Indira Gandhi auch die letzten Privilegien und Steuervergünstigungen.

Der machtlose Maharadscha war nicht so begabt fürs Business wie etwa der Herrscher von Jaipur, der Polopferde zu schwindelerregenden Preisen verkauft. Unser Fürst hat nur Regieren gelernt, weiß wenig von Bilanzen und Börse, von Credit und Cash. Auch die Idee mit dem Hotel stammt gar nicht von ihm, sondern ist Digvijay Sinh eingefallen, dem Sohn. Prinz Digvijay, Parlamentarier in Delhi und ehemals Umweltminister unter Indira Gandhi, lebt ganz im Hier und Jetzt und sicherlich auch in der Zukunft. Uns jedenfalls erzählt er nicht von vergangenem Glanz, sondern vom Heute des indischen Staates Gujarat.

Am Arabischen Meer gelegen, nördlich von Bombay an der Grenze zu Pakistan, wurde Gujarat vom Tourismus bislang kaum wahrgenommen; um so besser läßt sich hier indisches Alltagsleben beobachten. Der Nordwesten ist kein Tummelplatz der Extreme: Gujarat kämpft nicht mit so bitterer Armut wie Bombay oder das westbengalische Kalkutta, denn es rangiert weit oben unter den indischen Staaten mit gut florierender Industrie. Elend und Slums fallen hier kaum ins Auge, ebensowenig wie protziger Reichtum. Schwere, bisweilen blutige Konflikte spielen sich dagegen zwischen Hindus und Moslems ab; Zentrum der Unruhen ist Ahmadabad, Millionenstadt und wirtschaftlichen Mittelpunkt Gujarats. Früher, vor dem fatalen Erdbeben von 1819, galt Ahmadabad mit seinen prächtigen Moscheen als eine der schönsten Städte Indiens, heute präsentiert es sich als prosperierende moderne Metropole.

Der energische Prinz hat als Mitbegründer des Indian National Trust for Art and Cultural Heritage, eines Bundes der Maharadschas zum Schutz und Erhalt ihrer Unsummen verschlingenden Schlösser, durchaas touristische Ambitionen. Weiter südlich zum Beispiel liegen die weißen Strände des einst portugiesischen Goas, und seit kurzem kommen selbst solide Chartertouristen in dieses Hippie-Paradies.

Warum nicht auch zu uns, fragt sich Prinz Digvijay. Auch wir haben eine portugiesische Festung (in Diu), schöne Strände (bei Mandvi), freundliche Menschen (überall) und sogar ein Naturschutzgebiet mit den einzigen freilebenden Löwen Asiens.