Das Schädeldach ist abgehoben, die Hirnsubstanz restlos entnommen. Apoll hat den Eingriff gut überstanden. Weder Trepanation noch Amputation haben ihn aus seinem Traum aufgeschreckt. Unberührt, anästhetisch lächelt er sein ewiges Lächeln. Lächelt versonnen durchs Schaufenster des Frankfurter Kunstvereins, hinaus auf den Römerberg. Und da ist es, als zucke er in seinem Heil- und Schönheitschlaf, als erwachten in ihm die Erinnerungsbilder, wie er erst unlängst in den neuen Kulissen dieses deutschen Platzes seine beiden Lieblingsmusen, Melete und Mneme, zuständig für Nachdenklichkeit und Gedächtnis, wohl unwiederbringlich verloren hat. Aber das muß ein Reflex gewesen sein. Denn Apoll fühlt nichts mehr und denkt nichts mehr oder fühlt und denkt nur noch grau. Wo nämlich ehedem stolz die Zerebralmasse schwamm und wohlbehütet ihrer millionenjährigen Evolution entgegenreifte, quellen heute lauter zerknüllte Landkarten. Der Globus zum Stopfmaterial zerrissen und zerknittert und anstelle des Bewußtseinsorgans nur noch Makulatur. Die ganze Welt im Kopf und doch nichts drin: das ist ein schönes Bild für diese Epoche.

Vergessen wir nicht, schreibt Peter Weiermair im Katalog zu seiner Frankfurter Ausstellung "Prospect 86", "daß die jüngste Künstlergeneration die erste des 20. Jahrhunderts ist, die in einer Mediengesellschaft groß geworden ist". "Mediengesellschaft", das ist die Welt lückenlos verstellt, zugestellt mit Bildern. Es ist die Erfahrung der Totalreproduktion aller wahrnehmbaren Wirklichkeiten. Für die Bildkünste muß das Verzicht auf Weiterarbeit an einem künstlerischen Fortschritt bedeuten, dessen Richtung bisher von den jeweiligen Verwerfungen kultureller Standards bestimmt war. Im Labyrinth der Bilderwelt scheint kein Platz mehr für das auratische Gegen-, Selbst- oder Sinnbild. Das eigene ist vielmehr immer zugleich das angeeignete Bild geworden.

Doch umgekehrt hat die massenhafte Verbilderung der Lebenswirklichkeit das Bedürfnis nach authentischem Ausdruck, nach Überhöhung und Bedeutung nicht löschen können. Ganz im Gegenteil, nur noch verstärkt. Und zwischen beiden Möglichkeiten schwankt diese "jüngste Künstlergeneration". Zwischen Sehnsucht nach Tiefe, Echtheit einerseits und jenem nomadisierenden Bewußtsein andererseits, das heimatvergessen in einer Ding- und Erlebniswelt umherstreift, in der sich nichts mehr hierarchisch fügt, nichts selbstverständlich gliedert nach Rang und Dringlichkeit, und aus der auch vorerst kein Weg zurückführt in jene metaphysische Geborgenheit, die hinter den Dingen und Erlebnissen noch eine versteckte Vernunft imaginierte.

Wenn Simon Linke Ausstellungsanzeigen aus amerikanischen Kunstzeitschriften oder Jeff Koons Spirituoseninserate penibel leidenschaftslos abmalen, dann sind das wohl auch ironische Reverenzen an die Pop-art-Väter. Aber die provokative Lust, mit der die sechziger Jahre noch vom sakrosankten Kunstaltar aus auf die Konsumseligkeit reagierten, ist einer mit geradezu neurasthenischer Klarheit erlebten Utopieferne gewichen. Wo immer die Bilder herrühren mögen, aus dem Fernsehen, von der Plakatwand oder aus dem Museum, es erscheint völlig einerlei: Bilder, Bilder, nichts als Bilder. Und weil unter dem Massendruck der Bilder alles einerlei geworden ist, bedient sich die Kunst hemmungslos von den üppigen Auslagen, die sie umgeben. Schlüpft in alle möglichen Stilmasken und wildert in Gärten, die irgendwelche Ahnen einmal angelegt haben.

Rob Scholtes Acryl "Freeze" zeigt einen steinernen Koloß, der wie die amerikanischen Ur-Präsidenten aus einem Gebirgsmassiv herausgeschlagen scheint. Seinen Kopf deckt eine Videokamera, und in die Schulter schneiden tief die Batterie- und Funktionstaschen. Ähnlich wie C. D. Friedrichs "Gescheiterte Hoffnung" zum Emblem des vergangenen Jahrzehnts geraten war, taugt dieser Medienriese nun zum Erkennungsbild der achtziger Jahre.

180 Bilder und Plastiken von 92 Künstlern. Rund 850 000 Mark hat sich Frankfurt diese "Prospect"-Ausstellung kosten lassen. Alleinverantwortlich war Peter Weiermair, der die großzügig inszenierte Auswahl an zwei Orten, im Kunstverein und der erstmals glücklicher genützten Schirn-Kunsthalle zeigt. Der Direktor des Frankfurter Kunstvereins erweist sich einmal mehr als einer der letzten Unabhängigen des in lauter Spekulation erstickten Ausstellungsbetriebs. Daß die "Prospect"-Arbeiten ausschließlich aus Galeriebesitz stammen, hat – und das darf man schon mit Bewunderung vermerken – ganz offensichtlich nicht zu jenen Pressionen geführt, die Bilanzen aktueller Kunst sonst zu korrumpieren pflegen. Immerhin: knapp vor der nächsten "documenta" leiert da einer einmal nicht das Alphabet des neuexpressiven Kunstgewerbes herunter. Weder die Meisterriege Lüpertz, Kiefer, Baselitz gehört zum Aufgebot noch deren Diaspora in Berlin, Hamburg oder Köln. Aber ihr Fehlen ist nun auch nicht schon wieder Trendbehauptung. Weiermairs Ausstellung hat ihr großes Verdienst gerade darin, daß sie nicht nach Tendenzen forscht und endlich von unfruchtbaren Kategorien wie "modern" – "postmodern", "amerikanisch" – "europäisch" läßt. "Prospect will sich nicht als Vorgriff auf das Kommende, wohl aber als ein Ausblick auf das Neue verstehen". Ein, nicht der Ausblick.

Das Blickfeld begrenzt die Mediendekade, und das Neue wird bestimmt von den unterschiedlichen Künstlerreaktionen auf die Medientotalität. Da werden für Donald Bächlers freundlich naive Bildfiguren abstrakte Formen zum Spielmaterial, dieweil Siegfried Anzinger das ambitiöse Laokoon-Thema noch einmal in Ton brennt. Da läßt Ernst Caramelle die Sonne seine lichtempfindlichen Papiere färben, während Günther Förg in der Rotunde der Schirn mit sechs monumentalen Farbfeldern ein starkes Stück architektonischer Malerei liefert. Da zeichnet Manfred Stumpf mit Maschinenstrich eine eigentümliche Litanei kühler Ideogramme, und Christa Näher stellt ihre Staffelei in heißer Nähe Böcklinscher Landschaften auf. Zu Beginn der Ausstellung Claudio Parmiggianis apollinischer Hohlkopf mit der Papierfarce und dem magischen Titel "Verso Bisanzio", und am Ende der Ausstellung der große Kompilator Frank Stella, der wieder mit rubensschweren Reliefs gestikuliert.