/ Von Hildegard Baumgart

Machtstrukturen können nicht aufgelöst werden, indem man sich ihrer bedient.“ – „Der Lebenswunsch ist die einzige Alternative zum Wiederholungszwang.“ – „Kein Mensch unterdrückt einen anderen, ohne gegen Teile seiner selbst Gewalt auszuüben.“

Derart monumentale Sätze irritieren, machen nachdenklich, rufen Widerspruch hervor, sitzen aber auch fest wie mit Widerhaken. Erfährt man dann noch, daß sie von einer Psychoanalytikerin stammen, erscheinen sie vollends überraschend. Von dieser Seite sind wir anderes gewöhnt, mehr Kompliziertheit, weniger Engagement, weniger Unbedingtheit. Nur wenige Psychoanalytiker erreichen eine breitere Öffentlichkeit, abgesehen von Ausnahmen (Mitscherlich, Horst Eberhard Richter, Alice Miller). Thea Bauriedl ist zwar in Fachkreisen bundesweit bekannt, als politische Rednerin aber bisher nur in München. Das, denke ich, wird sich mit diesem Buch ändern.

Da läßt sich eine neue, klare, strenge Stimme vernehmen, die zum Hinhören zwingt – wie Kassandra, so die Werbung des Verlages, die nach Christa Wolf „hinsah, wo alle anderen wegsahen“. Freilich versteht der Verlag seine Autorin schlecht, wenn er meint, auch Kassandra habe ihre Landsleute aufgefordert, „die ganze Wirklichkeit zu sehen“. Gerade das, so Thea Bauriedl, hat sie nicht getan, und deshalb mußte sie scheitern. Sie hat nämlich ihr Wissen vom unvermeidlichen Ende ihrer Stadt, ihrer Welt voller Wut und Verzweiflung von sich geschleudert, „ohne dabei die Angst vor diesen Prophezeiungen und die Angst vor den Veränderungen, die die Prophezeiungen fordern, zu berücksichtigen“.

Was Kassandra außer acht läßt, ist also ein wichtiger Teil der subjektiven Wirklichkeit („objektiv“ hat und behält sie ja recht). Außerdem warnt sie, indem sie ihre Feindbilder unbefragt stehen läßt. Sie haßt ihre Feinde, besonders gewalttätige Männer, allen voran „Achill das Vieh“, der bei Christa Wolf fast nie ohne dieses Epitheton genannt wird, und liebt ihre Freunde, eine kleine Gesellschaft von Guten und Sanften. Vielleicht, so das Angebot Thea Bauriedls, wäre der Untergang Trojas nicht unvermeidlich gewesen, hätte Kassandra nur zulassen können, daß die verhaßten Werte der Feinde auch in ihr lebendig waren und ihre Ängste und Hoffnungen auch in den Feinden. „Wir kämpfen nicht nur gegen unsere Feinde, sondern auch gegen unsere eigenen, in uns andrängenden Wünsche“, sagt die moderne Kassandra in Anlehnung an Freud. Bedrängt uns der Konflikt zwischen Ängsten und Wünschen zu sehr, so projizieren wir unsere eigenen „bösen“ Anteile auf den Feind.

Die fällige Veränderung – oder Revolution – wird dadurch nicht, wie im allgemeinen angenommen, herbeigeführt, sondern verhindert oder führt allenfalls zu einer Umkehrung der Gewalt. Denn die Fähigkeit zum Frieden setzt die Fähigkeit zum Austragen und Ertragen von Konflikten voraus. Im Grunde geht es um das Zulassen der Brüderlichkeit des Feindes und damit auch um die Möglichkeit, den Feind zu lieben. Eine solche Liebe bedeutet aber auch das Verlassen von Sicherheiten: Denn was wird aus uns, wenn wir unseren Feind lieben? Wir müssen uns selbst und die anderen neu sehen, bisher Selbstverständliches in Frage stellen, wir isolieren uns wahrscheinlich im eigenen Lager („geht doch rüber zu denen!“), wir riskieren die Abweisung durch den Feind.

