Schmidt: Herr von Weizsäcker, hinter der Frage, wie sicher der Frieden sei, stehen ja noch ein paar andere Fragen. Zum Beispiel: Müssen wir eigentlich Angst haben um den Frieden? Oder die Frage: Haben eigentlich die Menschen heute mehr Angst als am Ende des Krieges 1945, oder während des Krieges, oder zu Beginn des Krieges, oder zu Beginn der Nazi-Zeit, oder damals im August 1914? Falls es so wäre, daß die Menschen heute mehr Angst haben als früher, warum ist das so?

von Weizsäcker: Ich weiß nicht wirklich, ob die Leute mehr Angst haben als in diesen sehr kritischen Zeiten, die Sie genannt haben. Ich würde beinahe denken, daß sie vielleicht weniger Angst haben als, sagen wir, Ende des Krieges ’45. Aber gleichwohl, sie haben ja, verglichen damit, wie gut es vordergründig geht, doch auffallend Angst. Und ich nehme an, daß Ihre Frage eigentlich die ist, ob das berechtigt ist oder nicht. Wie ist denn Ihre Einschätzung davon?

Schmidt: Wenn ich einen Augenblick von mir selbst sprechen darf: Ich habe natürlich wie wohl alle Menschen im Laufe des Lebens häufiger mal ganz schön Angst gehabt. Aber weitaus am meisten während des Krieges und während der Nazi-Zeit. Heute deutlich weniger. Und das ist natürlich auch eine Frage der Generationen. Jemand, der dies alles durch- und mitgemacht hat, der hat Vergleichsmöglichkeiten. Jemand, der heute 25 Jahre alt ist oder 35 Jahre, der hat keine Vergleichsmöglichkeiten, und seine Angst mag eine andere sein. Ich habe ein bißchen das Gefühl, daß Angst etwas Normales ist, das zum Menschen dazu gehört wie Liebe, wie Geltungsbedürfnis, eine dem Menschen angeborene Qualität, und manchmal kommt es mir so vor, als ob ein bißchen zuviel Angst künstlich gemacht wird in Deutschland.

Sie haben nun Ihrerseits mal öffentlich ein Vorbild gegeben insofern, als Sie sich zu Ihren Ängsten bekannt haben. Ich finde richtig, daß das ausgesprochen wird. Ich frage mich: Müssen wir wirklich soviel Angst haben, wie manche Menschen glauben, daß sie haben müßten, zum Beispiel um den Frieden? Und ich bin nicht ganz sicher, ob nicht manche Ängste übertrieben werden.

von Weizsäcker: Also ich glaube, das ist ein Punkt, den wir etwas verschieden empfinden, und vielleicht ist es ganz nützlich, das zu sagen. Es gibt eine Geschichte, an die erinnere ich mich. Die wurde so erzählt, daß im Krieg mal zwei miteinander in einem Schützenloch sitzen, und der eine sagt zum anderen: Mensch, du hast ja Angst. Und der andere sagt: Wenn du so viel Angst hättest wie ich, wärst du längst weggelaufen. Und damit drücke ich schon aus, daß ich einerseits sehr wohl sehe, daß Angst auch falsch sein kann und übertrieben sein kann, daß aber Mangel an Angst möglicherweise Mangel an Wahrnehmung ist. Und wenn Sie sagen, ich habe mich zu meiner Angst bekannt: Ich habe viel mehr Angst gehabt, als ich öffentlich gesagt habe; dann habe ich eines Tages gefunden: Wenn die anderen Leute fortfahren, die realen Gefahren nicht anzugucken, dann möchte ich sagen, daß ich wirklich die Angst davor habe.

Schmidt: Glauben Sie, daß ein Deutscher, der heute lebt, mehr Grund hat, Angst zu haben oder Gefahren wahrzunehmen und deshalb Angst zu haben, als ein Pole, der heute lebt, oder ein Jude, der 1939 in Polen gelebt hat, oder daß ein Deutscher heute mehr Grund hat, Angst zu haben, als ein Franzose oder als ein Russe oder als ein Amerikaner.

von Weizsäcker: Also wenn Sie sagen der Jude in der Nazi-Ära zum Beispiel, dann würde ich sagen, der hatte allen Grund, ganz konkrete Angst zu haben um sich und um seine Familie. Das ist etwas Besonderes, denn das ist eine wohldefinierte Gefahr für eine bestimmte Gruppe von Menschen. Aber wenn Sie mich fragen nach der Angst, von der ich spreche, dann würde ich sagen: Die zu haben hat jeder, der im Bereich der europäischen Kultur lebt. Ob die Deutschen subjektiv mehr Angst haben, weiß ich gar nicht. Und ich bin gar nicht sicher, wenn sie mehr Angst haben, ob das bessere Wahrnehmung ist oder größere Nervosität. Aber das, worum ich Sorge habe, betrifft unsere ganze Kultur.