Henry K., Bandarbeiter in einer Automobilfirma, hatte während seiner stupiden Tätigkeit eine verlockende Idee: Ein automatischer Schwenkarm, so überlegte er, würde seine Arbeit erleichtern und der Firma Kosten sparen. Er erzählte dem Beauftragten für das Betriebliche Vorschlagswesen von seinem Gedankenblitz; dieser reichte die Idee an die Geschäftsleitung weiter, ein halbes Jahr später war sie bereits realisiert. Doch die Freude hielt nicht lange an.

Der Fall von Henry K. füllt heute einen dickleibigen Aktenordner bei der Rechtsabteilung des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Düsseldorf. Denn seit vier Jahren liegt Henry K. nun im Clinch mit seiner Firma.

Dabei will der Bandarbeiter nichts weiter als eine gerechte Belohnung dafür, daß sein Vorschlag dem Arbeitgeber mehr als hunderttausend Mark pro Jahr an Ersparnis bringt. Henry K. erhielt zunächst indes nur eine Prämie von zweihundert Mark. Der Tüftler empfand das als zu wenig. Nach langem Hin und Her zahlte die Firma schließlich zweitausend Mark. Nachdem Henry K. um eine Ortsbesichtigung gebeten hatte, erhöhte die Geschäftsleitung ihr Angebot auf zwölftausend Mark. Und als der Arbeitnehmer noch immer keine Ruhe gab, legte sie noch einmal dreitausend Mark drauf und einen Gratiswagen dazu.

Der Fall sei kein Extrembeispiel, stellt Michael Schoden, Rechtsexperte beim DGB, klar: "Es ist die Regel, daß der Wert einer Idee anfangs unterschätzt wird." Untypisch sei lediglich, daß sich der Arbeiter nicht mit der anfangs gebotenen Prämie abspeisen ließ: "Soviel Hartnäckigkeit kommt nur alle paar Jahre vor."

Als "ideale Mitgestaltungsmöglichkeit" und Auslöser für "Motivation und Innovation" wird das Betriebliche Vorschlagswesen in Jubiläumsansprachen und Firmenchroniken gelobt. Damit biete sich die einmalige Chance, schwärmt Eberhard Merz, Vorschlagsbeauftragter der Firma Freudenberg, in einem Bericht für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, den "Mitarbeiter zum Mitdenker" zu befördern.

Der Gedanke, die Kreativität der Mitarbeiter zum Wohle des Unternehmens zu nutzen, ist nicht neu. Stahlfabrikant Alfred Krupp erließ im Jahre 1872 als erster eine Regelung, die Arbeiter zum Nachdenken anspornen sollte. Wer sich durch eine pfiffige Idee hervortat, erhielt einen Händedruck – vom Chef persönlich.

Im 114. Jahre seines Bestehens zeigt das Vorschlagswesen allerdings deutliche Altersschwächen: Es scheint reformbedürftig. Deutliches Indiz für den desolaten Zustand: die niedrigen Beteiligungsquoten. Das Deutsche Institut für Betriebswirtschaft (DIB) in Frankfurt, das alle wichtigen Daten zum Vorschlagswesen sammelt, klagt seit Jahren, daß sich nur wenige Arbeitnehmer durch einen Geistesblitz hervortun: Von insgesamt 25 Millionen Beschäftigten waren es nach Berechnungen des Instituts im vergangenen Jahr gerade 145 000 – Mehrfach-Einreicher mitgerechnet.