Wenn wir aber nicht in dieser Form „das Leben riskieren“, wie Thea Bauriedl doppeldeutig formuliert, also eine neue Lebendigkeit zulassen, wo wir vorher gewohnheitsmäßig erstarrt waren, dann – ist der kollektive Suizid aus Angst vor den in uns verdrängten und wieder andrängenden Lebens- und Veränderungswünschen, die ja etwas Anarchisches haben, sehr wahrscheinlich. So etwa steht es in dem Kapitel „Der Traum als Hüter des Schlafes“.

Ewiges Mädchen, Große Mutter

Derart zusammengefaßt ist das harter Tobak, und läßt sich auch nicht leicht in blauen Dunst auflösen, wenn man das ganze Buch und die vorhergehenden der Autorin, besonders „Psychoanalyse ohne Couch“, gelesen hat. Thea Bauriedl kämpft mit aller Kraft darum, keine neue Moral an die Stelle der alten zu setzen, keine Soll-Zustände zu verlangen, wo es auf die Einsicht in die Ist-Zustände und die sich daraus ergebende unvorhersehbare freie Entscheidung ankommt. Es kann also durchaus sein, daß jemand zu viel Angst hat, sich mit dem Waldsterben auseinanderzusetzen – dann soll er so bleiben, wie er ist.

Freilich ist die Aufgabe der Psychoanalyse, aufklärend, deutend zu wirken. „Wir sind durch unsere Ausbildung Experten in der Wissenschaft, die eine Theorie der friedlichen Revolution entwickelt hat, einer Revolution, die zwar allen Beteiligten das Erleben von Angst nicht erspart, aber doch einen echten Befreiungsweg darstellt.“

Wer das konventionelle Bild von der orthodoxen, etablierten, „medizinalisierten“ Psychoanalyse im Kopf hat, glaubt vielleicht, nicht richtig zu hören. Soll etwa dieser feine, hermetische, intellektuelle, kontaktscheue Verein, der nur an der sublimen Zweierbeziehung mit seinen Patienten arbeitet, auf die Straße gehen?

Thea Bauriedl jedenfalls, mit allen psychoanalytischen Würden und Graden ausgestattet, Privatdozentin, Ausbildungsleiterin für Kinder- und Jugendlichen-Therapeuten an der Akademie für Psychoanalyse in München, hat keine Berührungsängste. Wo immer diese zartgliedrige Mischung aus ewigem Mädchen und grauer Großer Mutter angekündigt wird, füllt sie die Säle, ob sie nun über Friedenspolitik, Ökologie oder Familientherapie redet. Sie verfügt über ein reizendes Lä- . cheln, ein herzliches Lachen und eine leichte, sehr weibliche, süddeutsch getönte Stimme. Ihre Zuhörer sind in wechselnden Mischungen sowohl Schlipsträger wie – schlammfarben-selbstgestrickte Grüne oder die zottig gestylten unruhigen Kinder der Wohlstandsgeneration. Mit allen diskutiert sie geduldig, klug und ohne Kompromisse. Ihre dürren Leitbegriffe wie das „dialektisch-emanzipatorische Prinzip der Psychoanalyse“, das ihr Credo ist, verwandeln sich beim Sprechen, Hören und Antworten in lebendige Möglichkeiten des Nachdenkens über Veränderung und vielleicht der Veränderung selbst.

Es kann aber nichts verändert werden, wenn nicht ich selbst mich verändere – dies ist, vereinfacht, das, was Thea Bauriedl die psychoanalytische Revolutionstheorie nennt: Ich muß meine Beteiligung an der Unterdrückung erkennen, das also, was ich davon habe, unterdrückt zu sein – etwa Angstfreiheit, ein Feindbild, scheinbare Sicherheit, Nähe und Wärme in der eigenen Gruppe, auch das Gefühl, moralisch „gut“ zu sein – um an der Auflösung der Unterdrückung mitwirken zu können. Es kann nicht mehr nur heißen: „Du bist böse, weil du mich unterdrückst“, sondern: „Ich will nicht mehr unterdrückt sein, weil ich lebendiger sein will (und damit ermögliche ich auch dir, lebendiger zu werden).“ Eine dualistische Beziehung – „du oder ich“ – verwandelt sich in eine dialektische: „du und ich, und beide mit ihren Widersprüchen“.

