Eine Begegnung mit Jurek Becker in Berlin und Anmerkungen zu seinem Roman "Bronsteins Kinder"

Von Volker Hage

Ein Prolog zu diesem Roman könnte lauten: Die folgende Geschichte ist frei erfunden. Etwas derartiges oder ähnliches hat, soweit bekannt, niemals stattgefunden. Warum es nicht stattgefunden hat – diese Frage ist schwierig zu beantworten. Um ihr nicht auszuweichen, existiert die Geschichte nun im Roman.

Diesen Vorspruch gibt es nicht. Deshalb ist der Leser des neuen, des sechsten Romans von Jurek Becker der Geschichte gänzlich unvorbereitet ausgeliefert. Becker erzählt sie, als handelte es sich um das Selbstverständlichste der Welt. Und warum auch nicht? Ist das denn bei anderen Romanen nicht ebenso? Warum sollte der Leser vorab gewarnt werden? Vor welcher Geschichte?

Ost-Berlin, Sommer 1973. In der DDR feiert man die Weltfestspiele. Mit den Gästen, den Fremden, ist auch einige Lebendigkeit in den sozialistischen Alltag eingezogen. "Auf einmal gab es Cafés, auf einmal wurde überall frech geredet und laut gerufen. An einer Kreuzung gingen ein paar Schwarze bei Rot über die Straße, und niemand pfiff sie zurück."

Für Hans Bronstein, achtzehn Jahre alt, ist das alles nicht besonders interessant. Er macht gerade sein Abitur, und er ist verliebt: in Martha, Studentin und Tochter eines Freundes seines Vaters. Hans wohnt beim Vater, die Mutter ist kurz nach seiner Geburt gestorben. Die Schwester Elle lebt. in einer Nervenheilanstalt. Hans und Martha treffen sich von Zeit zu Zeit heimlich in dem kleinen Haus außerhalb der Stadt, das dem Vater gehört. Der Sohn hat sich für zärtliche Stunden einen Nachschlüssel machen lassen.

Einmal kommt Hans allein dorthin, Martha will später nachkommen, und er findet das Liebesnest belegt. Ein Mann ist ans Bett gefesselt. Der Vater von Hans und zwei Freunde stehen um ihn herum, befragen und schlagen ihn. Hans ist entsetzt. Er wird entdeckt – und ist fortan gehalten, sich zu entscheiden, auf welcher Seite er stehen will, auf der der Peiniger, die ehemalige Opfer sind, oder auf der des Opfers, das ein Peiniger von damals ist.