Die Banken sprechen in diesen Tagen ihrer Wertpapierkundschaft wieder Mut zu. Die Ansicht, wonach der Gipfel der mehr als vierjährigen Hausse überschritten ist, wird nur in Ausnahmefällen vertreten. Optimistisch sind die Anlageberater der Kreditinstitute deshalb, weil die Ausgangsbasis für den Aktienkauf nach wie vor fundamental abgesichert ist, wie es in der Fachsprache heißt. Nach den ersten für 1987 vorliegenden Schätzungen werden die meisten deutschen Unternehmen weiterhin befriedigende Gewinne erzielen.

Dieser Optimismus ist sicherlich berechtigt. Doch hat sich gerade in diesem Jahr gezeigt, daß der Ertrag je Aktie keineswegs immer ausschlaggebend zu sein braucht für die Kursentwicklung. Denn zu Ermüdungserscheinungen neigten in diesem Jahr besonders die Flaggschiffe des deutschen Aktienmarktes, obwohl gerade sie fundamental ausgezeichnet dastehen.

Wer nach Gründen dafür sucht, stößt zwangsläufig auf das Verhalten der ausländischen Anleger. In den vergangenen Jahren haben sie massiv deutsche Spitzenaktien erworben und an deren Kurssteigerungen auch prächtig verdient. Nun hat das internationale Interesse an deutschen Aktien nachgelassen. Der Nachholbedarf ist weitgehend befriedigt. Jetzt geht es bei den Ausländern noch um die "Feineinstellung". Gegenwärtig finden sich auf ihren Kauflisten vornehmlich nur noch Aktien solcher Gesellschaften, bei denen in den nächsten Jahren ein überdurchschnittliches Wachstum erwartet werden kann. Solche gezielten Käufe nehmen vermutlich jene Investmentfonds vor, die erst unlängst in London und New York ins Leben gerufen worden sind und die ausschließlich in deutsche Aktien investieren sollen. Auf ihren Wunschzetteln stehen vorzugsweise Nixdorf, PKI, SEL, Springer und gelegentlich auch Schering. Gleichwohl hat sich der Schering-Kurs in diesem Jahr um rund drei Prozent ermäßigt. Auf der anderen Seite erzielte Nixdorf ein Plus von 25 Prozent und PKI sogar von 37 Prozent. In den ersten Oktobertagen ist in beiden Papieren der Anstieg flott weitergegangen.

Die in diesem Jahr stark auseinanderstrebenden Kursbewegungen machen alte Börsenhasen stutzig. Denn wenn die Standardaktien nicht mehr vorankommen und Kursgewinne nur noch in Spezialwerten erzielbar sind, zeichnet sich nach bisheriger Erfahrung ein Ende der Aufwärtsbewegung ab. Um so mehr kommt es jetzt darauf an, die "richtigen" Papiere zu besitzen.

Die Degab Deutsche Gesellschaft für Anlageberatung mbH, Frankfurt, die Analysengesellschaft der Deutschen Bank, rät dazu, auf Qualität zu achten. Darunter fallen insbesondere Aktien der Chemie, der Banken und Versicherungen sowie "German Tech"-Werte, also gerade jene Aktien, deren Kurse in den vergangenen Tagen stark gestiegen sind. Dabei ist bemerkenswert, daß zu diesen Papieren neuerdings auch wieder die Siemens-Aktien gerechnet werden, deren Kurs sich in den ersten drei Quartalen dieses Jahres um elf Prozent ermäßigt hat. Dabei liegt bei ihnen das Kurs-/Gewinn-Verhältnis mit 10,7 weit unter "Weltniveau".

In der Chemie – so die Degab – würden sich Währungsverschiebungen, Bestandsabwertungen und eine aufgeschobene Nachfrage in einer Stagnation der Gewinne auswirken. Dem scheint in der Kursentwicklung der zurückliegenden Monate aber bereits ausreichend Rechnung getragen worden zu sein. Der Hoechst-Kurs ist in diesem Jahr um elf Prozent gesunken. Möglicherweise hat er zusätzlich unter Verkäufen arabischer Opec-Länder gelitten. Gut davongekommen sind die Bayer-Aktionäre mit einem Plus von acht Prozent in diesem Jahr. Bayer gilt zumindest für 1986 als die ertragsstärkste Gesellschaft im Bereich der Großchemie.

Mit einem Plus von zwei Prozent bilden die VW-Aktien bisher das Schlußlicht der Auto-Branche. Auch hier sollte das Kurs-/Gewinn-Verhältnis im Grunde zu Käufen anregen, zumal voraussichtlich 1987 für die deutsche Automobilindustrie wieder gut laufen wird. Wenn der VW-Kurs in diesem Jahr von etwa 650 (Höchststand) auf jetzt 450 Mark zurückgefallen ist, hängt dies vermutlich auch mit der Kapitalerhöhung über Vorzugsaktien zusammen, die immerhin mehr als zwei Milliarden Mark erfordert hat. Der Markt wurde zusätzlich dadurch belastet, daß der Bund und das Land Niedersachsen von ihrem Bezugsrecht keinen Gebrauch gemacht haben, also für die ihnen zustehenden Vorzugsaktien zusätzliche Käufer gefunden werden mußten. Im Hintergrund "droht" außerdem die Privatisierung von zwanzig Prozent des VW-Kapitals, das bisher noch im Bundesbesitz liegt.