Die Autorin ist über die Kinderanalyse zu einer psychoanalytisch fundierten Familientherapie gekommen, die jetzt ihr Hauptarbeitsgebiet ist. Bei Familien und Paaren hat sie dergleichen Einsichtsprozesse und ihre wohltätigen Auswirkungen immer wieder beobachten können. Aber sie kann keine Beweise dafür bringen, daß „so etwas“ auch in der Politik funktioniert. Bisher hat es in der politischen Realität keine solche Revolution gegeben. Eher haben sich vor oder nach großen historischen Umbrüchen Bewußtseinsveränderungen entwickelt, wie etwa im Fall der Reformation, der Französischen Revolution, vielleicht durch Ghandi.

Es ist leicht, einstweilen, die Gedanken von Bauriedl mit einem Achselzucken abzutun, besonders in Deutschland, wo die Begriffe Revolution und Scheitern untrennbar verbunden sind. In ähnlicher Weise waren sich Herrschende und Beherrschte zu allen Zeiten einig, daß mit der Bergpredigt keine Politik zu machen ist. Soviel Ernst macht Angst und fordert daher Abwehr heraus, Verdrängung.

Das Verdrängte wiederkehren zu lassen, mit dem Verdrängten zu arbeiten und nicht dagegen, das ist die Forderung der Psychoanalyse und des politischen Ansatzes von Thea Bauriedl, in dem sie sich übrigens einigen anderen Psychoanalytikern verwandt fühlen darf, wie etwa Paul Parin, Mario Erdheim, Klaus Horn oder Helmut Dahner. Der „natürliche Auftrieb des Unbewußten“ – ein für Bauriedl zentrales Freud-Zitat – ist alles in allem eine ziemlich quälende Sache, wenn auch die Grundlage der Gesundung. Äußerungen von Freud, wie sie die Autorin aus „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ zitiert, wo die Rede von der Versöhnung mit dem Verdrängten ist, sind selten. Ich habe noch eine gefunden, die ich hier bringen möchte, weil Freud in aller Einfachheit so unübertrefflich tröstlich sein kann: „Jede psychoanalytische Behandlung ist ein Versuch, verdrängte Liebe zu befreien, die in einem Symptom einen kümmerlichen Kompromiß gefunden hat“. Diese verdrängte Liebe zu erkennen, versucht Thea Bauriedl genau dort, wo sie am wenigsten zu erwarten ist, nämlich unter der Naturzerstörung, der Angst, der Aggression, der atomaren Hochrüstung. Wir sind, um leben zu können, auf die ständige Wiederkehr des Verdrängten angewiesen, sonst verfallen wir dem Abwehrtod.

Zwar betont Bauriedl die Wichtigkeit kleiner Schritte, aber ihre sanfte Politik bedeutet keineswegs die Abwesenheit von Aggression. Die Hoffnung, daß andere anfangen, von ihrer Schande zu reden, wenn ich von der meinen rede, heißt nicht, daß ich deswegen nicht jede Art von Schande benennen darf, wenn ich sie sehe. Das Buch enthält schneidende (Psycho-)Analysen etwa der bundesdeutschen Politik, die in ihrer beziehungsmäßigen Verarmung „tatsächlich nach wie vor das Volk repräsentiert, besonders psychisch, und die zu einer Theorie und Praxis von Machtstrategien verkommen ist“. Die Weltraumrüstung wird verstanden als Symptom des kollektiven Größenwahns, der in der Unverwundbarkeitsphantasie die Tatsache des persönlichen Todes und, weltpolitisch gesehen, die Gefährdung der Hegemonie der Vereinigten Staaten durch zunehmende Autonomiewünsche der von ihnen Abhängigen verleugnet.

