Als erstes warf sie die veraltete Kugelkopfschreibmaschine hinaus und schaffte ein modernes Speichergerät an. Das war 1980, als Sigrid Skarpelis-Sperk ihr Büro im Langen Eugen bezog, jenem Hochhaus, in dem die Parlamentarier nach Meinung der SPD-Frau noch heute wie im Postkutschen-Zeitalter arbeiten müssen. Mit der technischen Ausstattung aus den frühen siebziger Jahren sei der Volksvertreter heute seinen Aufgaben und den Papierfluten nicht mehr gewachsen, weiß sie aus eigener Erfahrung. Das soll sich nun ändern. Bis zum Ende des Jahrzehnts sollen die Parlamentarier mit Computern ausgestattet werden.

Die Ministerialbürokratie verfügt schon heute im Gegensatz zu den Abgeordneten – über eigene Informationssysteme und Datenbanken. Das ist für die Sozialdemokratin ein Unding: "Der zu Kontrollierende bestimmt in der Regel Inhalt und Ausmaß der Informationen, mittels derer man ihn kontrollieren soll." Und mit Tickermeldungen, also den Berichten internationaler Nachrichtenagenturen, würden vorzugsweise auch nur die "Oberhäuptlinge" bedient. Der wohlinformierte, rational entscheidende Abgeordnete braucht den Computer.

1980 zahlte Sigrid Skarpelis-Sperk noch aus privater Tasche drauf, weil die Anschaffung der modernen Speicherschreibmaschine das zulässige Budget überstieg. Vier Jahre später war sie Vorsitzende einer Kommission, die eigens einberufen wurde, um alle Volksvertreter auf den neuesten Stand der Technik zu bringen. Und heute ist der sonst so knauserige Finanzminister bereit, im laufenden Jahr fast neun und im kommenden Jahr 25 Millionen Mark zu spendieren, damit die Abgeordneten über neue Techniken nicht nur diskutieren, sondern sie auch nutzen können. Fünfzig Parlamentarier sollen zunächst ausprobieren, was man mit Computern alles machen kann – oder es sich von ihren Hilfskräften berichten lassen.

Denn nicht die Politiker selbst tippen Briefe und Ansprachen, organisieren Termine und beschaffen Informationen. Das erledigen ihre Mitarbeiter. Sie müssen denn auch mit den neuen Systemen arbeiten. Mitbestimmen dürfen sie indes nicht. Im Gegensatz zu ihren Kollegen in den Fraktionen und der Bundestagsverwaltung haben die etwa zweitausend Assistenten nämlich Privatdienstverträge mit ihrem jeweiligen Abgeordneten. Kein Betriebs- oder Personalrat streitet für ihre Interessen. In der Kommission sind sie zwar vertreten, dürfen auch ihre Meinung zu Protokoll geben, bei Abstimmungen ist ihre Stimme jedoch nicht mehr gefragt.

So sind sie allein auf das Wohlwollen ihrer Chefs angewiesen: "Zwar fordern sie alle generell mehr Mitbestimmung bei der Einführung neuer Techniken", kritisiert ein Vertreter aus der ÖTV-Betriebsgruppe, "aber im Innenverhältnis tun sie nichts."

Dabei liegen längst verschiedene Vorschläge vor. Weil die Computer langfristig mit Systemen der Fraktionen und der Bundestagsverwaltung verbunden werden sollen, also ein integriertes Computernetz das Endziel ist, müßte es eigentlich auch "eine einheitliche Interessenvertretung aller geben, die an diesem Netz hängen", lautet ein Vorschlag von Professor Herbert Kubicek in einer Stellungnahme zum Problem. Der Betriebswirtschaftler aus Trier hat sich auf Mitbestimmungsfragen bei der neuen Technik spezialisiert. Seine Lösung scheint verblüffend einfach. Die zweitausend Privatmitarbeiter der Abgeordneten müßten nur beim Bundestag angestellt werden.

"Theoretisch wäre das schon denkbar", kommentiert Wolfgang Bötsch, Stellvertretender Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, die Idee. Dennoch hält er nichts davon: "Das Schicksal des Mitarbeiters ist schließlich an das des Abgeordneten gebunden." Diese Ansicht teilt er mit Waltraud Steinhauer von der SPD, die die Kommission für Mitarbeiterfragen leitet. Dort denkt man lediglich daran, die herkömmlichen Arbeitsverträge durch einen Zusatz zu ergänzen. Der sieht Augenuntersuchungen und Pausenregelungen für die Arbeit am Computerterminal vor, von Mitbestimmung ist dort aber nicht die Rede. Ganz im Gegenteil. Für den Fall, daß die Mitarbeiter mit der neuen Technik nicht klarkommen sollten, will die Kommission offensichtlich Vorsorge treffen: "Soll der Arbeitsvertrag wegen Nichteignung des Arbeitnehmers für die Datentechnik gelöst werden, ist der Arbeitgeber dafür beweispflichtig", lautet eine Passage. Dieser Beweis dürfte nicht schwer zu erbringen sein. Sechs Wochen zum Quartalsende ist die gängige Kündigungsfrist im Vertrag zwischen Politikern und ihren Angestellten. Und die haben Angst davor, auf Dauer gegen EDV-Profis ausgetauscht zu werden.