Wenn jemand in der Literaturgeschichte ein Buch sucht, das konkrete politische Folgen gehabt hat, so zählt dazu als eines der wenigen "Onkel Tom’s Hütte". Fast jeder kennt es. So gut wie unbekannt ist dagegen der autobiographische Bericht des entlaufenen Sklaven Frederick Douglass, 1845 erschienen – sieben Jahre vor "Uncle Tom’s Cabin". Der Lamuv Verlag hat ihn jetzt in neuer Übersetzung mit einem informativen Nachwort von Dietlinde Haug herausgebracht.

Douglass wurde (ungefähr) 1817 als Sohn einer Sklavin in Maryland geboren. "Die allermeisten Sklaven kennen ihr Alter genauso wenig wie die Pferde." Er muß als Haus- und Feldsklave arbeiten. Unter milden und brutalen Herren wird er vererbt, vermietet, gefangengehalten, geschunden, ausgepeitscht, schmiedet drei Jahre lang Fluchtpläne und kann 1838 nach New York fliehen. Die genauen Einzelheiten der Flucht verschweigt er. Detaillierte Informationen hätten anderen Sklaven das Fortkommen erschwert. Diese Lebensgeschichte wird zu einer der wichtigsten Agitationsschriften der Anti-Sklaverei-Bewegung in Amerika.

Während der Sezessionskriege wirbt Douglass schwarze Soldaten für die Nordstaaten-Armee an und bleibt bis zu seinem Tod 1895 ein Vorkämpfer für die Gleichberechtigung der Schwarzen – und der Frauen. Douglass wollte mit seinem Buch die Zeitgenossen aufrütteln und zum Handeln anstiften.

Diesen historischen Text jungen Lesern zu empfehlen, liegt nahe: er ist knapp und vital erzählt: Misere, Demütigungen, Armut, Hunger und totale Rechtlosigkeit werden konkret beschrieben. Fakten genügen, es bedarf keiner Kommentare.

Bilder, die erschüttern: Bei der Erbteilung eines Herrenbesitzes werden die Sklaven neben Pferde, Schafe und Schweine gestellt. Douglass schildert den brutalen. "Niggerbrecher" Mr. Covey, der für seine Schindermentalität die Bibel bemüht ("Wer seines Herrn Willen kennt und tut ihn nicht, der soll mit vielen Hieben geschlagen werden.") Covey kauft sich eine Sklavin, sperrt sie ein Jahr lang nachts mit einem verheirateten, "gemieteten" Mann zusammen und "züchtet" auf diesem Wege sein Dienstmaterial.

Der Autor durchschaut und beschreibt die Mechanismen des Systems: Sie bringen nicht nur die Sklaven auf das Niveau von Arbeitstieren, sie zerstören auch die Halter. Besonderen Abscheu empfindet Douglass vor der Frömmelei und christlichen Verbrämung dieser praktizierten Unmenschlichkeit.

Unter Strafandrohungen, Ängsten und strengster Heimlichkeit lernt Douglass lesen: das ist der Anfang und das Signal seines Kampfes um Freiheit. Er wagt, offen gegen Mißhandlung zu rebellieren, flieht, findet in den Nordstaaten Arbeit, heiratet, beginnt 1841 in Massachusetts als Redner auf einer Versammlung der Abolitionisten seinen Kampf für die Befreiung der Sklavenbrüder. Für diese Idee lebt und arbeitet er noch 54 Jahre. Die Geschichte des Frederick Douglass ist Symbol für jeden Kampf gegen Unterdrückung, Ausbeutung, Rechtlosigkeit, Folter. Egal wo, egal wann. Rudolf Wenzel