Die sogenannten Sachzwänge, die Thea Bauriedl natürlich immer wieder entgegengehalten werden, schildert sie mit beißender strenger Ironie als „Selbstverständlichkeiten, die auf unserer Angst vor Veränderung beruhen und nur so lange selbstverständlich bleiben, wie uns die Alternative, nämlich die Zunahme an menschlicher Nähe, an Konflikt- und Kontaktfähigkeit nicht attraktiver erscheint als die Aufrechterhaltung des Status quo. Solche Selbstverständlichkeiten betreffen etwa Erziehungspraktiken, Medikamenteneinsatz in Medizin und Psychiatrie, „die Russen“, „die Freiheit“, das unbefragte Prinzip der Besitzstandwahrung, computerlesbare Ausweise oder die Ausbeutung der Umwelt.

Die Grundfrage der Psychoanalyse ist nach Bauriedl: „Muß das so sein?“ Es geht für sie unter Berufung auf Freud bei der Angst-Gewalt-Spirale nicht um die Frage der Schuld („Wer hat angefangen?“), sondern darum, die Spirale als solche zu sehen. Man braucht dann nicht zu entscheiden, wo der Anfang liegt, sondern nur, ob man die nächste Drehung mitmachen will – oder lieber aussteigen. Dafür muß man die eigenen blinden Flecke sehen, sonst findet man den Weg nicht. Die Suche nach den blinden Flecken der anderen, die diese zum Ausstieg bringen soll, führt zu nichts. Hier liegt das Gleichnis vom Splitter im Auge des anderen und vom Balken im eigenen bei der Hand. Aber Thea Bauriedl ergreift es nicht, wie sie sich überhaupt Verbindungen zur Bibel fast ganz versagt, obwohl einige zentrale christliche Sätze wie etwa „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ oder „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet“ bei ihr einen ganz neuen Sinn bekommen. Für eine ökologische Denkweise, in der alles mit allem verbunden ist, kann man den Nächsten gar nicht lieben, ohne auch sich selbst etwas Gutes zu tun, und man kann dem Feind nicht schaden, ohne sich selbst zu schädigen. „Jeder atomare Angriff wäre gleichzeitig eine suizidale Handlung.“

Der Sündenfall ist in diesem Verständnis die Phantasie, wie Gott zu sein, nämlich allwissend und unabhängig (und hier deutet die Autorin ausdrücklich die Schöpfungsgeschichte). Das Wissen, was gut und böse ist, das die Schlange im Paradies verspricht, bezieht sie darauf, daß die Menschen unter Verlust ihres ökologischen Bewußtseins die Natur einteilten in Gut und Böse, anders gesagt: in nützlich und schädlich für den Menschen. Das führte, besonders in den letzten drei Jahrhunderten, zu einer Anhäufung von „Bewältigungswissen“ unter Mißachtung des Angewiesenseins auf eine Natur, die nicht grenzenlos ausgebeutet werden kann, wenn sie den Menschen weiter tragen soll. Thea Bauriedl hat freilich recht, wenn sie mehr „Erhaltungswissen“ fordert (beides Formulierungen von Meyer-Abich), aber ihr Ausruf: „Die große Aufklärung entpuppt sich allmählich als große und gefährliche Dummheit“ ist überzogen. Denn. was wäre Freud, was wäre Thea Bauriedl ohne die Aufklärung, und was tut sie anderes, als selbst aufzuklären? Auch hier geht es eben nicht ohne – Dialektik.

