Ein Päckchen russischer Lyrik

Von René Drommert

Da hat doch jemand; Christoph Ferber heißt er, wieder die Kühnheit (oder sollte man sagen Dreistigkeit?), sich an die Übersetzung bedeutender russischer Lyrik, Sologubs, Lermontows und Brjussows, zu machen. Die Übersetzung von Lyrik bewegt sich ja prinzipiell zwischen zwei Polen. Der eine Pol heißt: Anmaßung, es dem Großen gleichzutun. Der andere Pol heißt: Beklemmung, hinter den Rockschößen des Genies nur hinterherzutapsen.

Die "Anmaßung" muß sein. Die erste Kraft, die einen Übersetzer motiviert, ist nichts als in ihm selber der unruhvolle, dunkle Drang, schöpferisch zu sein. Das eigene Erlebnis mit Initialzündung fehlt, ganz natürlich. Aber der Übersetzer darf, will er ein Meister der Gefolgschaft sein, weder imitieren noch plagiieren.

Er muß ähnlich vorgehen wie ein Musiker, der die Musik (eines anderen) aus dem Dornröschenschlaf der Noten erlöst und ihr die vorbestimmte lebendige Existenz im Klang zurückgibt. Er muß, mit anderen Kunstmitteln ausgestattet als der originale Dichter, das für eine Metamorphose ("Übersetzung") bestimmte Gedicht neu instrumentieren.

Er muß das, was bloß zu einer Art Knochengerüst gehört (Vorgang, Gedanken, Inhalt), erneut und souverän mit Versmaß und rhythmischen und melodischen Elementen ausstaffieren und ergänzen. Nicht wörtlich, trocken, pedantisch, nicht "interlinear". Inhaltliche Einzelheiten dürfen schon eher mal fortfallen, die rhythmisch-melodische Struktur muß bewahrt bleiben. Lermontow, der Goethes "Über allen Gipfeln ist Ruh’" kongenial ins Russische übersetzt hat, lieferte dafür ein noch nie übertroffenes Musterbeispiel.

Christoph Ferber, der als Lektor in Catania auf Sizilien lebt, ist anfangs, was die rhythmischen Elemente betrifft, bei seinen Übersetzungen hier und da mal wieder unsicher gewesen. Er hat an Souveränität gewonnen. Hier ein schönes Beispiel seiner Übersetzungen, ein Gedicht des Symbolisten Valerij Brjussow (geboren 1873 in Moskau, wo er 1924 auch starb), geschrieben im Jahre 1907: