Wie soll Oper sein? Anders als das Leben. Am Schluß liegen alle einander in den Armen, jauchzen Unverständliches, aber in Dur.

Nicht so bei Noelte. Dieser verliebte Pedant unter den Regisseuren liest genauer (auch die Partitur), horcht skeptischer in alle Liebesmelodeien – und macht die Stücke, die er inszeniert, reicher, indem er – auf der Szene – den Moll-Unterton nicht unterschlägt, den das in Glücks-Dur jubelnde Orchester nicht mehr musizieren kann.

Wer Noeltes "Don Giovanni" (Berlin, 1972), wer seine "Verkaufte Braut" (Cardiff/Köln, 1984) gesehen/gehört hat, durfte sicher sein, daß in Bremen Agathe und Max, Hauptfiguren von Carl Maria von Webers "Romantischer Oper in drei Aufzügen" von 1821, "Der Freischütz", einander nicht ans Herz drücken würden, wenn – im endlich wieder erreichten C-Dur – Liebespaar und Volk, Fürst und Eremit auf den Knien liegen und im Obrigkeits-Deutschland der Metternich-Zeit – den Schluß-Chor anstimmen: "Wer rein ist von Herzen und schuldlos im Leben, / Darf kindlich der Milde des Vaters vertraun!"

In Bremen schleicht sich da der pausbäckige Max mit dem blonden Kinderschopf (Josef Protschka) von der Seite der engelsreinen Förstertochter Agathe (wie ein Engel singend, mir schön dramatischer: Stella Kleindienst) und klemmt sich wieder, mit gesenkten Kopf zwischen Bank und Tisch, über den Bierkrug. Liebe? Keine Rede davon. Mit der Verdonnerung zu einem "Probejahr" hat die Gesellschaft, die sich stets in drohender Gruppe gegen diesen Eigenbrötler stellt, die Ehe schon vor der Trauung geschieden. Max hockt am Ende da, wie wir ihn am Anfang gesehen haben: "Sitzt allein im Vordergrunde an einem Tisch, vor sich den Krug."

Noelte vertraut weniger dem – allzu – plötzlich losbrechenden Jubel des Finales. Er verliert den Einzelgänger nicht aus den Augen, den der Librettist Friedrich Kind, den vor allem der Komponist immer wieder in seiner Einsamkeit zeigen: "Er starrt zu Boden und versinkt in sich selbst." Für welche Schuld muß ich bezahlen? Herrscht blind das Schicksal? Lebt kein Gott?" Wir haben die Frage-Not dieses Außenseiters vergessen, den wir nur noch aus dem Wunschkonzert kennen, wo er sein ewig grünes "Durch die Wälder, durch die Auen" schmettert. Wer achtet noch darauf, daß diese kleine Arie ein Wehmuts-Liedchen ist, daß sich der "Held" an glücklichere Vergangenheit erinnert und mit der bösen Frage endet: "Hat denn der Himmel mich verlassen?"

Noeltes Inszenierung, in der es nie richtig hell wird, in der die Personen vom Dunkel aufgesogen werden oder, von draußen kommend, sich mit gespenstischen Schatten an der Wand ankündigen – Noeltes Inszenierung öffnet uns den Blick für die Nachtseite dieses Dramas, das wir uns als Grusel- und Gespenster-Oper gezähmt haben.

Noelte lauscht nicht nur auf die kleinen Streitereien, die es zwischen dem Liebespaar gibt, sondern auch auf die Musik: Der versickernde Walzer, das fahle Ende der Wolfsschlucht-Wut, die bangen Pizzicati der Kontrabässe, die leise drohenden Schläge der Pauken, das Verstummen jeder Lebensäußerung in den Generalpausen dienen nicht nur der musikalischen, sondern stets auch der dramatischen Darstellung.