Für mich hat die Psychoanalyse noch ein anderes Grundproblem, und ich denke, da gehe ich mit der Autorin einig. Die Frage „Muß das so sein?“ bezieht sich logischerweise auch auf die Psychoanalyse selbst, so daß, wer sich mit ihr beschäftigt, immer wieder an Stellen kommt, wo er sich fragen muß: „Stimmt das denn alles? Bin ich nicht verrückt? Die anderen sehen doch schließlich alles anders!“ Besonders bei diesem Buch ist die Frage geradezu eine Versuchung. Da mag man sich noch soviel daran halten, daß Thomas Mann über „Bruder Hitler“ schrieb, daß noch vor kurzem Klaus von Dohnanyi die internationale Psychoanalytiker-Elite überzeugte, indem er sagte, wer von „unserm Bach“ oder „unserm Beethoven“ rede, der müsse auch von „unserm Hitler“ sprechen, oder daß Goethe sich kein Verbrechen vorstellen konnte, das er nicht begangen haben könnte. Die Anwendung solcher großzügigen Worte und Gefühle auf den Alltag, auf mein Leben, aber auch auf historische und literarische Beispiele und besonders auf die Politik, wirkt immer wieder „verrückt“. Hätten Kain und Abel ihre „Beziehung“ klären sollen? Wäre Desdemona am Leben geblieben, wenn Othello seine Eifersucht emanzipätorisch aufgelöst hätte? Was nützt es, daß ich meine aggressiven und abwertenden Anteile sehe, Reagan aber sagt (auf Rückfrage und nicht im Zorn!): ja, die Sowjetunion sei für ihn das „Reich des Bösen“, und indem er das sage, habe er den Sowjets zeigen wollen, daß er sie „realistisch“ sehe (SZ vom 25. 3. 86).

Muß man sich da nicht ohnmächtig vorkommen? Wie unmöglich, ja wie lächerlich ist die Vorstellung, daß jeder der beiden Führer der Weltlager im anderen Land einen Vortrag hielte, in dem er aus seiner eigenen Erfahrung die Vorzüge und Fehler des eigenen Systems in ruhiger und abwägender Form darstellte! In der Sowjetunion, sagen wir, da geht so etwas „selbstverständlich“ nicht, dort herrscht Unfreiheit. Aber ist der freie Westen so frei, daß er eine solche Rede von Gorbatschow ertrüge? „Selbstverständlich“ nicht, denn man muß ja mit den Russen wie mit Ghaddafi in der Sprache reden, die sie verstehen ...

Größen- und Ohnmachtsphantasien – mit ihnen muß sich der einzelne auseinandersetzen, wenn er etwas verändern will. Und ich denke, auch zu diesem Thema gibt uns Thea Bauriedls Buch Stoff zum Nachdenken. Ich meine ihren Umgang mit dem eigenen Narzißmus, der ja, wie alle psychischen Erscheinungen, positive und negative Seiten hat. Wir brauchen ihn, um uns etwas zuzutrauen, er kann aber auch ins Überwertige entgleisen. Pipers Vergleich mit Kassandra ist kein Zufall. Auch Thea Bauriedl ist gleichsam eine Hochgeborene; sie gehört einer Elite an, sie sieht, daß andere weniger wissen, weniger Erfahrung im Umgang mit sich selbst haben als sie. Sie stellt sich mit ihren Ansätzen zu einer neuen Psychotherapie ohne falsche Bescheidenheit neben die Ansätze zu einer neuen Physik, Chemie oder Medizin.

Es ist leicht, ihr wie anderen Friedens- und Ökologiewissenschaftlern „überhebliche Selbstgerechtigkeit“ vorzuwerfen, wie es etwa Otto Schily bei seiner Abschiedsrede vor dem Bundestag geschehen ist. Warnungen sollen ja aufstören, und sie sind oft stärker als das Rettungsangebot. Thea Bauriedls Sprache hat gelegentlich etwas Herrisches, Ungeduldiges, sie stößt vor den Kopf, man fühlt sich gleichsam geschüttelt: „Wollt ihr nun endlich hoffen!“ Bemerkenswert selten ist von Freude, von Spiel, von Glück und Erfüllung die Rede – bei einer Autorin, deren zentrales Anliegen die Lebendigkeit ist.

