Ihre Briefe sind zugleich eine Art Entwicklungsroman

Von Rolf Zundel

Ein knapp Zweiundzwanzigjähriger, jünglingshaft, in schlanker Pose, den Hut mit breiter Krempe elegant aufs widerspenstige Haar gestülpt, ein Stück des wallenden Mantels in künstlerischem Schwung über die Schulter geworfen, das Gesicht fragend, wach, altklug und unfertig zugleich. Daneben, sitzend, eine Frau in der dekorativ-bürgerlichen Kleidung der Jahrhundertwende, eine ruhige, kraftvolle Erscheinung. Sie wirkt erwachsener als der junge Mann, reifer als die drei Jahre Altersvorsprung vermuten lassen.

Ein Photo aus dem Jahr 1906 von Theodor Heuss und Elly Knapp. Sie hatten sich in jenem Jahr kennengelernt, bei Friedrich Naumann, dem gedankenreichen Liberalen der Jahrhundertwende und dem politischen Mentor des jungen Heuss. Aus der Begegnung entstand Zuneigung, Freundschaft, Liebe. Da die beiden sich selten sahen – er war mäßig bezahlter Redakteur der Hilfe in Berlin, sie Professorentochter in Straßburg – schrieben sie sich viele und lange Briefe, bis sie, zwei Jahre später, von Albert Schweitzer getraut wurden.

Hermann Rudolph hat diesen Briefwechsel herausgegeben: "Das wundersam erhaltene Abbild des Lebens und Erlebens zweier Menschen in einer Zeit, die von der Gegenwart durch den tiefen Abbruch von zwei Weltuntergängen getrennt ist und die doch immer irgendwie auch die unsere ist, weil sie ganz zuunterst noch in uns mitlebt." So ähnlich hätte es auch Heuss ausdrücken können.

Rudolphs Einführung ist einfühlsam, genau und hilfreich. In den Briefen finden sich zwar manche Hinweise auf die inneren Kämpfe der Liberalen, ihre umstrittene Einbindung in den Bülow-Block wird angedeutet, auch das heikle Verhältnis zu den Sozialdemokraten, die in Naumann zuweilen einen interessanten Partner, aber mehr noch einen schwierigen Gegner sahen. Aber es bleiben Fragmente und der Leser ist dankbar, daß die politische Szene von damals in sparsamen, doch sicheren Strichen vorgezeichnet ist.

Es gibt behaglich-ironische Darstellungen von Wahlkämpfen im Schwäbischen, wo Heuss seine Trinkfestigkeit beweisen und auch sein demagogisches Talent benutzen mußte, um als Volksmann "anerkannt" zu werden. Er erzählt das nicht ohne Stolz. Den Gegner in der Versammlung schön "abgestochen" zu haben, macht ihm ein Vergnügen, das ihn selber erstaunt. Aber auch diese Schilderungen gehen kaum über das Anekdotische, das Aktuelle von damals hinaus. Umtriebig, auch in der Politik, war der Naumann-Adlatus schon, aber daß die Politik allein ihn umgetrieben hätte, läßt sich gewiß nicht behaupten. Da bleibt – und im alten Heuss wird sie wieder sichtbar – ein Stück Distanz: so, wenn er beschreibt, wie er zu den abseitigsten Themen kräftige Worte finden mußte, etwa über die "Aufzucht der Wildschweine", oder wenn er nach der Lektüre der Bismarck-Erinnerungen bemerkt: "Eine angenehme Abkühlung nach zu viel Liberalismus und Parlament."