Über Wolfgang Pohrts Aufsätze

Von Peter Körte

Critica diabolis" ist die Reihe betitelt, in der Wolfgang Pohrt, einsamer Streiter wider Regression und Denkfaulheit, seinen neuen Essayband veröffentlicht hat – eine Formel, die sein Programm treffend beschreibt. Brillant geschriebene, subtile Beobachtung mit schneidender Polemik vereinende Literaturkritiken stehen neben schonungslos sezierenden politischen Analysen. Bitburg und Flick-Skandal, Ausländerpolitik und neu erwachtes Heimatgefühl, kurz: was in den letzten anderthalb Jahren die Gemüter erhitzt hat, erfährt bei Pohrt die gewohnt unnachsichtige Kommentierung. Vom Schein des Unverfänglichen und Harmlosen unbeirrt, variiert er seine Grundthemen: die "Niederlage der Kultur", der notorische Versuch, Täter im nachhinein in Opfer zu verwandeln, die "Wiederkehr des Verdrängten". Hoffnung auf erfolgreiche Therapie läßt seine Zeitdiagnose gar nicht erst aufkommen. Jeder Einspruch gerät in den Verdacht der Komplizenschaft mit dem Kritisierten.

Pohrt schreibt "unerwiderbar". Das ist das Vorrecht des Polemikers – und zugleich sein Risiko. In Serie produziert, wird auch die unversöhnlichste Polemik mitunter zum Kalauer. Alexander Kluge als "Herbert Hupka der Jungfilmer", der Bedeutungsschwund der "Kritischen Theorie" als Folge "kalter Arisierung" – "diabolisch" sind solche. Wendungen gewiß nicht. Weniger peinlich als angestrengt wirken auch die Versuche, alltäglich Banales wie alternative Kontaktanzeigen vor ein geschichtsphilosophisches Tribunal zu zerren, wo das Urteil, wen wundert’s, vernichtend ausfällt.

Linke und Alternative müssen – nicht immer zu Unrecht – mit Pohrts Kritik dafür büßen, daß sie die Erwartungen der "68er-Generation" enttäuscht haben. Die Hartnäckigkeit der Attacken läßt einen Familienstreit vermuten, wo man einander so "unerträglich wie unentbehrlich" ist. Getreu einer Devise von Adorno kann Pohrt sich jedoch nicht damit begnügen, Kleinlichkeit und Mittelmaß zu konstatieren: "when everything is bad, it must be good to know the worst". Je unerträglicher der Gegenstand desto heroischer seine Kritik.

Unverhofften Aufschluß in dieser Hinsicht vermitteln auch Pohrts resonanzlos gebliebene Argumente für eine Amnestierung der RAF-Gefangenen. Sie sind zugleich pro domo gesprochen. Richtige Überzeugungen erschienen "panzerplattenähnlich", vernünftige Einsichten "sektiererisch, verschroben und wahnhaft", heißt es dort. Das gelte im übrigen, setzt Pohrt hinzu, "für jede Opposition", die diesen Namen verdient. Als Adorno-Leser weiß er natürlich, daß jede Wahrheit eine Übertreibung ist.

• Wolfgang Pohrt