Die linken Radikalen der britischen Labour Party sind in die Defensive gedrängt worden. Parteichef Neil Kinnock setzte sich mit seinem moderaten Kurs durch.

Die rote Fahne mußte weichen, statt dessen schmückt sich die Labour Party von nun an mit einer dezent roten Rose. Niemand hat dagegen aufbegehrt auf dem Parteitag in Blackpool, abgesehen von ein paar besonders geschichtsbewußten Delegierten aus Lancashire und Yorkshire. Selbst die sonst sehr schnell argwöhnische Linke mit ihrem Sinn für symbolträchtige Gesten schluckte die Entscheidung. Dabei will die Parteiführung damit nicht nur der Wählerschaft ein freundlicheres Bild der Partei vermitteln. Der Wandel im Erscheinungsbild soll auch im Wahlprogramm seinen Niederschlag finden.

Die ungewohnte Friedfertigkeit der Basis ist leicht zu erklären. Mehr als sieben Jahre konnte sich die Labour Party der Macht nicht mehr so nahe fühlen wie jetzt, Seit Monaten schon bescheinigen Umfragen Labour zwar keinen eindrucksvollen, aber doch einen deutlichen Vorsprung vor den Konservativen und der Allianz aus Liberalen und Sozialdemokraten. Die Computer, die neuerdings auch im Labour-Hauptquartier verwendet werden, errechnen gelegentlich sogar schon bei einem Stimmanteil von gerade 40 Prozent eine – wenn auch nur knappe – absolute Mehrheit der Sitze im Unterhaus. Das würde die peinliche Situation ersparen, die lautstark bekundete Ablehnung gegen jegliche Anti-Thatcher-Abmachungen mit der Allianz zu revidieren.

Die Labour Party weiß, daß sie ihren überraschend schnellen Wiederaufstieg nach dem Wahldesaster von 1983 vor allem Neil Kinnock zu verdanken hat. Gewachsener Überdruß der Briten am Thatcherismus hätte alleine nicht ausgereicht, die Partei wieder zu einer ernsthaften Alternative werden zu lassen. Kinnock wurde in Blackpool stürmisch gefeiert.

Ein Premierminister Kinnock wird den Ausstieg aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie über einen Zeitraum von zwanzig Jahren und nicht binnen einer Legislaturperiode ansteuern. Unter Kinnock hat die Partei sich auch von einigen traditionellen Konzepten des klassischen Labour-Sozialismus verabschiedet. Es wird keine umfassende Renationalisierung von privatisierten Unternehmen geben. Die künftige Labour-Regierung will sich nicht mehr der alten Methoden der Devisenkontrolle bedienen. Sie will Rentenfonds und Versicherungen mit steuerlichen Maßnahmen dazu bewegen, ihr Kapital nach Großbritannien zurückzuholen. Vor allem aber hat Kinnock den Gewerkschaften unverblümt abverlangt, ihn bei einer Regierungsbildung nicht mit überhöhten Lohnforderungen an der wirtschaftlichen Sanierung des Landes zu hindern: Binnen zwei Jahren soll die Arbeitslosigkeit, falls Labour an die Macht kommt, um eine Million abgebaut werden. Der harte linke Labour-Flügel um die Galionsfiguren Tony Benn und Bergarbeiterchef Arthur Scargill wurde in Blackpool in die Defensive gedrängt.

Die Labour Party könnte den nächsten Wahlen relativ optimistisch entgegenblicken, wäre da nicht ihre Sicherheitspolitik. Neil Kinnock ist fest entschlossen, auf amerikanische wie britische Atomwaffen bei der Verteidigung Großbritanniens zu verzichten. Zur Kompensation predigt er geradezu emphatisch Patriotismus: "Ich bin bereit, für mein Land zu sterben, nicht aber mein Land sterben zu lassen." Jürgen Krönig (London)