Von Nina Grunenberg

Wackersdorf, Ende September

Die Ausschreitungen zu Pfingsten waren der Wendepunkt. Seitdem ist in Wackersdorf das Schlimmste überstanden. In dieser Lageeinschätzung sind sich Bayerns Politiker und oberste Polizisten einig. Das Pfeif- und Brüllkonzert von mehreren hundert Kernkraftgegnern, die sich am Montagabend im Schwandorfer Leichtathletik-Stadion gegen Franz Josef Strauß Luft zu machen versuchten, konnte daran nichts mehr ändern. Die Lautsprecheranlage, die die Wahlbotschaft des CSU-Chefs an die Oberpfälzer in das aus Sicherheitsgründen mehrere hundert Meter von ihm entfernt sitzende Publikum schleuderte, übertönte den Protest mühelos. "Die ist so gut", freute sich Joachim Schweinoch, der Leiter der Polizeiabteilung im bayerischen Innenministerium, "daß wir sie noch nicht mal voll aufdrehen mußten. Denen wäre das Trommelfell geplatzt."

Zwei Stunden zuvor hatte Schweinoch zur Vorsicht noch eine Inspektionstour über das Wackersdorfer Baugelände für die Wiederaufbereitungsanlage gemacht. Nur fünf Kilometer trennt sie vom Kundgebungsort, aber am Bauzaun herrschte Ruhe. Die einzigen, die, sich versammelt hatten, waren acht Journalisten, die vier Spaziergänger beobachteten. Als Schweinoch unter ihnen den Münchner Korrespondenten der Welt, Peter Schmalz, erkannte, ließ eiseinen VW-Kombi mit Vierradantrieb anhalten, sprang heraus und lud ihn und seine Kollegen freundlich ein, ihn zu begleiten. Schmalz und Schweinoch hatten am Ostermontag zusammen geheult, der Wind hatte das Tränengas in die falsche Richtung getrieben. So ein Erlebnis verbindet. Gemeinsam hingen Polizisten und Journalisten ihren Demonstrationserinnerungen nach. Der Feldherrnhügel, von dem aus die Demonstranten die Polizisten hinter dem Bauzaun mit Steinen bombardierten, ist inzwischen abgetragen, das Gelände planiert. Das Wäldchen, in das sich die Demonstranten zurückzogen, wenn es gefährlich wurde, ist gerodet, der eiserne Bauzaun wieder geschweißt, wo er aufgeschnitten worden war. Nur ein paar Aufschriften erinnern noch an vergangene Kämpfe: "Ich kam, sah und sprühte" – auch Schweinoch lächelte, als er das las. "Wir sind ja keine Unmenschen", sagte er locker und zeigte uns die Bahnunterführung, von der aus die Kernkraftgegner zum erstenmal gegen die WAA losgezogen waren. Heute würde ihnen das kaum noch gelingen. Die Böschung wurde steil gemacht, der Niveau-Unterschied zwischen Straße und Bauzaun beträgt jetzt 25 Meter.

Auf dem Baugelände wurden "Regenrückhaltebecken" angelegt, damit den Wasserwerfern die Füllung nicht ausgeht. Aber Schweinoch legt Wert auf die Feststellung, daß das Wasser vor Gebrauch gereinigt wird. Die einzigen Erhebungen, die in der Kraterlandschaft noch auszumachen waren, sind ein paar Ameisenhügel – "Biotope", meinte der örtliche Einsatzleiter bedeutungsvoll. Die Ameisen haben sich nicht früh genug davongemacht, jetzt sind sie staatlich geschützt.

Die bayerische Polizeiführung hat sich das Wackersdorfer Pfingstdebakel eine Warnung sein lassen. Als Strauß pünktlich um 19 Uhr im Stadion von Schwandorf dem Volk in einer Art Schießbude erschien, die mitten auf dem von Scheinwerfern überstrahlten Rasenplatz stand, wurde er vom größten Polizeiaufgebot geschützt, das es für eine Wahlkundgebung in Bayern je gegeben hat. Zur irrealen Atmosphäre der Versammlung trug der kalte Genuß bei, mit dem der Auftritt des Ministerpräsidenten inszeniert war. Wie im Film kam er in einem märchenhaft bemalten Hubschrauber auf die Schwandorfer nieder – Collani, der italienische Designer, hatte die Meisterhand angelegt. Und wieder freute sich Schweinoch diebisch über die Überraschung, die ihm damit gelungen war: "Uns", sagte er, "fällt schon auch noch was ein." Ins Stadion ließ er den "Chef" danach mit einem Trupp weißbehelmter, mit durchsichtigen Schutzschilden bewehrten Polizisten, die auch in einem Hollywood-Ausstattungsfilm als Gladiatoren eine gute Figur gemacht hätten.

Den Rest besorgte Franz Josef Strauß. Eine Stunde lang bearbeitete er seine Oberpfälzer nach allen Regeln der Kunst. Er dankte ihnen, für das, was sie ausgehalten haben; er beschwor sie, in ihrer Wachsamkeit nicht nachzulassen; und er malte ihnen zum Ausgleich für ihre Angst vor dem Atom eine Zukunft aus, in der aus der Oberpfalz die Armut verbannt ist und statt dessen Milch und Honig fließen: Arbeitsplätze, Straßen, Schulen, eine bedeutende Rolle in der Energiepolitik – sogar das Bohrloch in der Oberpfalz für die geologischen Untersuchungen der Wissenschaftler (Investition: 50 Millionen Mark) ließ er nicht aus, um zu beweisen: "Daß die Oberpfalz rückständig sei, ist durch unsere Politik glänzend widerlegt."