Von Hartmut Häußermann

In vielen Großstädten erleben wir gegenwärtig eine Renaissance städtischer Lebensformen. Immer mehr, vor allem jüngere Leute bevölkern alte Wohnquartiere der großen Städte, "neue Urbaniten" (new urbanites), wie sie in den USA genannt werden. Sie verändern das äußere Gesicht der alten Viertel: Altbauwohnungen sind wieder in, Fassaden werden nicht mehr nur möglichst praktisch mit Plastikramsch, sondern möglichst schön mit edlem Material renoviert. Baulücken werden nicht mehr lediglich funktionell aufgefüllt, Neubauten werden "gestaltet". Die Kulisse für den anscheinend wieder wichtig gewordenen Straßenraum wird kunstvoll stilisiert. Die postmoderne Architektur ist der augenfällige Ausdruck dieser Tendenz, in der Ästhetik wieder ungeniert über die Funktion triumphieren darf.

Man könnte diese äußeren Veränderungen als Vermarktungsstrategie von Haus- und Grundbesitzern betrachten, die sich auf die Nachfrage einer zahlungskräftigen Schicht richtet, für die die ästhetische Qualität der Häuser und der Wohnumgebung schon wieder wichtig war – und sei es nur als ein Teil ihrer Lebensinszenierung, die um so deutlicher wird, je schwieriger die soziale Profilierung angesichts einer Nivellierung von Statusunterschieden wird.

Aber gerade diese Schicht war es, die bis vor wenigen Jahren in Massen aus den Großstädten zog, um sich in den umliegenden Gemeinden niederzulassen. Die Abwanderung gerade der einkommensstarken Bewohner hatte zu einer schleichenden Erosion der Innenstädte geführt, als deren Ergebnis Entleerung, Verfall und Verslumung drohten. Noch vor einigen Jahren malten Stadtpolitiker in einem Memorandum das Menetekel an die Wand: "Die Großstädte veröden vom Zentrum aus."

Was hat sich heute geändert? Erleben wir eine urbane Renaissance? Haben die früheren "Stadtflüchtlinge" tatsächlich ihre Wohnpräferenzen verändert? Trägt man wieder "Stadt"? Dann wäre zu fragen, ob es sich nur um eine Mode handelt, um einen möglicherweise labilen Trend, oder ob es Anzeichen für eine Stabilisierung des städtischen Kreislaufs gibt, der vor dem Kollaps stand. Die Tendenz "raus aus der Stadt" war jedenfalls lange Zeit stabil, das ganze 20. Jahrhundert hat sie die Entwicklung unserer Städte beherrscht. Wir kommen der Sache nur auf die Spur, wenn wir uns kurz die wechselvolle Geschichte des Wohnens in den Innenbereichen der Großstädte vergegenwärtigen.

In der vorindustriellen Stadt war das Wohnen im Zentrum ein Zeichen von hoher sozialer Stellung. Das Bürgertum beherrschte die Stadt ökonomisch und politisch, das Rathaus im Zentrum war der deutliche und sichtbare Ausdruck ihrer Herrschaft als Klasse. In den Bürgerhäusern um dieses Zentrum stellten sich die Kaufleute und reichen Handwerker als Mitglieder dieser Klasse dar.

Mit der Industrialisierung verlor das Zentrum seine Anziehungskraft für die vermögenden Schichten, die Stadtentwicklung wurde fortan von zentrifugalen Kräften bestimmt. Am Rand des vorindustriellen Kerns lagerten sich die Fabriken und Bahnhöfe an, der Innenstadtbereich verwandelte sich allmählich zum ausschließlich kommerziell genutzten Zentrum: Kaufhäuser beanspruchten die zentralen Lagen, die von allen Stadtteilen aus am besten erreichbar waren, spezialisierte Einzelhandelsgeschäfte für den gehobenen Konsum fanden dort die repräsentativen und viel besuchten Plätze. Banken und Verwaltungen bevorzugten die Stadtmitte, nicht nur, weil sie im kapitalistischen Zeitalter den Kirchen und Rathäusern die Dominanz sichtbar streitig machen wollten, sondern auch, weil ihre Beschäftigten aus allen Richtungen hierher den kürzesten Weg zur Arbeit hatten. So konnte der zunächst noch kleine Arbeitsmarkt der Angestellten gut ausgeschöpft werden.