Von Manfred R. Dederichs

Es war kein Auftakt nach Maß. Bis drei Uhr nachmittags am Montag der vergangenen Woche war die Welt für die Reederei Hapag-Lloyd noch in Ordnung. Doch dann stürmten 70 Seeleute das Hapag-Lloyd-Schiff "Pampa" und ein Seekrieg hatte begonnen.

Die Seeleute der beiden Reedereien Hapag-Lloyd und Hamburg-Süd stürmten hinter einem Schuppen hervor und enterten das Hapag-Schiff. Vor- und Achterleinen wurden festgekettet, und zwei Mann fesselten sich bei dieser Aktion mit Handschellen an die Reling. Der Grund für das Entermanöver, das in der deutschen Seeschifffahrt seinesgleichen sucht: Der Konkurrenzkampf der beiden Reedereien und der drohende Verlust von Arbeitsplätzen.

Fünfzig Jahre lang hatte Frieden geherrscht auf See – nun tobt ein Kampf zwischen Hapag-Lloyd, Hamburgs größter Reederei (26 Schiffe, 1150 Seeleute), und Hamburg-Süd (20 Schiffe, 800 Seeleute).

Die "Pampa" sollte am 22. September zum erstenmal nach Rio auslaufen, beladen mit Chemikalien und Maschinenteilen. Noch im vergangenen Jahrhundert und bis 1934 gehörte Südamerika zu den angestammten Frachtgebieten der Hamburger Reederei. Durch zunehmende Konkurrenz verzichtete man dann auf dieses Gebiet, zugleich einigte sich Hapag-Lloyd mit anderen Reedereien über eine Aufteilung der Frachtregionen. So zum Beispiel mit der Hamburg-Süd: Um eine Kollision von Schiffen und geschäftlichen Interessen zu verhindern, sollte die Hamburg-Süd nicht nach Indonesien fahren, Hapag seinerseits verzichtete auf die Ostküste.

An diese Einigung hielten sich die Reedereien bis vor wenigen Wochen. Dann kam von Hapag-Lloyd die überraschende Meldung: "Südbrasilien, Uruguay und Argentinien sind ein sehr interessanter Markt, von dem wir uns einiges versprechen. Wir wollen diese Angebotslücke in unseren Fahrplänen schließen, denn bis auf die Ostküste sind wir in allen Häfen Südamerikas vertreten."

Auch die Tatsache, daß die Konkurrenz im neuen Fahrgebiet groß sein würde, hielt die Hapag-Lloyd-Manager nicht von ihrem Vorhaben ab. Zwölf Reedereien, die sich zu einem Preiskartell zusammengeschlossen haben, und drei Außenseiter stehen bereits im Wettbewerb um die Ladung. Dies sind nach Ansicht der Hamburg-Süd genug. Die zum Oetker-Konzern gehörende Reederei fährt seit 115 Jahren mit Frachtgut an die Ostküste Südamerikas, durch den neuen Teilnehmer könnten ihr einige Felle davonschwimmen.