So ändern sich die Zeiten: Im vergangenen Jahr überschütteten vor allem ausländische Anleger die kleine Wiener Börse mit Kaufaufträgen. Eine bis dahin noch nie dagewesene Nachfrage sorgte für atemberaubende Kurssprünge. Im kommenden Jahr werden sich die Bankiers der Alpenrepublik auf dem Parkett tummeln und sogenannte Partizipationsscheine feilbieten. Vergleichbar mit stimmrechtslosen Vorzugsaktien werden diese Wertpapiere das Angebot auf dem engen Markt stark ausweiten. Das muß aber nicht zwangsläufig purzelnde Kurse mit sich bringen.

Das prachtvolle, im neunzehnten Jahrhundert errichtete, Börsengebäude in der Donau-Metropole war bis Anfang der achtziger Jahre von Börsianern kaum beachtet worden. Erst die Anlagetips des US-Investmentexperten Jim Rogers rückten 1985 österreichische Werte ins internationale Rampenlicht. Fast zeitgleich ist den Österreichern der Erwerb junger Aktien schmackhaft gemacht worden: Sie können die beim Kauf anfallenden Kosten steuerlich geltend machen. Das Kursniveau stieg damals um über hundert Prozent. In diesem Jahr hat das Interesse der Anlegerschar jedoch nachgelassen, das Vorjahresniveau kann wohl nicht mehr erreicht werden.

Schon jetzt lenken zwei österreichische Geldinstitute die Aufmerksamkeit auf sich. Nicht ohne Grund: Eine Novelle zum Kreditwesengesetz verlangt von den Banken und Sparkassen der Alpenrepublik nahezu eine Verdopplung ihres haftenden Eigenkapitals im Laufe der nächsten zehn Jahre. Um das erreichen zu können, werden die Institute vornehmlich Partizipationsscheine begeben. Ein Gedränge auf dem Markt für Bankenkapital ist deshalb fürs kommende Jahr angesagt.

Nun zählt die Wiener Börse zu den kleinsten der Welt. Der Gesamtkurswert aller dort gehandelten österreichischen Aktien machte Ende 1985 umgerechnet noch nicht einmal elf Milliarden Mark aus – etwas mehr als ein Drittel des Gesamtkurswertes der Deutsche-Bank-Aktien. Der zusätzliche Kapitalbedarf der österreichischen Kreditinstitute wird auf sieben bis zehn Milliarden Mark geschätzt. Damit wäre die Wiener Börse restlos überfordert, auch wenn immer mehr Einheimische Gefallen an Anteilspapieren fänden.

Um das zu verhindern, müssen sich die Institute auf einen Fahrplan einigen, der die Reihenfolge der Emissionen festschreibt. Auch ein Ausweichen auf internationale Börsenplätze ist ratsam. Und genau das führt die Österreichische Länderbank der Konkurrenz momentan bereits vor: Sie begibt in diesen Tagen ihr erstes Paket an den Börsen in Wien, Frankfurt und Zürich. Jeder Partizipationsschein ist mit einem Optionsschein ausgestattet, der in den kommenden drei Jahren zum Bezug eines weiteren Partizipationsscheins berechtigt. Als Kaufpreis gilt der jetzt festzusetzende Kurs. Die Creditanstalt-Bankverein kommt gegenwärtig bereits mit ihrer zweiten Ausgabe von Partizipationsscheinen heraus. Diese sogenannten Kapitalanteile werden wohl bald ebenfalls in Frankfurt, Zürich sowie in München angeboten.

Beide Werte stoßen in bundesdeutschen Bankenkreisen "auf ein gewisses Interesse". Gleiches kann momentan nur von den wenigsten österreichischen Aktien behauptet werden. Gelegentlich werden Gesellschaften genannt wie die Gösser Brauerei AG oder die Erste Allgemeine Versicherungs-AG. Doch im allgemeinen überzeugt die Wiener Börse in diesem Jahr nicht.

In diesem Zusammenhang wird immer wieder das Datum des 23. November genannt. Wer wird aus den anstehenden Nationalwahlen als Sieger hervorgehen? In Wien tippen einige Bankiers auf eine große Koalition von Sozialistischer Partei (SPÖ) und Volkspartei (ÖVP) mit dem Kanzler Franz Vranitzky an der Spitze. Diese Konstellation, so heißt es, könnte die notwendige Sanierung der Staatsindustrie bewältigen. Und das würde sich belebend auf die Börse auswirken.