Von Raimund Hoghe

Ende der sechziger Jahre, in Wuppertal: erste Begegnungen mit Rosel Zech, einer jungen Schauspielerin auf dem Weg zum Theaterstar. Sie war die Beatrice in Shakespeares "Viel Lärm um nichts" und die Grusche in Brechts "Kaukasischem Kreidekreis"; ich ging zur Handelsschule und machte Statisterie. Einmal, in der Kantine des Schauspielhauses, gab ich ihr ein kleines Buch, das mich sehr beeindruckt hatte. "Ich weiß, das Reclam-Heft mit Pascals ‚Pensées‘", erinnert sie sich knapp zwanzig Jahre nach dem ersten Treffen. Dazwischen:. vereinzelt kurze Begegnungen, Telephongespräche, Spaziergänge – unter anderem in Bochum, wo sie zu Peter Zadeks gefeiertem Bo-Ensemble gehörte und 1977 als "Hedda Gabler" zur Schauspielerin des Jahres gewählt wurde.

Rosel Zechs Hedda Gabler: eine Frau, die verletzt ist und verletzend, Kälte ausstrahlt und Wärme sucht, ein Monster, isoliert wie King Kong, und ein Mensch, dem nicht gelingt, was andere scheinbar mühelos schaffen: sich abzufinden mit "dem Unvermeidlichen", sich anzupassen ans fremde Spiel mit dem eigenen Leben. "Mut – ja – wenn man den hätte, dann könnte man vielleicht leben, trotz allem", sagt sie und zieht am Ende den "Tod in Schönheit" dem unschönen Leben vor. Hedda erschießt sich. Reaktion der verständnislosen Umwelt: "So was tut man doch nicht." Warum Menschen es trotzdem tun, sei eine der Sachen, die sie wissen wolle, erklärte Rosel Zech damals im Gespräch, und daß sie eine Sucht danach habe, dahinter zu kommen, wie Lebensgeschichten ablaufen, Dinge funktionieren. "Das möchte ich wirklich sehr genau wissen."

Ihre eigene Geschichte las sich in Bochum unter anderem so: "Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen. Bei Bremen. Mein Vater war Binnenschiffer. Weser-Ems-Ruhr-Rhein. In den Ferien bin ich immer mitgefahren. Mit sechzehn bin ich von zu Hause weg. Nach Berlin, auf die Schauspielschule. Ich wollte immer nur Schauspielerin werden, nie was anderes." Nach abgebrochener Schauspielausbildung und zunächst erfolglosen Vorsprechreisen durch die Provinz: erstes Engagement in Landshut. Auf fünf Jahre Bayern folgen zwei Jahre Biel/Solothurri und schließlich Wuppertal.

"Nach Wuppertal kam Stuttgart, dann Bochum, Hamburg, Berlin, München – so lange Jahre ist das her", bemerkt sie in der Münchener Wohnung, die sie sich mit ihrem langjährigen Lebensgefährten, dem .Filmproduzenten Thomas Schühly, teilt. Kennengelernt hatten sie sich in Bochum: Er war Student, sie einer der Stars des Zadek-Ensembles. Auch wenn sie bei dem seit einigen Monaten mit einer andern verheirateten Schühly wohne, könne man sagen, sie lebe allein. "Ich hab’ meist allein gelebt. Aber es ist nicht so, daß ich ein Einsiedler bin – das wär’ ja schrecklich. Ich bin nicht die große einsame Künstlerin – auch wenn manche sagen, ich hätt’ so was Einsames um mich."

Verabredung zum Interview. Rosel Zech schlägt vor, das Gespräch in der Küche zu führen. "Ich hoffe, es irritiert Sie nicht, wenn ich dabei arbeite", erklärt sie und beginnt zu kochen, wäscht Salat und setzt Teewasser auf. Ich frage sie noch einmal nach der Rolle der Hedda Gabler, die für sie den großen Durchbruch als Schauspielerin bedeutete. Ja, da sei viel von eigenen Erfahrungen drin gewesen, bestätigt sie, aber über den danach gespielten alten Mann, den Polonius in "Hamlet", habe sie auch eine Menge gewußt. "Wenn ich Phantasie reinpumpe, muß das auch etwas mit mir zu tun haben – sonst hätte ich, gar keine Phantasie drauf." Wenig später sagt sie: "Es gibt Rollen, die man spielt, weil man eine gute Schauspielerin ist, und es gibt Rollen, bei denen es einem geht wie mit Menschen, die man kennenlernt und man denkt, man kennt sie schon lange, das ist ein Teil von dir. Es gibt so Rollen, das sind Lieben auf den ersten Blick – da knallt man drauf zu."

Eine dieser Lieben: "Die Sehnsucht der Veronika Voss", die 1981 von Rainer Werner Fassbinder verfilmte Geschichte der in den dreißiger Jahren gefeierten, später drogenabhängigen Schauspielerin Sibylle Schmitz. Im üblichen Sinn habe Fassbinder nicht mit ihr gearbeitet. "Hol’ dir ein Buch über Drogen", habe er ihr vor Beginn der Dreharbeiten empfohlen und gemeint: "Ansonsten hast du Phantasie als Schauspielerin, und hier hast du das Drehbuch."