An einem großen Binnensee in Norddeutschland sind 1952/53 noch 208 Vogelarten, sowohl Brutvögel als das Jahr über auch Zugvögel ausgemacht und beobachtet worden. Darunter waren auch Graureiher, etwa sechzig Paare nisteten in Horsten nahe dem See. Der Graureiher, auch Fischreiher genannt, in den Augen von Anglern, Fischzüchtern und Teichwirten ein Schädling, steht seit langem auf der Liste der Vögel, deren Bestand bedroht ist. Trotzdem wurden in Bayern immer wieder Ausnahmegenehmigungen zum Abschuß der Graureiher erteilt.

"Jäger und Fischer hassen alles, was das gleiche tut wie sie, nämlich jagen und fischen", hieß es schon im vorigen Jahrhundert, als etlichen Menschen bewußt wurde, daß die Natur vor dem Menschen geschützt werden muß. In einem Leserbrief der Süddeutschen Zeitung heißt es 1981 sarkastisch: "Erst nimmt man einem Mitlebewesen die Nahrungsgrundlage, und wenn dieses sich aus der Not am Eigentum anderer vergreift, wird ausgerottet. Das hat sich in den Indianerkriegen schon bewährt und soll nun auch beim Graureiher angewandt werden."

In der Bundesrepublik ist der Bestand an Graureihern, der sich während der Kriegsjahre erholt hatte, seit Mitte der 50er Jahre kontinuierlich zurückgegangen. Die Gründe dafür sind die üblichen: Außer der Verfolgung durch den Menschen ist es die willkürliche Veränderung der Landschaft, Flüsse werden mit Böschungen versehen, kanalisiert, Bäche begradigt, Seen werden zu Erholungszentren, vor allem für Motorbootfahrer und Surfer. Hinzu kommt, daß es in den meisten deutschen Flüssen und Bächen keine oder nur noch ungenießbare Fische gibt.

Die Verfolgung des Graureihers in Deutschland hat aber Tradition. Vor fast hundert Jahren schrieb Brehm: "Die Reiher verfolgt man an allen Orten eifrig, da sie in unsern Gewässern mehr schaden als jeder andere tierische Fischjäger. Da, wo sich ein Reiherstand befindet, ist es üblich, alljährlich ein sogenanntes Reiherschießen anzustellen, bei dem so viele Reiher wie möglich getötet werden."

Der Graureiher, knapp einen Meter groß und mit einer Flügelspanne von gut eineinhalb Metern, ist ein sehr scheuer und vorsichtiger Vogel. Sein Charakter wird als ein Gemisch von List, Mißtrauen und Furchtsamkeit beschrieben; außerdem sei er der Feind aller kleineren Vögel, denn er töte sie, wenn sie sich arglos in seine Nähe begäben. Hier scheint eher ein Vorurteil als exakte Beobachtung die Feder geführt zu haben. Ein argwöhnischer Vogel ist er schon, dennoch kann man sich ihm bis auf etwa 50 Meter nähern, ehe er, meist mit einem Krächzen, davonfliegt. Im Fluge ist der Hals zu einem "S" gebogen, was ihn von Storch und Kranich unterscheidet; der Kopf liegt mit dem langen, spitzen Schnabel auf dem Körper.

Der Graureiher brütet in Kolonien. Mitte März erscheinen die Männchen, die im südlichen Europa und in Nordafrika überwintert haben. Sie beziehen die alten Horste und erwarten die Weibchen, um die stets ein erbitterter Kampf geführt wird. Die erste dieser Kolonien mit brütenden Reihern sah ich vor dem Kriege an der Dahme, südöstlich von Königswusterhausen. In hohen Kiefern, in einigen Bäumen waren zwei oder drei Horste, saßen etwa 25 bis 30 Paare. Später, an einem See in Mittelschweden, konnte ich über viele Jahre vom Boot aus eine Reiherkolonie in alten Fichten beobachten. Es waren nur vier oder fünf Paare, und die Jungen waren schon flügge. Seit drei Jahren hat sich diese Kolonie auf zwei Paare verringert. Einhard Bezzel zitierte 1973 Zahlen über beringte Graureiher. Danach waren von 455 Vögeln 61 Prozent erlegt, das heißt, abgeschossen worden, natürlich nicht nur in Deutschland, 29 Prozent waren ohne erkennbare Ursache tot aufgefunden worden, der Rest war gefangen oder verletzt gefunden worden.

Wer je an einem Morgen, wenn die Sonne die Dunstschwaden über dem See in durchsichtige Schleier verwandelt, vor der grünen Wand des bewaldeten Ufers einen Reiher stehen sah, diesen stoisch-majestätischen Vogel, wird nie begreifen können, weshalb er keine Chance mehr haben soll, in einer Überflußgesellschaft zu überleben.

In diesem Frühjahr sah ich fünf Reiher, in einer Reihe stehend, auf einer Sandbank im Rantumer Becken auf Sylt. Vermutlich waren es Gäste, die auf dem Weg nach Norden waren. Seinen Namen hat der Reiher nicht, weil er mit seinesgleichen oft wie aufgereiht steht, sondern wegen seines heiseren Geschreis. Im Althochdeutschen hieß er noch Heigaro oder Reigaro – heijer oder reijer. Soviel über seine Herkunft – es wäre ein Gewinn, wenn man auch seiner Zukunft so sicher sein könnte.