Jahrzehntelang galt es unter Sozialwissenschaftlern als unseriös, wissenschaftliche Texte für ein größeres Publikum zu verfassen. Je dicker, unverständlicher und langweiliger ein Werk, desto größer das Ansehen unter den Kollegen. Mittlerweile ist Popularität ein – wenn auch nicht unbestrittener – Wert unter Sozialwissenschaftlern, vor allem nach Kern/Schumanns großem publizistischen Erfolg (Das Ende der Arbeitsteilung, vgl. DIE ZEIT Nr. 20 vom 9. Mai 1986).

Doch allein die Form macht den Erfolg eines Buches noch nicht aus. Ohne originelle Thesen wird auch die bestgemeinte literarische Arbeit kaum aufregender als die bisher gängigen Publikationen. Ein mißlungener Versuch, auf der sich anbahnenden Welle mitzuschwimmen, ist das Buch

Die politische Ökonomie der Liebe. Ein Essay von Anne Drescher, Josef Esser und Wolfgang Fach, edition suhrkamp, Frankfurt am Main 1986, 239 Seiten, 14,– DM.

Sowohl Titel, Darstellungsform wie auch die Fragestellung spekulieren auf den sozialwissenschaftlichen Zeitgeist. "Liebe" ist eines jener Themen, mit denen beim gegenwärtigen Boom kultursoziologischer Literatur problemlos Käufer zu gewinnen sind.

Bedeutsam ist das Thema ohne Frage. Helmut Kohl: "Die Menschen wollen wieder stolz sein auf ihr Land. Sie haben guten Grund dazu. Heimat und Vaterland, Nation und Geschichte gewinnen wieder an Rang und Wertschätzung. Menschen suchen wieder Sinn, Halt und Orientierung in Religion und Glauben, in der Bindung an Werte, in der Geborgenheit der Familie, in partnerschaftlicher Treue, Gemeinschaft, in Nachbarschaft."

Zwischen pathetischen Äußerungen über die Liebe und dem gleichzeitigen Plädoyer konservativer Politiker für eine industriepolitische Vorreiterrolle der Bundesrepublik sehen Drescher und ihre Mitautoren zunächst einen Widerspruch. Beim näheren Hinsehen freilich, so argumentieren sie, löst sich der scheinbare Widerspruch zwischen größerer Konkurrenzfähigkeit der Bundesrepublik, die Leistung erfordert, und Nächstenliebe, die das genaue Gegenteil davon ist, auf. Nächstenliebe, so die zentrale These des Buches, wird mobilisiert im Interesse des technisch-ökonomischen Fortschritts.

Es ist verdienstvoll, daß Drescher und Kollegen die Arbeit auf sich nehmen, konservative politische Ideologien zu entlarven. Sie tun dies im einzelnen außerordentlich präzise.