ZEIT: Das deutsche Insolvenzrecht wird gelegentlich als eine Ursache für so viele Pleiten genannt. Stimmt das eigentlich?

Engelhard: Vermögenszusammenbrüche haben wirtschaftliche, keine rechtlichen Ursachen. Das Insolvenzrecht kann allerdings dafür sorgen, daß sich Schäden im Konkurs in Grenzen halten, und daß ein effektives gerichtliches Sanierungsverfahren möglich wird. Beides wird vom geltenden Insolvenzrecht nicht mehr gewährleistet.

ZEIT: Ihnen liegen inzwischen Reformvorschläge der Kommission für Insolvenzrecht vor. Sie wollen die Reform einleiten. Wo werden die Schwerpunkte liegen?

Engelhard: Die Verfahren sollen schneller eingeleitet werden und nicht erst dann, wenn das Vermögen des Schuldners völlig verwirtschaftet ist. Ferner soll das Nebeneinander von Konkurs und Vergleich durch ein einheitliches Insolvenzverfahren ersetzt werden, indem erst nach einer Prüfungsphase darüber entschieden wird, ob die Erhaltung des Unternehmens oder die "Versilberung" seiner Vermögenswerte wirtschaftlich sinnvoll ist. Die Sanierung der Unternehmen soll durch ein neuartiges Reorganisationsverfahren erleichtert werden. Und im Konkursfall soll durch Streichung von Gläubigervorrechten größere Verteilungsgerechtigkeit geschaffen werden.

Die Kommission will darüber hinaus den Gläubigern mit Mobiliarsicherheiten einen "Verfahrensbeitrag" auferlegen, durch den die Quote der ungesicherten Gläubiger erhöht wird. Diesen Gedanken halte ich nicht für tragfähig. Die Vermögensumverteilung ist, keine legitime Aufgabe des Insolvenzverfahrens. Allerdings müssen auch die gesicherten Gläubiger gewisse Opfer bringen: Sie dürfen ihre Sicherheiten nicht im falschen Moment aus dem Betrieb abziehen und müssen sich im Falle einer Verwertung pauschal an den entstandenen Verfahrenskosten beteiligen.

ZEIT: Nach den Vorstellungen der Kommission soll der Unternehmer, der das Unternehmen heruntergewirtschaftet hat, noch eine Chance bekommen, sich selbst zu sanieren. Heißt das nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreiben?

Engelhard: Auf welchem rechtlichen Weg ein Unternehmen saniert wird, müssen nach meinen Vorstellungen allein die Gläubiger entscheiden. Sie müssen Herr des Verfahrens sein, nicht das Gericht und nicht der Konkursverwalter. Ich bin entschieden gegen jede bürokratische Bevormundung der wirtschaftlich Betroffenen.