Er habe seine Geschichte gegen den grauenhaften Satz geschrieben, daß der Mensch des Menschen Wolf sei, sagt Härtling im Vorwort zum Kinder-Roman "Krücke".

Wenn man denn überhaupt an die Möglichkeit von Erziehung glaubt, so könnte sie in Büchern passieren: in Worten, in Bildern. Einen solchen Versuch, Banalität und Horror des Krieges in Bilder zu fassen, hat Roberto Innocenti unternommen, als er "Rosa Weiss" illustrierte. (DIE ZEIT Nr. 13 vom 21. 3. 1986). Ein "Anti-Bilderbuch" deshalb, weil es herkömmliche Vorstellungen von Bildern für Kinder radikal umkrempelt. Innocentis Malerei spiegelt Alltag und Ende des Zweiten Weltkrieges in einer kleinen deutschen Stadt. Sie zeigt keinen "patriotisch" geschönten Krieg her, sondern die Schrecken der Normalität: Panzer und Krüppel, Schergen und Soldatentrupps, Flüchtlinge, Häftlinge, Stacheldraht, KZ. Und sie zeigt, wie ein Kind in die Ängste einer von Menschen inszenierten Hölle gerät und darin umkommt.

Natürlich, das Echo konservativer Kritik war harsch und negativ: "Polit-Kitsch", "Theaterkulisse", "dramatischer Realismus". DIE ZEIT hatte Innocentis Geschichte anders interpretiert und verstanden: als schockierendes, provozierendes, mutiges Experiment, Kindern nicht nur die schönen Traumgespinste, sondern auch Bilder als Spiegel der Wirklichkeit zu zeigen. Bücher nicht als Tranquilizer, sondern Anfang für Fragen, Antworten, Dialog zwischen Kindern und Erwachsenen über Krieg und Schuld, Gewalt und Verantwortung, Courage und Komplizenschaft.

Zwei Reaktionen von Kindern, einem elfjährigen und einem dreizehnjährigen Jungen, haben uns in dieser Interpretation bestärkt. Es sind spontan (und wie die Nachfrage bei den Eltern ergab) ohne Einfluß von Erwachsenen notierte Gedanken.

"Eine schreckliche Zeit war es im Zweiten Weltkrieg. Ich finde es peinlich für Deutschland, daß es Hitler gab. In dem Buch finde ich es gemein, wie der Junge von den Soldaten und dem Bürgermeister eingefangen wird. Hoffentlich haben die dafür nach dem Krieg Prügel gekriegt.

Warum haben die Erwachsenen dem Kind bloß nicht geholfen? Alle waren feige. Nur nicht Rosa. Sie geht zu dem Lager, wo der Junge mit den anderen Kindern hinter Stacheldraht eingesperrt ist. Und bringt ihnen was zu essen.

Dafür wird sie dann am Schluß auch noch erschossen. Das Buch hat mich sehr traurig gemacht. Ich bin froh, daß ich damals nicht auf der Welt war. Manchmal habe ich Angst, es könnte wieder einen schlimmen Krieg geben."