Von Rainer Hupe

Für einen gesundheitlich angeschlagenen Mann ist das sicher kein Job. Das wußte Gottfried Wurche, der Generalbevollmächtigte des Neue-Heimat-Eigentümers Horst Schiesser auch schon, als er am 1. September sein Mandat im Berliner Abgeordnetenhaus niederlegte. Doch die Genossen nahmen dem altgedienten Sozialdemokraten ab, daß er sich aus der Parlamentsarbeit zurückziehe, weil seine Gesundheit angegriffen sei. Das schien geradezu logisch, denn seit Monaten hatte der 57jährige, so erinnert sich einer, in der Fraktion „keinen Pieps mehr gesagt“.

Um so erstaunter waren die SPD-Politiker in der geteilten Stadt dann, als Wurche keinen Monat später – der spektakuläre Verkauf des gewerkschaftseigenen Baukonzerns an den bis dahin völlig unbekannten Schiesser machte gerade die ersten Schlagzeilen – zum persönlichen Berater des selbsternannten Sanierers der Neuen Heimat avancierte.

Er bezog sofort ein Büro in der Hamburger Firmenzentrale. Seitdem ist er eine der Schlüsselfiguren in der neuen Mannschaft, die Schiesser am Mittwoch vergangener Woche mit großem Getöse und nichtssagenden Sprüchen vorstellte.

Dazu gehören neben den bereits bekannten Schiesser-Vertrauten Jürgen Havenstein als Vorsitzendem der Geschäftsführung der Neuen Heimat und Michael Knöffel, Chef der Neuen Gesellschaft für Vermögensbildung, die Anteilseigner bei dem Baukonzern ist, zwei Männer, die beste Kenntnisse aller Interna aufweisen: Helmut Lahmann, der schon 1971 Direktor für Betriebswirtschaft bei der Neuen Heimat Städtebau und später Geschäftsführer der Regionalgesellschaften in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Hamburg war, sowie Peter Gardosch, Ex-Chef der Union Baubedarf, der sogenannten „Katakomben-Firma“, über die alle Materialien für Bauten der Neuen Heimat beschafft und nach Erkenntnissen des Hamburger Untersuchungsausschusses stattliche Provisionen abkassiert wurden. Seit einigen Tagen haben sie alle Hände voll zu tun.

Denn nicht nur der Hamburger Senat macht Schwierigkeiten, weil die Baubehörde der Meinung ist, die Übernahme der NH-Anteile durch Schiessers Neue Gesellschaft verstoße gegen das Gemeinnützigkeitsgesetz, sondern auch die kleinen Banken mit schlecht gesicherten Krediten und die ausländischen Institute scheinen zunehmend nervös zu werden.

Nachdem bereits das Düsseldorfer Bankhaus Trinkaus & Burkhard, bei der Otto Graf Lambsdorff Verwaltungsratschef ist, „einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag“ fälligstellte, erwirkte auch die Royal Bank of Canada einen sogenannten Arrest für zwanzig Millionen Mark. Das Geld hatte die Hamburger Filiale der Bank an die Neue Heimat in Baden-Württemberg ausgeliehen, ohne ausreichende Sicherheiten.

Um im Fall eines Falles zu retten, was noch zu retten ist, besorgten sich die kanadischen Bankiers jetzt den einschlägigen Rechtstitel beim Gericht. Sie müssen dafür ihre Forderung glaubhaft machen und darüber hinaus belegen, daß sie gefährdet ist, was bei der Neuen Heimat nicht allzu schwer fallen dürfte. Mit dem Arrest kann die Bank dann entsprechendes Vermögen des Schuldners sicherstellen, zum Beispiel ein Grundstück mit einer Hypothek belasten – wenn noch eine unterzubringen ist.

Doch das haben die kanadischen Bankiers im Ernst gar nicht vor, denn natürlich wissen auch sie, daß der Baukonzern überschuldet und im Zweifelsfall wenig zu holen ist. Genauso wie Trinkaus bisher darauf verzichtete, die fälligen Kredite tatsächlich einzutreiben, beabsichtigt auch die Royal Bank nicht, etwa gar Barvermögen des Baukonzerns zu blockieren. Aber eine deutliche Warnung an die Adresse von Schiesser ist das wohl. Nicht nur die großen Kreditgeber fühlen sich schlecht behandelt.

Gefährlich werden solche Aktionen für die Neue Heimat erst, wenn dadurch eine Lawine unter den Banken ausgelöst wird. Schließlich stehen auch ohne die Regionalgesellschaften in Hessen und Nordrhein-Westfalen noch ungesicherte Kredite von mehr als zwei Milliarden Mark bei den Banken zu Buche und auch andere Institute als das kanadische könnten auf die Idee kommen, sich im letzten Moment noch absichern zu wollen. Anders als beim Elektrokonzern AEG, dem die Auslandsgläubiger letzten Endes die Kredite kündigten, gibt es bei der Neuen Heimat auch kein federführendes Konsortium der Kreditinstitute. Damals übernahmen die inländischen Gläubiger die Forderungen der Ausländer und verhinderten so den Konkurs des Unternehmens.

Doch trotz aller Nervosität sieht es danach im Moment bei der Neuen Heimat nicht aus. Denn die großen Kreditgeber in der Bundesrepublik beobachten die Entwicklung zwar mit Argusaugen, „fühlen sich aber an das Stillhalteabkommen bis zum Ende dieses Jahres gebunden“, wie ein Bankier versichert. Tatsächlich bleibt ihnen nach wie vor keine andere Wahl, denn einen Konkurs können sie nicht riskieren, weil die Folgen auf dem Immobilienmarkt unabsehbar, im Zweifel aber verheerend wären.

