Von Willi Winkler

Die Laufbahn des Lesers begann irgendwo im tiefsten Bayern, wo die Kirche noch im Dorf geblieben war und das Feindesland gleich hinter dem letzten Haus anfing. Er las alles, was er in die Finger kriegen konnte (es war wenig genug). Wahrscheinlich liegt es an der Einschichtigkeit der Welt, aber bis heute hat er dem Erfahrungsschatz aus diesen ersten Büchern nur wenig hinzufügen können. Im Gegenteil: Er stellt fest, daß alles, was er seinerzeit gelesen hat, irgendwann in die Wirklichkeit eintritt und in Erfüllung geht.

Zu Hause in seiner Höhle pflegte der Leser Umgang mit den erlauchtesten Geistern dieser und der anderen Welt, keine Wirklichkeit beeinträchtigte ihm die traute Zwiesprache. Auf der Buchmesse aber schaufelt ihm das Förderband "Via Mobile" die Berühmtheiten gleich im Dutzend vor die Nase. Im Radio singt Cyndi Lauper von True Colors, auf der Messe ist aber überhaupt nichts farbecht und schon gleich gar nichts so, wie es sich der Leser zu Hause im stillen Kämmerlein vorgestellt hat.

Die Messe ist die Stunde der Wahrheit. Ludwig Hang ist preis- und weintrunken, Harry Rowohlt flirtet mit Alice Schwarzer, Peter Hamm wechselt vom "Diogenes Cocktail" im Frankfurter Hof auf den Kiepenheuer & Witsch-Abend im Frankfurter Presse-Club und hat nichts Eiligeres zu tun, als sich um Essen anzustellen. Der dort am Tisch sitzt, muß Wolf Biermann sein, obwohl er kaum als Biermann zu identifizieren ist, weil er hier viel dünner wirkt als auf den Photos. Günter Gaus hat, sieht man jetzt, viel schlechtere Zähne als im Fernsehen. Nur Isabelle Allende ist auch in Wirklichkeit so schön wie auf den Bildern.

Frankfurter "Kir Royal"

Weil sich auf der Frankfurter Buchmesse alles trifft, dürfen auch Birne und Ersatzbirne nicht fehlen. Eines Nachmittags braust ein Konvoi mit sechs Wagen aufs Freigelände zwischen Halle 6 und Halle 4. Dem dritten Auto, das listigerweise kein Bonner, sondern ein Ludwigshafener Kennzeichen trägt, entsteigen Helmut Kohl und Walter Wallmann. Die paar Zuschauer, die das Gastspiel überhaupt interessiert, pfeifen und buhen und gebrauchen Unflätigkeiten. Am Tag drauf hat auch Johannes Rau einen Termin wahrzunehmen. Das Kinn wie üblich vorgestreckt, mit der Rechten wie der mögliche Amtsvorgänger an der Jacke knöpfelnd, stürmt er fast ohne Begleitung durch die Gänge der Belletristik in Halle 5.1. Kaum einer hat ihn bemerkt. Hier geht es schließlich um Bücher.

Messetagebuch, Samstag, 4. Oktober: Frühstück im Hotel. Orangensaft mit Schuß bei Klett-Cotta, Mittagessen (Leberkäs, Laugenstangerl, Bier) bei der Süddeutschen, Cappuccino und anschließend Sekt in der neonmäßigen Spiegel-Bar (incl. Begrüßung durch Chefredakteur Böhme), Brotzeit im Salon 15 (Piper Verlag). Abendessen (reichlich) mit Verlagsvertretern. Mit dieser Unterlage ins Café Laumer in der Bockenheimer Landstraße, wo Rowohlt-Gutscheine in Zahlung genommen werden. Abgestürzt in einer Kellerbar, wo irgendjemand alle anderen freihält.