ARD, 5., 8., 12. und 19. Oktober, jeweils 20.15 oder 20.30 Uhr: "Lenz oder die Freiheit", Film von Dieter Berner und Hilde Berger

Ein ungewöhnliches Fernsehereignis steht bevor: der vierteilige Fernsehfilm "Lenz oder die Freiheit" nach dem Roman von Stefan Heym.

Es geht um die Ereignisse der badischen Revolution von 1849, ein kurzes, heftiges Aufflackern des revolutionären Feuers, das wohl nur im Badischen noch unter der Asche geglommen hatte. Es springt denn auch nicht über nach Hessen und Württemberg; die aufständischen Rastätter Soldaten und Intellektuellen werden uneins, als sie sich alleingelassen sehen, und auch ihr verzweifelter Widerstand vermag nichts gegen die übermächtigen preußischen Truppen, die rasch auf die Festung Rastatt vorrücken.

Eine Erinnerung an die – freilich raren – revolutionären Traditionen in Deutschland ist verdienstvoll, wenn sie nicht dazu herhalten muß, Gegner oder Befürworter von Revolutionen zu rechtfertigen. Stefan Heym ist Kommunist, er glaubt an die Revolution als einen Weg zur Freiheit. In einem Interview zum Film sagt er, daß die Welt heute besser aussehen würde, hätten die badischen Aufständischen gesiegt. Er wirft ihnen vor, keine Diktatur errichtet, ihre Gegener nicht effektiv bekämpft zu haben. Sein 1964 veröffentlichtes Buch ist ein politischer Roman, der das Hohelied des revolutionären Demokraten Andreas Lenz singt, eines feurigen Rebellen und Liedermachers, der nach dem preußischen Einmarsch in Rastatt nach Amerika entkommt, und dort im Bürgerkrieg auf Seiten der Nordstaaten fällt. Heym möchte eine Beziehung herstellen zu einem Nachfahren dieses Lenz, der 1945 als amerikanischer Soldat von einem "dummen kleinen Hitlerjungen" mit einer Panzerfaust getötet wurde. Er will einen literarischen Beweis erbringen, daß "die Sache" nicht gestorben ist, sooft auch ihre Verfechter fielen. Eine gewisse Gewaltsamkeit und Naivität liegt zweifellos in dieser völlig unangefochtenen Verherrlichung des ewigen Rebellen, doch Heym stand damit, zumal in der DDR und in den frühen Sechzigern, keineswegs allein.

Die spannenden Szenen, die scharf gezeichneten Charaktere, die der Roman bietet, finden sich im Drehbuch wieder, weggefallen ist jene Selbstverständlichkeit, mit der Partei ergriffen wird für die Revolutionäre, gegen die Pfeffersäcke, für die badischen, gegen die preußischen Uniformen.

Regisseur Dieter Berner, der den Film zusammen mit Hilde Berger konzipierte, interessiert weniger die Chronologie der historischen Ereignisse als vielmehr die Psychologie der Beteiligten. Entstanden ist das Gegenteil eines Historienfilms von der belehrenden Art; Rastatt 1849 ist ein Ort der Handlung, ein Hintergrund menschlicher Schicksale, nicht umgekehrt: Menschen die Mosaiksteine für ein parteiliches Geschichtsbild. Man erfährt wenig übers Faktische, dafür um so mehr über die Psychologie des Aufruhrs, das "Abenteuer Revolution".

Der Zuschauer wird Zeuge dieses einzigartigen kurzen Augenblicks, da Ideal und Wirklichkeit sich zu berühren scheinen, man sieht, wie schön die Hoffnung macht in den Gesichtern Lenzens und Josephas, und man beneidet sie darum. Lenz (Peter Simonisek) und Josepha (Annette Uhlen) jubelnd und lachend auf dem Exerzierplatz, wo eben noch die Angst regierte, unbändige, der Erwachsenenwelt glückliche entronnene Kinder. Später begegnen sich die beiden in Josephas "Etablissement", Lenz säuft, seit sich die Preußen unaufhaltsam nähern. Zwei Menschen, die den Alltag nicht ertragen, entkommen ihm, als der revolutionäre Rausch verflogen ist, auf die alltägliche Weise. Nicht nur in dieser schwülen, süßklebrigen Bordellszene liegen Hochgefühl und Erniedrigung, Begeisterung und Lächerlichkeit sehr nahe beieinander.