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Einige von ihnen, wie etwa die Westdeutsche Landesbank, haben ihre Schäfchen ohnehin in den letzten Jahren so weit wie möglich ins trockene gebracht. In Düsseldorf war ein Stab von sechs Mann allein damit beschäftigt, die ausgeliehenen Kredite noch nachträglich so gut es ging abzusichern. Der Groll darüber, daß Schiesser und seine Mannschaft erst nach dem 15. Oktober mit den Geldgebern reden will und bisher auch die Verträge noch nicht vorgelegt hat, ist jedoch unüberhörbar.

Tatsächlich können die Banken aber auch jetzt schon kalkulieren, was auf sie zukommen wird, wenn sie einen Konkurs des Wohnungsbaukonzerns verhindern wollen. Eine überschlägige Rechnung hat der Hamburger Professor Wilhelm Strobel schon in der vergangenen Woche im Handelsblatt aufgemacht.

Mehr als 5000 Mark Netto-Jahresmiete, so rechnete der Wissenschaftler vor, sei im Durchschnitt pro Wohnung der Neuen Heimat nicht zu erzielen, macht bei 190 000 Wohnungen rund eine Milliarde Mark im Jahr. Abzüglich aller sonstigen Kosten des Unternehmens blieben davon rund 500 Millionen Mark übrig, mit denen bei heutigem Zinsniveau Zins und Tilgung für Kredite in Höhe von sieben Milliarden Mark gedeckt wären.

Das Restunternehmen ohne die Regionalgesellschaften Nordrhein-Westfalen und Hessen hat aber noch Schulden von zwölf Milliarden Mark. Selbst wenn die neuen Eigentümer es schaffen würden, davon zwei Milliarden Mark durch den Verkauf von Grundstücken und Wohnungen abzubauen, blieben drei bis vier Milliarden Mark, die nicht bedient werden können.

Das wird ungefähr die Rechnung sein, die Schiesser den Banken präsentiert. Das aber ist auch die Summe, die der noch vom früheren Chef der Neuen Heimat, Diether Hoffmann, als Berater angeheuerte Manfred Meyer-Preschany als notwendige Hilfe ausgerechnet hatte.

Schiesser und seine Truppe müssen also mit den Banken über die gleichen Bedingungen verhandeln, die auch schon die alte Geschäftsführung der Neuen Heimat ins Spiel gebracht hatte. Doch sie handeln bisher mit einer Chuzpe, die nicht nur die Gläubiger verblüfft. Die wahren Drahtzieher dürften denn auch weniger Havenstein und Knöffel sein, als vielmehr die offiziell erst neu in die Mannschaft Aufgenommenen.

Tatsächlich hat Gottfried Wurche neben seiner Arbeit als Parlamentarier in den vergangenen Jahren wohl auch reichlich Erfahrung im Berliner Baufilz gesammelt. Er gründete in den siebziger Jahren die Firma Intraplan Unternehmensberatung GmbH, deren Funktion offiziell die Beratung bei städtebaulichen Projekten war, die Finanzierung von Bauvorhaben sowie die Erschließung und das Baureifmachen von Grundstücken.

Ein Verfahren gegen Wurche im Zusammenhang mit dem Schmiergeldskandal um den ehemaligen CDU-Bezirksbaurat Wolfgang Antes stellte die Staatsanwaltschaft inzwischen ein, denn sie fand den Parlamentarier zwar auf der Spendenliste des Bauunternehmers Franke, konnte aber keinen Zusammenhang mit seinem Mandat herstellen. Wurches Tochter Christiane hat enge Beziehungen zu dem SPD-Politiker und Schiesser-Spezi Heinrich Buschmann, der etliche Beteiligungen an Kommanditgesellschaften im Berliner Abschreibungsgewerbe hält.

Die guten Kenntnisse und Beziehungen der alten Kämpen um Schiesser dürften sich denn auch trefflich mit den intimen Kenntnissen der Newcomer Lahmann und Gardosch verbinden lassen. Lahmann schied erst im vergangenen Jahr bei der Neuen Heimat aus, angeblich, weil er Diether Hoffmann gedroht hatte, wegen Überschuldung des Unternehmens zum Konkursrichter zu gehen.

Doch auch die Neuen haben am vergangenen Mittwoch wenig dazu beigetragen, die wahren Absichten von Schiesser zu erhellen oder gar den Verdacht auszuräumen, die neue Riege um Schiesser habe nur die Aufgabe, einen Konkurs so lange hinauszuzögern, um die Gewerkschaften und ihre Firmenholding BGAG davor zu bewahren, für die Schulden der Neuen Heimat bei den Banken geradestehen zu müssen.

Ihr Ruf ist jedenfalls nicht dazu angetan, Vertrauen zu wecken, schon gar nicht bei den Beschäftigten und Mietern des Wohnungsbaukonzerns, denen Schiesser weismachen will: „Behutsamkeit im Umgang mit Menschen steht nicht im Widerspruch zum Leistungsprinzip.“ Gerade Lahmann und Gardosch waren bisher nicht dafür bekannt, besondere Rücksicht auf ihre Untergebenen zu nehmen.