Von Hermann Glaser

Die Wende habe sich sprachlich bereits Mitte der siebziger Jahre angebahnt, so Karl Markus Michel im Kursbuch 84, in dem das Phänomen der redseligen, aber begriffslosen Intelligenz von heute thematisiert wird. Während die Lehrer weiterhin von Selbstreflexion sprachen, verstanden die Schüler schon nur noch Selbstsuche und Selbstfindung, Selbstverwirklichung und Selbstausdruck. Die Selbstsucher-Literatur, die schöne wie die therapeutische, sei fast bruchlos in die Alltagsrede übergegangen. Die politische Wende ließ nicht lange auf sich warten; das "Sprachgenie" von Oggersheim konnte innerhalb weniger Monate eine neue Metaphorik durchsetzen – die Metaphorik des Aussitzens.

Zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 1984 meinte Helmut Kohl: "Auch die Sprache der Politik kennt Fluchtbewegungen: Es gibt die Flucht in hektischen Wortreichtum, um nichts mitzuteilen. Es gibt die Flucht in politische Sprachspiele. Da werden Begriffe besetzt, umgedeutet, konstruiert, aufgebläht, demontiert. Der Kampf um Worte gerät zum Machtkampf." Solche Bemerkungen hatte wohl ein witziger wie hämischer Ghostwriter in die Bundeskanzlerrede eingeschmuggelt; aber da Kohl zur selbstreflexiven Erkenntnis wohl kaum in der Lage ist, sondern über alles und jedes, ohne Betroffenheit, die jedoch vorgegaukelt wird, daherredet, merkte er nichts. Das Kohl-Zitat ist einem Buch vorangestellt, das die amtierende Bundesregierung an ihren Worten zu erkennen trachtet:

  • Hans Uske:

Die Sprache der Wende Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Bonn 1986; 224 S., 12,80 DM

"Wenn es der Sinn von Sprache ist, Verständigung möglich zu machen, dann ist die Sprache der Wende der Inbegriff von Unsinn. Denn ihr Ziel ist es gerade, die Politik, die mit ihr transportiert wird, zu vernebeln, möglichst deutlich werden zu lassen, daß diese Regierung eine Politik für wenige auf Kosten der breiten Mehrheit betreibt."

Entgegen der Titel-Ankündigung behandelt der Band jedoch mehr die Inhalte als die Worte. Auf diese Weise wird zwar verhindert, daß beckmesserisch Stilblüten aufgespießt werden; Sprache ist immer ein Wagnis; gerade Politikern gegenüber, die viel sprechen (müssen), ist eine gewisse Nachsicht angebracht. Skandalös ist es aber, wenn Sprache dazu dient, etwas auszudrücken, das durch Handeln nicht nur nicht bestätigt, sondern ins Gegenteil verkehrt wird.