Charakteristisch ist etwa, daß sie zum Konsumverhalten bemerkt, wir hätten unsere Notwendigkeit, „uns zu nähren und zu kleiden“, übermäßig aufgeblasen – als wären nicht auch Genuß und Schönheit legitime menschliche Bedürfnisse, die nicht gleich Prasserei und Luxus bedeuten müssen. Ich denke, hier wären Möglichkeiten zur Erweiterung ihrer Wirkung. Bis jetzt bleibt diese Kassandra in gewisser Weise die strenge, unduldsame Königstochter, und wenn sie auch von Moral nichts hält, so übt sie doch einen großen ethischen Druck aus. Die Schuldgefühle, die sie damit beim Leser auslöst, hat sie wohl selbst gehabt, und die Dialektik von Allmachtsphantasien und realer Ohnmacht dürfte ihr eigenstes Problem sein, in der Therapie wie in der Politik.

Kein Engel hilft

Immer wieder mußte ich beim Lesen der Kassandrarufe denken, ob nicht Freud mit der Annahme des Todestriebes, an den Thea Bauriedl nicht glaubt, das Menschenwesen genauer verstanden hat als seine Schülerin in ihrem leidenschaftlichen Kampf um die Entdeckung der Lebenswünsche im Abfall. Braucht nicht die Menschheit doch eigentlich Erlösung und nicht bloß die Auflösung von Beziehungsstörungen? Verzweiflung, Resignation, das Verharren in der Bedrückung ist ja nur die Kehrseite des Größenwahns – wenn ich nicht alles haben kann, dann tue ich eben gar nichts mehr als allenfalls klagen. „Die Arroganz der Ohnmacht unterscheidet sich oft nur wenig von der Arroganz der Macht“, schreibt die Autorin in ihrem Kapitel über die Weltraumrüstung.

Wir leben nicht nur in finsteren, sondern auch in verrückten Zeiten. Aber jeder Wahn enthält unerwartete Rettungs- und Veränderungsmöglichkeiten. Die moderne Kassandra mag größenwahnsinnig erscheinen, wenn sie sagt, daß wir möglicherweise keine Feinde hätten, „wenn wir keine Politiker hätten, oder wenn wir keine solchen hätten“. Dahinter steht aber das konsequente Ernstnehmen der Verantwortung des einzelnen für das Ganze. Den so oft zitierten Gedichtanfang von Matthias Claudius: „S’ist Krieg! O Gottes Engel wehre/und rede Du darein!/ S’ist leider Krieg – und ich begehre/ nicht schuld daran zu sein!“ wird Thea Bauriedl nicht mit der üblichen Rührung betrachten können. „Wir sind weder ohnmächtig noch unschuldig“, ist ihr Fazit, und Gottes Engel werden im nächsten Krieg nicht helfen können.

Also was tun? Eben aufklären. „Die Mündigkeit jedes einzelnen Bürgers ist die einzige Sicherheit gegen die drohende Katastrophe ... und geht von der psychischen Entwicklung des einzelnen aus.“

Das letzte zusammenfassende Kapitel hat den Titel „Das Persönliche ist politisch“ und meint natürlich zugleich, daß das Politische persönlich ist. Der Kongreß, auf dem die Autorin diesen Vortrag hielt, war überfüllt. Es sieht so aus, als entwickele sich aus ihrem Ansatz die erste in die Breite gehende Verbindung von Politik und Psychoanalyse seit 1968. Zusammen mit ihrem Mann Frieder Wölpert und anderen Kollegen hat Thea Bauriedl im Juli dieses Jahres ein Institut für politische Psychoanalyse gegründet. Vielleicht kommen immer mehr Menschen zu dem Schluß, daß wir keine andere Möglichkeit haben als die Bewußtseinsveränderung. „Verändertes Verhalten beruht auf veränderten Phantasien.“ Was würde geschehen, wenn in einer der vielen Diskussionen über die Anwendung von Gewalt zur Lösung von Konflikten – wie etwa nach den amerikanischen Angriffen auf Tripolis – unter all den würdigen Herren die kleine zarte Bauriedl ihre Stimme erheben dürfte? Es wäre interessant zu sehen, wie eine solche Phantasie die Realitätsprobe bestehen würde.

  • Thea Bauriedl:

Die Wiederkehr des Verdrängten Psychoanalyse, Politik und der Einzelne; Piper Verlag, München 1986; 250 S., 28,– DM