Siegfried als Arbeitsvieh

Kommt da so ein NebelKerl und verdirbt Euch den römischchristlichen Salat, wie? Unfein, ich weiß. Meine Mutter sagt, ich bin, wozu die RomKöpp Prolet sagen. Siegfried Schmied! Teutsch Arbeitsvieh, gut fürs Gröbste. Für SachsenKampf, DrachenSchlachten, Pfaffen puffen so ungewöhnlich stellt sich Siegfried bei seiner Ankunft in Worms höhnisch dem griesgrämigen Hagen vor, der sich dauernd den Grind von seinem schmuddeligen Rücken schabt. Und so ungewöhnlich wie Jürgen Lodemann hat auch noch niemand diese erste deutsche Geschichte erzählt. Er pustet den mythisch-mystischen Staub von den uns scheinbar so vertrauten Figuren des Nibelungenliedes (das ja erst viele Jahre nach den Geschehnissen aufgeschrieben und ideologisch passend zurechtgeklittert wurde), er kratzt das Pathos der Entrücktheit weg, und er erweckt König Gunther, seine burgundischen Männer und Frauen und all die Gestalten dieser großen Geschichte zu erstaunlicher Lebendigkeit, und dann entsteht

  • Jürgen Lodemann:

Siegfried

Thienemanns Verlag, Stuttgart; 352 S., 24,80 DM

solch ein Buch. Klar, da wird mancher puristische Zeitgenosse lauthals widersprechen. Wie kommt der Lodemann dazu, mit Geschichten und Geschichte so umzuspringen? Zugegeben: dieses Buch ist ganz schön gegen den Strich gebürstet, doch darin liegt auch der Sinn der Sache. Lodemann reklamiert für sich das Recht, auf das sich alle Schriftsteller berufen, wenn sie sagen: Ich war dabei, ich weiß es genau. Seine Phantasie, sein Kombinationsvermögen und seine Kunst des Sich-Verwandelns stellen sozusagen das Spielbein dar. Das Standbein: Sprach- und Geschichtskenntnisse, Quellenforschung und kulturpolitische Analyse. Wer sich unbefangen und unverkrampft auf das Abenteuer dieser satten Erzählung einläßt, wird ein starkes Leseerlebnis haben. In meinem Kopf jedenfalls sind allerlei Lichter angeknipst worden.

Stets bleibt die politisch und kulturhistorische Situation jener Zeit des Frühmittelalters zwischen dem Ende der Römerherrschaft und dem Beginn des Fränkischen Reiches deutlich, wenn Lodemann von Siegfrieds Herkunft, Kämpfen und Fahrten erzählt, von seinen Liebschaften und Freunden und Feinden und von der Idee, die ihn trieb. Was für Erwartungen waren das, die man in einen Typ wie ihn setzte? Welche Sehnsüchte löste Siegfried aus? Warum wurde er schließlich ermordet? Lodemann verknüpft Fakten, bietet Deutungen an, erhellt alte Wörter und Begriffe (dies vor allem!), macht Sprache lebendig, erzählt fesselnd und zeigt, daß die Muster dieser alten Geschichte noch beunruhigend aktuell sind.