Von Matthias Naß

Die Londoner Sunday Times, um Sensationsstories nie verlegen, landete einen neuen Scoop. "Enthüllt: Die Geheimnisse von Israels Nuklear-Arsenal", lautete die Schlagzeile am vergangenen Sonntag. Auf drei Seiten breitete die Zeitung das "Geheimnis" der israelischen Atombombe aus. Ihr Resümee: "Israel muß jetzt als eine bedeutende Nuklearmacht gelten, auf Platz sechs in der Tabelle der atomaren Liga, mit einem Vorrat von mindestens hundert Nuklearwaffen und mit den Komponenten und der Fähigkeit, Atom-, Neutronen- und Wasserstoffbomben zu bauen."

Die Reporter der Sunday Times hatten im australischen Sidney Mordechai Vanunu aufgestöbert, einen einundreißig Jahre alten Israeli, der nach eigenen Angaben acht Jahre lang, von 1977 bis 1985, als Techniker in der Kernanlage Dimona in der Negev-Wüste arbeitete. Im November des Vorjahres wurde er mit 180 anderen Mitarbeitern entlassen: Jerusalem muß sparen. Die Sunday Times holte Vanunu nach London, wo ihre Reporter ihn vier Wochen lang befragten. Im Gepäck hatte der Israeli mehr als sechzig Farbphotos, die er heimlich in Dimona aufgenommen haben will. Sein Bericht und die Photos ließen für das Londoner Blatt den Schluß zu: Seit zwanzig Jahren bauen die Israelis tief unter der Negev-Wüste Atombomben.

Dem Bericht zufolge verfügt Israel seit Beginn der sechziger Jahre über die Technik und die nötigen Anlagen, jährlich vierzig Kilogramm waffenfähiges Plutonium zu produzieren, genug für den Bau von zehn Atombomben pro Jahr. Ein von Frankreich Ende der fünfziger Jahre gelieferter Reaktor mit einer Kapazität von 26 Megawatt sei von den Israelis auf 150 Megawatt erweitert worden, um die Plutoniumproduktion weiter steigern zu können. Die heimliche Waffenfabrik befinde sich in dem geheimnisumwitterten Gebäude "Machon 2", sechs Stockwerke tief unter dem Dimona-Komplex, den israelische Fremdenführer ihren Touristen als "Textilfabrik" erklären. Hier habe Vanunu acht Jahre lang gearbeitet; hier habe er auch unbeobachtet photographieren können.

Die Sunday Times ließ das Ergebnis ihrer Recherchen von renommierten Atomwissenschaftlern prüfen. Frank Barnaby, britischer Nuklearphysiker und früherer Direktor des schwedischen Friedensforschungsinstituts SIPRI, der mit Mordechai Vanunu sprach, fand dessen Bericht "total überzeugend". Auch der amerikanische Atomphysiker Theodore Taylor schenkte Vanunu Glauben – "vorausgesetzt, die Photos wurden in Dimona aufgenommen". Andere britische Experten zeigten sich indes skeptisch. Sie bezweifeln, daß ein angelernter Techniker wie Vanunu einen so genauen Einblick in das geheime Atomprogramm nehmen konnte. Überdies hätte der ursprüngliche 26-Megawatt-Reaktor völlig umgebaut werden müssen, um die genannte Plutonium-Menge produzieren zu können.

Was das Londoner Blatt als Sensation "enthüllt", ist unter Experten seit langem unbestritten. "Israel hat die Fähigkeit, Atomwaffen zu bauen, und aller Wahrscheinlichkeit nach hat es von seiner Fähigkeit auch Gebrauch gemacht", sagt Sverre Lodgaard vom norwegischen Friedensforschungsinstitut in Oslo (PRIO). Auch SIPRI-Experte Jozef Goldblat nennt den Londoner Bericht "überhaupt keine Überraschung". "Worüber wir jetzt sprechen, sind lediglich Zahlen." Goldblat geht davon aus, daß Israel über "zwei Dutzend" atomare Sprengsätze verfügt.

Soviel gilt als gesichert: Im Jahre 1957 wurden der heutige israelische Ministerpräsident Schimon Peres, damals Staatssekretär im Verteidigungsministerium, und der sozialistische französische Ministerpräsident Guy Mollet über die Lieferung eines Kernreaktors an Israel handelseinig, der auf der Basis von Natur-Uran arbeitete. Das für den Betrieb notwendige Schwere Wasser, ungefähr zwanzig Tonnen, kaufte Israel in Norwegen ein. Schön 1963 nahm der Reaktor in Dimona den Betrieb auf. Die französische Firma Saint Gopain lieferte Israel Ende der sechziger Jahre eine nukleare Wiederaufarbeitungsanlage, in der das erbrütete Plutonium vom Uran getrennt wird.